Mittwoch , 19. September 2018
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Die Herberge ist für manchen die letzte Chance, nicht auf der Straße zu landen. Doch die Nachfrage nach den Plätzen steigt stetig an. (Foto: be)
Die Herberge ist für manchen die letzte Chance, nicht auf der Straße zu landen. Doch die Nachfrage nach den Plätzen steigt stetig an. (Foto: be)

Es wird immer enger

Lüneburg. Michael Grünwald und seine Kollegen jonglieren, um alle Obdachlosen unterzubringen: Die Herberge Beim Benedikt ist voll, bis zu 50 Menschen müssen der Chef der Einrichtung und seine Mitarbeiter akut unterbringen. Dabei geht es nicht nur um die Zahl der Plätze, denn mancher der Klienten bringt eine Reihe von Problemen mit: „Da ist Druck auf dem Kessel. Wir müssen darauf achten, wie wir Leute zusammenlegen können.“ Alkohol, psychische Erkrankungen und Gewalt sind Zutaten einer riskanten Mischung.

Regelmäßig mehr Bedarf als Plätze vorhanden sind

Der Trägerverein übernimmt im Prinzip eine städtische Aufgabe, er soll dafür sorgen, dass niemand auf der Straße landet. Die Herberge ist sozusagen das letzte Stück im sozialen Netz. Als der Vertrag geschlossen wurde, war man von rund 35 Akutplätzen ausgegangen – diese Zahl wird regelmäßig überschritten. Nun denken die Mitarbeiter in der Sozialverwaltung und in der Herberge über neue Wege nach.

Nach LZ-Informationen spielen zwei Varianten eine Rolle: Ein Teil der Betroffenen könnte in leerstehenden Räumen von Flüchtlingsunterkünften eine Bleibe finden, zum Beispiel am Bilmer Berg. Denkbar wäre aber auch, Wohncontainer zu nutzen. Das bestätigen Grünwald und Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck, die allerdings schränkt ein: Es werde keine große Außenstelle entstehen, vereinzelt könnten Betroffene in einem Flüchtlingsheim untergebracht werden: „Aber es ist nichts entschieden.“ Auch andere Möglichkeiten würden geprüft.

Suzanne Moenck sagt: „Wir sind im Gespräch. Es geht um Konzepte und die Finanzierung.“ Die Stadt sieht sich nicht allein in der Pflicht. Auch der Landkreis und die Gemeinden seien gefragt. Obdachlosigkeit sei kein alleiniges Problem Lüneburgs, auch im Umland könnten Menschen ein Zuhause finden, oder aber die anderen Kommunen beteiligen sich an den Kosten der Unterbringung. Denn es sei zu beobachten, dass Menschen aus Umlandgemeinden in die Stadt zögen.

Einig sind sich die Pressesprecherin und Grünwald in der Einschätzung der Lage: Das Problem verschärfe sich, da der Wohnungsmarkt nur wenig Angebote biete. Der Leiter der Herberge verdeutlicht die Bredouille: „Wir nutzen schon eigene Immobilien, aber auf Dauer haben wir keine Ausweichmöglichkeiten. Wenn wir Vermieter ansprechen, hören wir, dass sie nicht ans Obdach vermieten wollen.“

Der Bereich der Herberge, die inzwischen zum Träger „Lebensraum Diakonie“ gehört, bietet neben der Plätzen in der sogenannten Gefahrenabwehr auch Wohngemeinschaften und Wohnungen an, in denen Menschen langfristiger leben können. Mehr als 200 Mieter gebe es.

Zahl der Wohnungslosen steigt bundesweit

Grünwald verweist auf einen bundesweiten Trend. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hatte im vorigen Jahr Zahlen genannt: 2016 galten 860 000 Menschen als wohnungslos, für 2018 rechnete man mit 1,2 Millionen Personen, da­runter 440 000 Flüchtlinge, die in Gemeinschaftsunterkünften leben. Auch die drängen – sobald sich ihr Aufenthaltsstatus ändert – auf den normalen Wohnungsmarkt. Das ist auch in Lüneburg zu beobachten, wo zudem immer wieder Studenten und Zuzügler zum Beispiel aus Hamburg günstige Bleiben suchen.

Suzanne Moenck geht davon aus, dass im Herbst erste Konzepte vorliegen könnten, welchen Weg Stadtverwaltung und Herberge einschlagen wollen.

Nachwuchs bereitet Probleme

Jung und auf der Straße

Rund ein Fünftel der Bewohner der Herberge ist 21 bis 25 Jahre alt, weitere zehn Prozent nicht älter als 27. Es ist ein Beleg für eine Entwicklung, die Sozialarbeiter seit langem beobachten: Ihr Klientel wird jünger. Grünwald hatte es kürzlich so beschrieben: „Die Leute verlieren aufgrund von Mietschulden ihre Wohnung. Jugendliche haben eine Karriere hinter sich: Sucht, kein Job, Betreuung durch die Jugendhilfe.“ Aber auch „Hartz-IV-Sanktionen“ spielten eine Rolle: Wer jünger als 20 sei, dürfe in der Regel keine eigene Wohnung beziehen oder müsse Auflagen erfüllen. Wer aber großen Ärger mit den Eltern habe, ziehe zu Freunden. Und steht auf der Straße, wenn es zum Streit kommt.

So rückt die Polizei des Öfteren an, weil Minderjährige in der Herberge sind. Das bestätigt Grünwald und erklärt: „Wer jünger als 18 Jahre ist, darf sich bei uns nicht aufhalten.“ Trotzdem schlüpfen Jugendliche unter, die aus Pflegefamilien, Heimen oder von ihren Eltern abgehauen sind und nun bei Freunden ein Dach über dem Kopf suchen. Die Sozialarbeiter würden die entsprechenden Behörden informieren. Gleichwohl sei eine absolute Kontrolle nicht möglich.

Von Carlo Eggeling