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Viele Jahrzehnte lang war der "Vastorfer Krug" Treff- und Mittelpunkt des Ortes. Hier wurden Nachrichten ausgetauscht. Nun macht die Kneipe dicht. (Foto: phs)

Ende des „Vastorfer Krugs“

Vastorf. Alles hat seine Zeit. Diese Erkenntnis gilt auch für Dorfkneipen: Es ist Sonnabendnachmittag. Im „Vastorfer Krug“ laufen die Vorbereitungen für den Kameradschaftsabend der Feuerwehr. Die Tische im Saal sind schon eingedeckt, jetzt steht Wirtin Hildegard Leuenberg in der Küche und bereitet die Hochzeitsuppe vor, für die sie in Vastorf „berühmt“ ist und die sie den Brandschützern am Abend servieren wird. Ein letztes Mal. Denn mit dem Ende der Feier endet auch die Ära des „Vastorfer Kruges“. Die Dorfkneipe schließt – nach mehr als 50 Jahren.

„Es lohnt nicht mehr“, sagt Tochter Bettina, die am letzten Abend im Service ebenso aushilft, wie ihre Geschwister: „Bei den Nachbarn ist in den Wohnzimmern inzwischen mehr los, als bei uns in der Kneipe“, stellt die 52-Jährige ironisch fest. Das Sterben der Gasthöfe auf dem Land geht weiter. Und dafür gibt es viele Ursachen.

Früherer Treffpunkt des Ortes

„Früher war das Gasthaus der Treffpunkt des Ortes“, erinnert sich Ostheides Samtgemeindebürgermeister Norbert Meyer (SPD), der in Vastorf wohnt: „Da wurde nach der Arbeit mit Freunden und Nachbarn dort das Feierabendbier getrunken.“ Auch für die Feuerwehr sei früher nach Übungen und Einsätzen der Vastorfer Krug ein fester Anlaufpunkt gewesen. „Das Feuerwehrauto wurde abgestellt, dann traf man sich in der Gaststätte“, berichtet Meyer.

Ein Familienfoto am letzten Tag im Vastorfer Krug: In der Mitte (sitzend) Mutter Hildegard Leuenberg, links Tochter Beatrice, rechts Bettina. Hintere Reihe (stehend v.l.): Dennis, Belinda, Enkel Fynn und Tochter Jennifer. (Foto: kre)
Entsprechend skeptisch habe damals der Wirt Horst Leuenberg reagiert, als in Vastorf das neue Feuerwehrhaus gebaut wurde. Seine Sorge war, dass die Kameraden künftig im Feuerwehrhaus und nicht mehr im Vastorfer Krug feiern würden. Um dem Wirt diese Sorge zu nehmen, hatte sich die Vastorfer Wehr damals darauf verständigt, dass im Feuerwehrhaus keine großen Feiern stattfinden dürfen. „Feuerwehrbälle, Kameradschaftsabende – all das fand bis zum Schluss im ‚Vastorfer Krug‘ statt“, berichtet Meyer, selbst Mitglied der Feuerwehr.

Dass jetzt auch die Kneipe in Vastorf dicht macht, empfindet der Rathauschef als Verlust: In Wendisch Evern gebe es ebenso wenig ein Gasthaus wie in Thomasburg und Barendorf. Besser aufgestellt sei Neetze mit dem „Neetzer Hof“ und dem Reiterhof Süttorf. Gut versorgt seien die Reinstorfer mit ihrem Hotel und der Kneipe „One World“.

Geändertes Freizeitverhalten setzt den Kneipen zu

Dass die Gastronomie auf dem Lande zusehends ums Überleben kämpfen muss, ist aus Sicht von Anja Winterberg vom Vorstand des Kreisvebandes Lüneburg im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) auch der Tatsache geschuldet, dass in vielen Orten in der Vergangenheit Dorfgemeinschaftshäuser errichtet worden seien. „Die Leute feiern lieber dort statt in klassischen Gasthäusern.“ Hinzu komme das geänderte Freizeitverhalten: „Das Feierabendbier wird heute zu Hause auf der Terrasse, nicht mehr in der Kneipe getrunken“, beobachtet Winterberg.
Eine Einschätzung, die Familie Leuenberg nur bestätigen kann: Wehmütig erinnert sich Wirtin Hildegard Leuenberg an die Zeiten zurück, als ihre Gaststätte Treff- und Mittelpunkt des Ortes war. Wer Neues erfahren wollte, der kam in die Kneipe.

Das Arbeitsamt hatte seinerzeit sogar eine „Außenstelle“ im „Vastorfer Krug“: Alle 14 Tage kam ein Beamter in den Gasthof, um das sogenannte „Stempelgeld“ – die Arbeitslosenunterstützung – auszuzahlen.

Vor allem aber erinnert sich Familie Leuenberg gerne an die späten 1970er- und die 1980er- Jahre. Damals galten die Gemeinde Vastorf und vor allem der „Vastorf Krug“ als eine Hochburg des Skat-Spiels. Zehn Jahre lang trafen sich dort die Besten der Besten zum Skatspiel. Sie kamen aus der halben Republik – aus Niedersachsen, Hessen, Hamburg, Schleswig-Holstein.

Und wer seinen Herz-Buben oder seine Herz-Dame in Natura kennenlernen wollte, der fuhr als junger Mensch ebenfalls in den „Vastorfer Krug“: Denn der war in dieser Zeit auch Disco – mit allem was dazu gehört: von der Lichttechnik und Glitzerkugel an der Decke bis zu den Auftritten von damaligen Disco-Stars.

Kinder wollen Lokal nicht übernehmen

Doch die goldenen Zeiten sind vorbei: Keines der sechs Kinder von Hildegard Leuenberg will den „Vastorfer Krug“ weiterführen. „Um Gottes Willen“, sagt Dennis Leuenberg (41), der zugleich Ortsbrandmeister in Vastorf ist: „Wir haben alle unseren Beruf.“ Jetzt aber helfen die Kinder ein letztes Mal ihrer Mutter in der Kneipe aus – die älteste Tocher Beatrice (55), Bettina (52), Belinda (50), Jennifer (46) und die Söhne Mirco (44) und Dennis (41).

Was nach der Schließung passiert, darüber hüllen Leuenbergs noch den Mantel des Schweigens. Nur soviel: Das Haus sei bereits verkauft. Dass der neue Besitzer die Gaststätte weiterführt, das aber glaubt niemand…

Von Klaus Reschke