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Die Lüneburger Händler Konrad (l.) und Jan Gelinsky haben seit mehr als 50 Jahren Rimowa-Koffer im Sortiment. Dem Konzern passen kleinere Geschäfte aber offenbar nicht mehr ins Konzept. (Foto: t&w)

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Lüneburg. Die goldene Hochzeit haben die beiden hinter sich. Da kennt man sich eigentlich bestens und rennt nicht mehr auseinander. Deshalb war Konrad Gelinsky geschockt und beinahe fassungslos, als sein Partner Rimowa jetzt mit Scheidung drohte. Die Familie Gelinsky betreibt das Lederwarengeschäft Rothardt An den Brodbänken, seit 1902 bieten die Händler Koffer, Portemonnaies und Accessoires an. Der Kofferhersteller Rimowa liefere seit mehr als 50 Jahren. Bis auf kleine Differenzen sei es immer bestens gelaufen. Jetzt ist alles anders. Wie sehr Gelinsky das Ganze trifft, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch persönlich, zeigt sich an seinem Satz: „Es war eine Beziehung, fast wie verheiratet.“

Es gibt eine Menge Betriebe, die Koffer herstellen. Unter Kennern genießt das Gepäck aus Köln aber einen besonders guten Ruf. Die Aluminiumschalen gelten als besonders belastbar und widerstandsfähig. Die Rimowa GmbH, das Kürzel steht für Richard Morszeck Warenzeichen, führte das charakteristische – inzwischen urheberrechtlich geschützte – Rillen-Design 1950 ein, die Leichtmetall-Variante gab es allerdings schon vorher. Firmenchef Dieter Morszeck setzte im Jahr 2000 auf den Werkstoff Polycarbonat, ebenfalls sehr belastbar, aber er bringt nur ein Viertel des Gewichts auf die Waage. Das freut Kunden an den Schaltern der Fluggesellschaften.

Rimowa soll Luxus-Label werden

Gelinsky ist nicht der einzige, der unter einer neuen Ausrichtung des Herstellers leidet. Auch andere Kollegen haben an der neuen Gangart zu knapsen. Die „Welt am Sonntag“ hat der Entwicklung kürzlich eine Seite im Wirtschaftsteil gewidmet.

In dem Artikel steht, was auch Seniorchef Konrad Gelinsky und sein Sohn Jan berichten: Dieter Morszeck verkaufte Rimowa im Herbst 2016 an den französischen Luxus-Konzern LVMH. Die Manager in Paris wollen Rimowa in ihr Edel-Reich eingliedern, zu dem beispielsweise die Modemarken Louis Vuitton und Givenchy sowie die Sekt- und Spirituosenproduzenten Moët und Hennessy gehören. Offenbar wollen sie die Marke aufpeppen. Die Franzosen machen den Rimowa-Händlern daher strenge Vorgaben.

„Die Koffer sollen nur noch in Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern angeboten werden“, schildert Konrad Gelinsky. „Dazu sollen wir pro Jahr mit Rimowa einen Umsatz von einer halben Million Euro erzielen. In unserem Geschäft sollen die Koffer am Eingang stehen, dazu weitere besondere Marken.“ Der 80-Jährige schüttelt den Kopf: „Wir lassen uns nicht vorschreiben, wie wir unseren Laden zu führen haben. Wir kennen doch Stadt und Kunden.“

Auch andere Firmen stellen schicke Koffer her

Rimowa bringe einiges Geld in die Kasse. Konkret wollen die Gelinskys es nicht verraten, aber ein Einfamilienhaus im Landkreis könne man sich schon davon kaufen. Doch ein Umsatz von einer halben Million Euro sei nicht zu erzielen. Es schmerze, wenn dieser Teil wegfalle, gleichwohl sei es nicht bedrohlich, da man auch mit anderen Produkten punkte, betont auch der Juniorchef. Das schaue bei Kollegen ganz anders aus: Rund 500 Häuser führten in Deutschland Rimowa, bei manchen mache das zwischen 30 bis 45 Prozent der Einnahmen aus. Ein Ersatz sei für viele nicht in Sicht.

Gelinskys sind da optimistischer: Sie sagen, auch Samsonite oder Porsche Design hätten schicke Koffer und Taschen im Sortiment. Selbst wenn sie Rimowa halten könnten, wäre es eine Herausforderung. Warum, erklärt Jan Gelinsky mit einem Preisvergleich: Ein Koffer fürs Bordgepäck im Flugzeug koste bei ihnen „nach der bis vor kurzem gültigen Rimowa-Preisliste 689 Euro“. In einem eigenen Rimowa-Shop an der Alster seien es inzwischen 800 Euro. Noch deutlicher falle der Unterschied bei einem regulären Reisekoffer aus, sagt der 38-Jährige nach ein paar Klicks im Internet: 769 Euro nach alter Preisliste, 1040 Euro nach der neuen.

Brief an die Konzernleitung geschrieben

Es gebe keine Verbesserungen des Produkts, nur einen höheren Preis, sagen die Händler. Sie vermuten eine klare Strategie des LVMH-Konzerns hinter diesem Vorgehen: Die klassischen Händler werden aus dem Geschäft gedrängt, Rimowa betreibt eigene Läden und setzt die Preise nach oben – Kunden kaufen sich mit diesem Symbol in eine noch exklusivere Luxuswelt ein.

Gelinsky senior geht es so wie bei einer brüchigen Beziehung. Da will man irgendwie nicht glauben, dass es wirklich zu Ende geht und der andere sich neu orientiert – ohne Rücksicht. Der Unternehmer hat einen Brief an den französischen Konzernvorstand aufgesetzt: „Den lasse ich übersetzen, auf Deutsch landet der sonst gleich im Papierkorb.“ Er wirbt noch einmal für das, was mal war, und eine gemeinsame Zukunft. Doch weder er noch sein Sohn glauben so recht, dass die alte Liebe wieder erwacht. Ganz Kaufleute loben sie inzwischen die Produkte anderer Hersteller: „Günstiger und auch gut.“ Gerade in der Polycarbon-Variante, da sei Rimowa schon lange nicht mehr allein auf dem Markt.

Von Carlo Eggeling