Mittwoch , 19. September 2018
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Jördis Köbinger macht die Übungen vor, die allermeisten Studentinnen und Studenten machen gerne mit. Foto: t&w

Ein paar Minuten zum Durchatmen

Lüneburg. Jördis Köbinger erinnert sich noch gut daran, als sie das erste Mal in einem Hörsaal vor 200 Studenten stand. Auch bei ihrem zweiten „Mobilization Break“ klopfte das Herz ordentlich. Mittlerweile ist die 26-Jährige Profi, sie ist in ihrer Rolle, egal ob sie 10, 200 oder 1000 Leute anleiten muss. Als Trainerin für Bewegungspausen verantwortet die Studentin beim Hochschulsport der Leuphana den Bereich „MoBe“ und damit fünfminütige sportliche Unterbrechungen im Uni-Alltag. Das Konzept dürfte deutschlandweit einzigartig sein. An anderen Hochschulen werden solche Pausen überwiegend für Mitarbeiter angeboten.

30 Bewegungspausen pro Semester

Die angehende Sport- und Englischlehrerin hat erst in diesem Jahr drei neue Übungsleiter ausgebildet, das Team besteht aus sechs Personen. Köbinger schätzt, dass im Semesterbetrieb, also innerhalb von drei Monaten, etwa 30 solcher Einheiten auf dem Campus gebucht werden. „Groß ist die Anfrage immer bei der Startwoche im Oktober.“ Die Teilnahme an einer MoBe ist freiwillig, dass die Einheiten kostenlos angeboten werden können, verdankt die Lüneburger Sporteinrichtung der Techniker Krankenkasse.

Mobile Pause

Studenten können Wunsch äußern

Während Dozenten eine solche Pause für ihr Seminar oder ihre Vorlesung buchen können, haben Studenten die Möglichkeit, sie sich zu wünschen. Dazu müssen Name, Uhrzeit der Lehrveranstaltung und Name des Dozenten per E-Mail an hss-mobe@leuphana.de gesendet werden. Empfohlen wird eine MoBe für Seminare mit Überlänge oder Wochenendveranstaltungen, aber auch in 90-minütigen Kursen ist sie für die Aufnahmefähigkeit förderlich.

Jördis Köbinger, die im August ihre Masterarbeit schreiben und dann in ihr Referendariat starten wird, ist 2014 zu dieser Tätigkeit gekommen. Der Hochschulsport hatte 2011 im Komplementärbereich ein Seminar angeboten, eine Projektgruppe setzte sich mit „Mobilization Breaks“ auseinander – die Geburtsstunde eines Konzepts, das heute noch Einzug auf dem Campus hält.

„Probleme im Studium sind das viele Sitzen, gerade wenn man mehrere Veranstaltungen hintereinander hat“, sagt sie. „Aber auch der Sauerstoffmangel wird unterschätzt.“ Die Folgen kennt sie nicht nur von sich selbst, sie hat sie auch oft genug beobachtet: „Das Handy wird herausgeholt, das Quatschen nimmt zu. Man sucht sich andere Reize und ist auf jeden Fall nicht mehr aufmerksam.“ Bewegungen könnten nicht nur das allgemeine Wohlbefinden steigern, sondern auch das Lernklima und die Stimmung beeinflussen. „Informationsprozesse im Gehirn werden angeregt, man ist wieder in der Lage, Inhalte aufzunehmen.“

Pausen fördern die Konzentrationsfähigkeit

Mit dem Thema hat sich die junge Frau in ihrem Studium beschäftigt, 2016 ging es in ihrer Bachelor-Arbeit um den Einfluss von Bewegungspausen auf die Konzentrationsfähigkeit. Zuletzt erbrachte Köbinger in einem Forschungsprojekt Nachweise für die Effektivität: Sie machte mit Schülern die Aktivierungsübungen und ließ sie anschließend Konzentrationstests schreiben. Ihre Erkenntnis: „Die, die an der Bewegungspause teilgenommen hatten, haben deutlich besser abgeschnitten.“

Doch wie sieht eine MoBe aus? Nach etwa der Hälfte einer Lehrveranstaltung, bei Blockseminaren auch nach der Hälfte des Tages, klopft Jördis Köbinger an die Tür, stellt sich kurz vor und versichert allen, dass es sich um leichte Übungen handelt. „Ich möchte keinen negativen Eindruck erwecken oder ihnen das Gefühl geben, dass das gleich total anstrengend wird.“ Vielmehr sei es ihr Anliegen, die Konzentration zu steigern und den Kreislauf in Schwung zu bringen. Dabei greift die Expertin auch stets auf ein einfaches Hilfsmittel zurück: Sie reißt die Fenster weit auf.

Dann folgt eine Aktivierungsübung: „Strecken, Äpfel pflücken, auf der Stelle laufen oder den Körper abklopfen“, nennt sie Beispiele. Im Koordinationsteil geht es darum, die beiden Gehirnhälften zusammenzuführen. „Kreuzübungen sind gut: Mit der rechten Hand den linken Fuß anfassen, mit der einen Hand auf dem Bauch kreisen, mit der anderen auf den Kopf klopfen.“ Etwa eine Minute rechnet Köbinger für die Ruhephase, für Stretch-Übungen, ruhiges Atmen und Augenschließen, ein.

Dass manche Studenten sitzen bleiben, hat die Bewegungstrainerin schon oft erlebt. Vor allem in Hörsälen. „Das stört mich aber nicht, ich denke dann immer, dass sie vielleicht beim nächsten Mal mitmachen.“ Gleichwohl wünscht sich Jördis Köbinger ein größeres Selbstverständnis. „Es wäre schön, wenn das Konzept in Veranstaltungen integriert werden würde, ohne dass jemand kommt.“ Aber davon sei man noch weit entfernt.

von Anna Paarmann

Mit den Mobilen Bewegungspausen verzeichnet die Leuphana Universität Lüneburg seit vielen Jahren gute Erfolge. Ein LZplay-Video aus dem jahr 2013 zeigt Studenten und Bedienstete in Aktion: