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Ein Bild wie aus früheren Zeiten: In Böhmsholz entstehen in diesen Tagen nach traditioneller Art die Bauteile für die neue Holzbrücke im Tiergarten. Foto: t&w

Die Brücke im Wald

Lüneburg. Tock, tack, tock, tack, tock, tack – wer sich in diesen Tagen Böhmsholz nähert, wird schon von Weitem gewahr, dass sich mitten im Wald einiges tut. Knapp zwanzig Handwerker sind auf dem Gelände des Waldgasthofs dabei, Träger, Stützen, Dachbalken und Bodenbretter, aber auch schmiedeeiserne Beschläge und Nägel für die neue Holzbrücke über den Hasenburger Mühlenbach unweit der Roten Schleuse anzufertigen. Doch das ist nicht das einzige Ziel. Denn das Projekt ist Teil des internationalen Handwerkertreffens „Kesurokai“, bei dem nach alter Handwerkstradition gearbeitet wird.

Prüfend nimmt Cornelius Litzka die Sägezähne seiner Klöbsäge in den Blick, dann spannt er das Sägeblatt in eine Vorrichtung und feilt nach, Zahn für Zahn, möglichst in immer gleichem Winkel. „Der richtige Winkel entscheidet, wie gut die Säge arbeitet“, sagt der Zimmerer und beugt sich noch einmal über das Blatt. Wenige Meter weiter wird kräftig gebeilt. Karou Maruyama bearbeitet gemeinsam mit fünf, sechs anderen einen kräftigen, acht Meter langen Douglasienstamm, der auf Hauschweinen aufgebockt ist und den Zimmerern so die richtige Arbeitshöhe bietet. Immer wieder hält der 25-jährige Japaner inne, prüft, ob noch mehr Holz abgeschlagen werden muss, und arbeitet sich Schlag für Schlag voran.

Austausch über traditionelle Arbeitstechniken

Karou und Cornelius sind Mitglieder der 18-köpfigen „Kesurokai“-Gemeinschaft, die wie berichtet zu diesem Projekt aus aller Herren Länder zusammengekommen ist. Gemeinsam hobeln, wie „Kesukorai“ auf Deutsch bedeutet, ist das Ziel des Treffens, an dem neben Deutschen auch Handwerker aus den Niederlanden, Luxemburg, Belgien, Schweden, Estland und den USA teilnehmen. Besonders wichtig ist ihnen dabei der Austausch über traditionelle Arbeitstechniken und das gemeinsame Arbeiten und Kennenlernen bei diesem internationalen Projekt, das nach zwei Jahren Vorbereitungszeit im Frühjahr mit ersten Arbeiten startete.

„Man lernt, das Holz richtig zu lesen“, sagt Claus Amarell. Der 46-Jährige, der in Detmold eine Zimmerei betreibt, hat für das Lüneburger Brückenprojekt seinen Jahresurlaub geopfert. Mit einem Schnurschlag hat er gerade auf der Douglasie eine Linie gesetzt, sie markiert, wieviel von dem Stamm entfernt werden soll. „Das wird eine der Boden-Längsbalken, auf denen dann die Bretter montiert werden“, sagt der Zimmerer. Dann greift er zu einem Beil, und im Gleichtakt mit einem Zimmerergesellen setzt er gezielte Schläge fürs Kerven, wie das Herausschlagen einer groben Kerbe genannt wird – ein Knochenjob bei rund vierzig Kerben pro Stamm.

Stadt stellt Kost und Logis

Seit den frühen Morgenstunden sind sie auf den Beinen, übernachtet haben sie in den Unterkünften des früheren Schullandheims. Die Stadt stellt Kost und Logis, außerdem das Material und die Statikarbeiten, die für den Brückenbau benötigt werden. Etwa 30.000 Euro nimmt die Stadt für den Neubau mit Dach in die Hand, mit eingerechnet das Umsetzen der alten Brücke ins Lüner Holz, wo sie künftig den Raderbach überspannen soll. Die Bäume – Douglasie und Eiche – stammen aus dem Stadtwald.

Der Ort, an dem sie arbeiten, gefällt ihnen trotz oder gerade wegen der Abgeschiedenheit gut. „Ideal“, sagt Claus Amarell, der wie die meisten mit wenigen Worten klarkommt. Die Verständigung untereinander fällt nicht schwer, meist wird auf Englisch gesprochen, „wir haben aber auch vier unter uns, die aus dem Englischen ins Japanische übersetzen können“. Und manchmal braucht man ohnehin keine Worte.

Besucher willkommen beim Tag der offenen Tür

Die Handwerker müssen sich sputen, der Zeitplan, den sie sich gesetzt haben, ist eng begrenzt. Schon am Mittwoch kommender Woche sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Einen Tag später werden die Teile in den Tiergarten transportiert, am Freitag wird aufgebaut – „mehr als einen Tag brauchen wir dafür nicht“ –, dann soll die Brücke stehen. Zum Richtfest am Sonnabend, 21. Juli, ist jedermann willkommen, wie die Stadt mitteilt.

Wer vorher noch einen Blick auf die traditionell arbeitenden Handwerker werfen will, hat dafür am Sonnabend, 14. Juli, Gelegenheit. Dann ist von 10 bis 17 Uhr in Böhmsholz Tag der offenen Tür – und wer mit dem Fahrrad kommt, wird es schon von Weitem hören, das herrliche tock, tack, tock, tack, tock, tack.

Von Ulf Stüwe

Mehr dazu: 

‚Kesurokai‘ heißt ‚Gemeinsam hobeln‘

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