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Der Angeklagte kurz vor Prozessbeginn mit seinem Verteidiger Ralf Blidon in Saal 121 des Lüneburger Landgerichts. (Foto: be)

45-Jähriger gesteht Brandstiftung

Lüneburg. Sie ist in Panik, heult, ihr Gesicht ist rußgeschwärzt. Die junge Frau hält ihre vier Jahre alte Tochter aus dem Fenster im ersten Obergeschoss, will das weinende Mädchen knapp sieben Meter tief in die Arme von Feuerwehrleuten werfen. Sie kommt nicht raus aus dem Zimmer, der Weg ins Freie ist abgeschnitten, der Hausflur ist voll mit schwarzem Qualm, es ist extrem heiß. Der Rauch ist auch schon im Raum. Die Feuerwehrleute reden beruhigend auf sie ein, holen schließlich Mutter und Kind über eine Steckleiter ins Freie.

So schilderten Feuerwehrleute die Situation am 16. Februar kurz nach 23 Uhr in einem Asylbewerberheim in Celle, einer von ihnen sagte: „Das hätte schlimmer ausgehen können.“ Denn als das Feuer ausbrach, hielten sich 167 von 200 Bewohnern in der Unterkunft auf.

Ein Heimbewohner, ein 45 Jahre alter Asylbewerber aus Montenegro, hat gestern vor der 3. großen Strafkammer am Landgericht Lüneburg gestanden, das Feuer gelegt zu haben, bei dem acht Menschen eine Rauchgasvergiftung erlitten hatten und ein Sachschaden von rund 200 000 Euro entstand. Bei der Frage nach dem Motiv sagte er lediglich, dass er unter Stress gestanden und seit dem Mittag viel Alkohol getrunken habe. Die Anklage geht von besonders schwerer Brandstiftung und gefährlicher Körperverletzung aus.

„Kinder hatten Angst, konnten nicht schlafen“

Der Angeklagte, der in seiner Heimat in der Landwirtschaft tätig war, kam etwa sieben Monate vor der Tat mit Frau und Kindern nach Deutschland, versprach sich für seine Familie hier eine bessere Zukunft: „Meine Kinder sind gute Schüler.“ In der Enge des Heims allerdings fühlte er sich nicht wohl, er kritisierte eine mangelnde Sicherheit und dass dort Drogen konsumiert würden: „Meine Kinder hatten Angst, sie konnten nicht schlafen.“ Er selbst trank täglich reichlich Alkohol – wie schon in seiner Heimat, wo er mehrfach seinen Führerschein abgeben musste, zuletzt wurde er kurz vor seiner Flucht mit 3,5 Promille am Steuer gestoppt.

Der Staatsanwalt geht davon aus, dass der 45-Jährige die Schaumstoffmatratze aus seinem Bett samt Decke auf den Flur schleppte, sie dort mit einem Feuerzeug entflammte. Dann seien auch Gebäudeteile in Brand geraten. Das hatte der Angeklagte bei der Polizei und beim Haftrichter gestanden. Gestern ließ er sich mit der Wiederholung des Geständnisses Zeit, wollte sich an Details zunächst nicht erinnern: „Ich konnte nicht schlafen. Es war Lärm auf dem Flur, meine Kinder fingen an zu schreien. Ich sprang auf und war nicht bei klarem Verstand.“ Und dann räumte er die Tat doch ein: „Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Es tut mir unsagbar leid.“ Seine Frau habe noch versucht, die Matratze mit einer Flasche Wasser zu löschen, sei dann aber mit den Kindern geflüchtet: „Ich habe versucht, das Feuer auszutreten. Andere Menschen haben zugeschaut, aber keiner hat mir geholfen.“ Als die Feuerwehr eintraf, verschwand der Angeklagte, wurde nach dem Hinweis von Zeugen aber noch in Tatortnähe festgenommen.

Urteil für August erwartet

Es werden noch etliche Zeugen vernommen, laut der Vorsitzenden Richterin Sabine Philipp sollen einige bei der Polizei erzählt haben, dass der Angeklagte bereits Tage vor der Tat und auch am Tatabend an der Pforte von einem Feuer gesprochen habe.

In dem Prozess wird auch ein psychiatrischer Gutachter gehört, der klären soll, welche Rolle der Alkohol für die Tat spielte und ob möglicherweise auch die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet werden sollte. Es sind noch fünf Prozesstage vorgesehen, ein Urteil könnte am 24. August gesprochen werden.

Von Rainer Schubert