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2016 ließ die Samtgemeinde Amelinghausen das erste Beet ihrer Klärschlammvererdungsanlage räumen. (Foto: t&w)

Lebensspender im Abwasser

Lüneburg. Auch Klärschlamm enthält wie Gülle lebenswichtigen, organischen Phosphordünger, der sonst als mineralischer Dünger importiert wird. Weil die weltweiten Phosphor-Ressourcen zur Neige gehen, braucht es Methoden zur Rückgewinnung aus Gülle, Hühnerkot, Gärresten und eben Klärschlamm. Doch das Zusammenspiel aus den Verordnungen zu Klärschlamm und Düngemitteln bringt immer mehr Kommunen als Klärwerksbetreiber in die Bredouille, auch im Kreis Lüneburg.

Einerseits finden die Gemeinden immer weniger Abnehmer in der Landwirtschaft, die den Klärschlamm als Dünger verwenden. Andererseits fehlen vielerorts die Möglichkeiten, den Klärschlamm zu lagern. Sogar die alternative Mitverbrennung in Kraftwerken stößt an seine Kapazitätsgrenzen, heißt es auch bei der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V. (DWA).

Auch für die Lüneburger „Abwasser, Grün & Lüneburger Service GmbH“ (AGL) wird es laut Geschäftsführer Lars Strehse „zunehmend schwieriger, die Entsorgungssicherheit durch die landwirtschaftliche Verwertung der Klärschlämme sicherzustellen“. Dabei war der Einsatz als Dünger über Jahrzehnte geübte Praxis. Doch der Trend zeigt steil nach unten.

Fünf Samtgemeinden nutzen Lüneburger Kläranlage

DWA-Geschäftsführer Ralf Hilmer sagt: „Vor Jahren wurden rund 70 Prozent der Klärschlämme noch als Dünger verwendet, jetzt liegen wir vielleicht noch bei 30.“ Hauptgrund sei die neue Düngeverordnung, die den Eintrag von Stickstoff auf landwirtschaftlichen Flächen zeitlich und mengenmäßig stark begrenzt. Hilmer: „Zwar macht der Klärschlamm mit drei Prozent den kleinsten Anteil aus, aber er fällt in Konkurrenz zu anderem organischen Dünger als Erstes hinten runter.“ Und das bereitet Probleme.

In die Lüneburger Kläranlage leiten laut Strehse auch die Samtgemeinden Bardowick, Gellersen, Ilmenau Scharnebeck und Ostheide ihr Abwasser ein. Insgesamt seien damit 150 000 Einwohner an das gemeinsame Abwassernetz angeschlossen. Strehse: „Die Anlage reinigt jährlich neun bis zehn Millionen Kubikmeter Abwasser und produziert dabei 12 000 bis 13 000 Tonnen an Klärschlamm.“ Teile würden bereits in anderen Regionen abgesetzt. Zur Zwischenpufferung stehe der AGL und dem Maschinenring in Lüneburg zudem eine Lagerkapazität von 6000 Tonnen zur Verfügung, die jetzt bereits zu einem Viertel ausgelastet sei. 2019 will die AGL laut Strehse Bauplanungen starten, „um mittel- und langfristig über größere Zwischenlagerkapazitäten auf dem Klärwerksgelände an der Bockelmannstraße verfügen zu können“.

Etwas entspannter scheint die Lage beim Klärwerk der Samtgemeinde Amelinghausen zu sein, das von dem Unternehmen „Purena“ betrieben wird. Zum Klärwerk gehört auch eine Klärschlammvererdungsanlage, zum ökologischen Abbau in Schilfbeeten. Purena-Geschäftsführer Hinrich Beckmann sagt: „Seitdem wir ein Beet geräumt haben, haben wir ausreichend Puffer und keinen Entsorgungsnotstand.“ Eine ähnliche Klärschlammvererdungsanlage betreibt auch Bleckede für ihr Klärwerk. Dort steht nun die Entleerung des ersten Beetes an. Bleckedes Bürgermeister Jens Böther sagt: „Die Suche nach lokalen Abnehmern blieb für die erforderliche Abnahmemenge allerdings bisher erfolglos. Wir haben den Suchkreis jetzt deutlich erweitert und hoffen, dafür landwirtschaftliche Abnehmer zu finden. Sollten wir für die landwirtschaftliche Verwertung niemanden finden, müsste das Material gegebenenfalls zwischengelagert oder verbrannt werden.“ Aber: „Verbrennungskapazitäten sind derzeit nahezu ausgebucht oder nur zu hohem Preis zu erhalten. Beides würde zusätzliche Kosten verursachen, die derzeit nicht eingeplant sind und sich leider auf die Abwassergebühr niederschlagen werden.“

Lagerkapazitäten sind limitiert

Ralf Hilmer sagt: „Die Lagerkapazitäten auf den Geländen von Klärwerken sind in der Regel stark limitiert. Deshalb plädieren wir dafür Zwischenläger auf stillgelegten Deponien anzulegen.“ Zudem müssten mehr Kommunen bei dem Thema zusammenarbeiten, nicht nur um die Klärschlämme zu lagern und zu trocknen. Denn vor allem für große Kläranlagen steht bereits die Pflicht zur Phosphorrückgewinnung in der Klärschlammverordnung festgeschrieben, für Klärwerke mit mehr als 100 000 Einwohnergleichwerten (EW) ab 2029 und für kleinere Anlage mit mehr als 50 000 EW ab 2032. Bis dahin müssen die Anlagenbetreiber ihre Konzepte zum Phosphorrecycling startklar haben, das betrifft auch die AGL in Lüneburg. Zur Rückgewinnnung könnten Monoverbrennungsanlagen eingesetzt werden, die es im Land aber noch nicht gibt. Lotta Cordes, Sprecherin des Umweltministeriums sagt: „Die Monoverbrennung von Klärschlamm ist ein Vorbehandlungsverfahren.“ Es ermögliche die größte Rückgewinnung von Phosphor aus der abfallenden Klärschlammasche. Die ersten drei Einrichtungen seien laut der Landesregierung in Hannover, Hildesheim und Helmstedt geplant. Damit soll nach 2032 die Einfuhr von derzeit 50 000 Tonnen Phosphor nach Niedersachsen um zirka 8000 Tonnen durch Sekundärphosphor aus Klärschlamm reduziert werden, heißt es.

Phosphatvorkommen halten noch 320 Jahre

Niedersachsen verfügt über keine eigenen Phosphorreserven und ist damit vollkommen vom Import von Rohphosphaten oder den daraus hergestellten Mineraldüngern abhängig. „Nach offiziellen Berechnungen ließe sich bei gleichbleibendem Verbrauch oder Abbau der weltweit bekannten Phosphatvorkommen der Bedarf noch über zirka 320 Jahre decken“, sagt Lotta Cordes, Sprecherin des Niedersächsischen Umweltministeriums auf LZ-Nachfrage. Weil die Ressource Phosphor endlich ist, hat die Bundesregierung mit der Klärschlammverordnung im Jahr 2017 die Pflicht zur Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm ab 2032 verbindlich vorgeschrieben. Es können noch weitere Möglichkeiten der Phosphorrückgewinnung, wie z.B. die Rückgewinnung aus tierischen Nebenprodukten, erschlossen werden.

Von Dennis Thomas