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Ein „Findelkind“ vor der Kirchentür in Wendhausen: Der Turmfalke war wohl aus dem Nest gestürzt. Reinstorfs Pastorin Henrike Koch hat den Babyvogel gefunden, jetzt wird er in der Aufzuchtstation in Niendorf aufgepäppelt. (Fotos: Gerlach/kre)

Aus dem Nest gefallen

Wendhausen/Niendorf. Verängstigt drückt sich der Flaumknäuel an die schwere Holztür. Fast könnte man meinen, dass der kleine Turmfalke Einlass in das Gotteshaus in Wendhausen begehre. Reinstorfs Pastorin Henrike Koch staunte nicht schlecht, als sie am vergangenen Donnerstag das wenige Wochen alte Kücken vor dem Eingang der Petri-Kirche entdeckte. „Eigentlich wollte ich nur Fotos von einer Grabstelle machen“, sagt die Seelsorgerin, „da habe ich ihn dann vor der Kirchentür entdeckt.“ Der kleine Raubvogel war offenbar aus dem Nest gefallen. Gestoßen von den Geschwistern oder aus Übermut – das wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben.

Doch was tun mit dem kleinen Findelkind? Pastorin Koch informierte Roswitha Gerlach aus Wendhausen. Die Waldpädagogin hatte vor wenigen Tagen vor Reinstorfer Jugendlichen ein Seminar gehalten, die gemeinsam mit Pastorin Koch eine Jugend- und Konfirmandenfreizeit in Meudelfitz bei Hitzacker absolvierten und sich dabei auch für den Umweltschutz engagierten (LZ berichtete).

Die Bekanntschaft zwischen Gerlach und Koch rettete dem kleinen Falken vermutlich das Leben: Denn als Jägerin und ausgebildete Umweltpädagogin weiß Roswitha Gerlach, was zu tun ist. Sie packt den Unglücksvogel in einen Karton und bringt ihn zur Aufzuchtstation für verletzte Greifvögel in den Wildpark Lüneburger Heide. Dort kümmert sich jetzt Falkner Lothar Askani um das Wohlergehen des kleinen Turmfalken.

Etwa drei Wochen alt

Ob es sich bei dem kleinen „Nestflüchter“ um ein männliches oder weibliches Tier handelt, kann Askani noch nicht sagen: „Dafür ist es noch zu früh“, erklärt der Experte. Grundsätzlich aber unterscheiden sich Männchen und Weibchen optisch: Ältere Männchen haben einen hellgrauen Kopf und einen rotbraunen Rücken mit kleinen dunklen Flecken. Der Schwanz ist ebenfalls hellblaugrau mit einer schwarzen Endbinde. Die Unterseite des Körpers ist gelblich mit Längsstreifen und kleinen dunklen Tropfenflecken.

Beim Weibchen dagegen sind Kopf, Rücken und Schwanz rostbraun gefärbt mit dichter dunkler Fleckung und Querbänderung. Seine Körperunterseite ist stärker gefleckt als beim Männchen. All diese Merkmale sind beim Wendhausener „Findel-Falken“ freilich noch nicht erkennbar.

Askani schätzt, dass der Turmfalke etwa drei Wochen alt ist. Noch drei Wochen benötige er, bis er flügge ist. Dann soll er wieder ausgewildert werden. Nicht in Wendhausen, sondern in der Nähe der Greifvogel-Aufzuchtstation. Dort ziehen in einer Scheune Turmfalken ihren Nachwuchs auf. Wenn die Jungvögel zu ihren ersten Ausflügen starten, will Askani den Wendhausener Turmfalken mit dazu setzen. Von den Altvögeln soll er dann noch lernen, was er zum Überleben in freier Wildbahn wissen muss. Denn nachdem die Vögel das Nest verlassen haben, werden sie noch weitere vier Wochen von den Eltern begleitet und gefüttert. Danach verlassen sie ihren Geburtsort und suchen sich ein eigenes Revier.

„Turmfalken ernähren sich vorwiegend von Feldmäusen und anderen Wühlmäusen“, weiß Askani. Werde das Angebot an Mäusen knapp, machen die Falken auch schon mal Jagd auf kleinere Vögel. Darüber hinaus stehen Eidechsen und Insekten, vor allem Käfer und Heuschrecken und gelegentlich Regenwürmer auf der Speisekarte.

Ein Gewinner der Urbanisierung

Laut dem NABU leben in Deutschland knapp 50 000 Turmfalken-Paare, im gesamten Mitteleuropa nur rund 90 000 Brutpaare. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Jungvogel sein erstes Lebensjahr überlebt, liegt aber nur bei etwa 50 Prozent“, gibt Askani zu bedenken. Eine hohe Sterberate ist in den Monaten Januar und Februar zu verzeichnen, wenn sowohl ausgewachsene Vögel als auch Jungvögel gelegentlich verhungern, weil die Witterungsbedingungen ihre Jagd zu sehr einschränken.

Hinzu komme, dass sich vor allem junge Falken vor Fressfeinden in Acht nehmen müssen: „Gefährlich werden können ihnen unter anderem Füchse, Waschbären, Marder, aber auch größere Greifvögel wie Habichte oder der Uhu“, erklärt Lothar Askani. Der Turmfalke zählt als ursprünglicher Felsbewohner zu den wenigen Gewinnern der Urbanisierung, Türme, hohe Häuser und Scheunen haben ihm einen zusätzlichen Lebensraum eröffnet. Da er auch viele andere Lebensraumtypen, vor allem Waldränder, besiedeln kann, ist der Turmfalke in Deutschland und in ganz Europa relativ häufig anzutreffen. Zum Jagen benötigt der Turmfalke offene Flächen mit niedriger Vegetation. Nicht selten sieht man ihn auch an Straßenböschungen oder steilen Hängen.

Und Pastorin Koch hofft nun, dass sich auch „ihr“ kleiner Falke in der freien Natur behauptet und überleben wird. Alle guten Wünsche der Seelsorgerin begleiten ihn jedenfalls. . .

Von Klaus Reschke