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Ein Spezialeinsatzkommando (SEK) hat nach der Schießerei eine Wohnung an der Theodor-Heuss-Straße gestürmt. Die war allerdings leer. (Foto: A/ca)

Mutmaßlicher Schütze schweigt

Lüneburg. Ein Vierteljahr nach der Schießerei in Kaltenmoor hat die Polizei ihre Ermittlungen weitgehend abgeschlossen. Der Hauptverdächtige Mohamed E. sitzt weiter in Untersuchungshaft. Das bestätigt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Jan-Christoph Hillmer. Das Verfahren richte sich gegen drei Beschuldigte, wie lange es noch dauere, sei noch offen, da noch nicht alle Fragen geklärt seien. Anklage ist deshalb noch nicht erhoben worden.

Wie berichtet, fielen in der Nacht zum 4. April am St.-Stephanus-Platz weit mehr als ein Dutzend Schüsse aus einem schwarzen Audi A 5 auf eine Gruppe von einem halben Dutzend Männer. Vermutlich eher zufällig wurde ein 20-Jähriger in Rücken und Bein getroffen, der junge Mann wurde noch in der Nacht operiert. Die Täter gaben Gas. Wahrscheinlich wurde aus zwei Schusswaffen abgefeuert, da die Spurensicherung auch Hülsen aus einem Schreckschussrevolver gefunden haben soll. Die Waffen sind verschwunden.

Scharf geschossen haben soll der 21 Jahre alte Mohamed E. War die Polizei zunächst nur von einem Komplizen ausgegangen, der mit im Auto saß, stellte sich später heraus, dass es einen weiteren Beteiligten gab. E. stellte sich später mit einem Anwalt auf der Wache in Lüneburg und soll seither zu den Vorwürfen schweigen. Die beiden anderen Männer konnte die Polizei inzwischen ermitteln. Eben weil es um scharfe Waffen ging, setzte die Polizeiführung auf spektakuläre Aktionen: Mehrmals rückten Spezialkräfte an, um Wohnungen zu durchsuchen. Auch nach Hamburg und Lübeck reichen die Verbindungen der Beschuldigten. So stellte die Polizei das Tatfahrzeug in Hamburg-Hamm sicher.

Dealer flog an der Grenze zu Holland auf

Mutmaßlich gerieten die Beteiligten wegen eines fehlgeschlagenen Drogengeschäfts aneinander. Wochen vor der Schießerei waren an der holländischen Grenze Lüneburger Drogenkuriere aufgeflogen, sie hatten mehrere Kilo Marihuana und mehr als 10 000 Euro bei sich – bitter für die hiesigen Dealer, die damit Geld verloren. In dem Drogenverfahren ermittelt laut Polizei die Staatsanwaltschaft Oldenburg.

Gleichwohl behält die Lüneburger Polizei diesen Drogenaspekt im Blick. Seit längerem schwappen aus mehreren Kanälen billige Drogen an die Ilmenau. Ein Zufluss strömt aus Hamburg. Das wissen die Spezialisten im 2. Fachkommissariat durch Kontrollen und Festnahmen.

Kaltenmoor hingegen soll sein berauschendes „Gras“ und seine Pillen hauptsächlich von Mitgliedern aus Großfamilien erhalten, die der Polizei seit langem bekannt sind. Es gibt Spekulationen, dass aus diesem Kreis Verbindungen zum Bremer Miri-Clan bestehen, der zu den sogenannten Mhallamiye-Kurden zählt. Das ist eine arabisch sprechende Volksgemeinschaft in der Türkei und deren Grenzgebieten, ganze Dörfer kamen vor drei Jahrzehnten als Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon nach Deutschland. Der Hauptbeschuldigte E. soll damit geprahlt haben, er gehöre zu den Miris, um sich so Respekt zu verschaffen, erzählt man sich in der türkischen Gemeinde. Dort heißt es auch, man kenne die Familie E., sie sei freundlich und rechtschaffend, der Sohn gelte als „schwarzes Schaf“. Die Ermittler zweifeln überdies, ob Mohamed E. tatsächlich enge Familienbande zu den Miris besitzt.

Polizei erhöht den Druck auf die Szene

Was in einem Fall nicht sein muss, kann in anderen zutreffen. Das Landeskriminalamt hat in der Vergangenheit erklärt, dass Mhallamiye-Familien in Hannover, Hildesheim, Stade, Achim, Wilhelmshaven, Peine, Göttingen, Osnabrück, Braunschweig, Salzgitter, Hameln, Delmenhorst und eben auch in Lüneburg ansässig sind. Das ist nicht neu, mehrere Clans wohnen an der Ilmenau und in angrenzenden Dörfern.

Die Polizei war nach der Schießerei im April mehrfach massiv gegen die lokale Drogenszene vorgegangen. So hatte es unter anderem von der Bereitschaftspolizei begleitete Durchsuchungen Am Berge gegeben. Aus dem Polizeikomplex Auf der Hude sollte das Signal gesendet werden: „Wir stören Eure Geschäfte.“ Das sei eine langfristige Strategie, hatten leitende Beamte in der Vergangenheit gesagt. Es dürfte also weitere Kontrollen geben. Parallel dazu geht der Drogenhandel weiter. Wer hinschaut, kann das beobachten. Mitten in der Stadt.

Von Carlo Eggeling