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Personal in der Pflege ist schon heute Mangelware. (Foto: obs)
Personal in der Pflege ist schon heute Mangelware. (Foto: obs)

Probleme fangen schon ganz woanders an

Lüneburg. Gemischte Gefühle rufen die Reformpläne für den Pflegebereich von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei Pflegedienstanbietern im Landkreis Lüneburg hervor. Im LZ-Interview äußert sich Michael Kuhr-cke zu Personalmangel, widersinnigen Fachkraftquoten und der Zukunft inhabergeführter Seniorenpflegeeinrichtungen. Kuhr­cke ist Geschäftsführer des Seniorenpflegeheims „Zum Alten Gutshof“ in Boltersen und Sprecher der „Arbeitsgemeinschaft Pflegedienstanbieter“ (AGPA) in Lüneburg. In der AGPA sind 14 stationäre Einrichtungen und ambulante Pflegedienste organisiert. Gemeinsam verfügen sie über rund 620 Betten und rund 500 Mitarbeiter.

Herr Kuhrcke, wie hoch sind Ihre Freudensprünge angesichts der Ankündigung von Jens Spahn, bundesweit 3000 neue Arbeitsplätze in der Pflege schaffen zu wollen?

Michael Kuhrcke. (Foto: A/t&w)
Michael Kuhrcke. (Foto: A/t&w)

Michael Kuhrcke: Ich mache keinen Freudensprung. Die Zahl 3000 ist viel zu gering. Man geht ja von zirka 25 000 Pflegekräften aus, die fehlen. Ich glaube, selbst das ist untertrieben. Zum anderen: Selbst diese relativ wenigen Arbeitskräfte zu beschaffen, ist ziemlich schwierig, da derzeit der Markt für Pflegefachkräfte zu ist, es gibt kaum noch welche. Dass man aber darüber nachdenkt, in Form eines Tarifs für eine bessere Bezahlung zu sorgen, ist der erste Schritt, um auch wieder Menschen für den Pflegeberuf zurückzugewinnen, die schon mal in der Pflege gearbeitet haben, sich aber aufgrund der schlechten Bedingungen abgewendet haben. Außerdem wäre ein Tarifvertrag der richtige Weg, um wegzukommen vom Preiswettbewerb. Dann könnten sich die Pflegeeinrichtungen auf den Qualitätswettbewerb konzentrieren.

Warum soll das nicht jetzt schon möglich sein?

Unsere Probleme fangen ganz woanders an, und zwar bei der Fachkraftquote. Nach dem Heimgesetz in Niedersachsen sollen 50 Prozent des eingesetzten Personals Pflegefachkräfte sein. Das heißt, wenn ich zusätzlich Pflegeassistenten einstellen möchte, muss ich immer darauf achten, dass die Quote eingehalten wird. Das gilt auch, wenn ich insgesamt mehr Personal einsetzen möchte, als ich nach dem Gesetz eigentlich müsste. Wenn ich damit dann die 50-Prozent-Quote unterschreite, wird die Heimaufsicht zur Strafe einen Belegungsstopp verhängen. Besser wäre es, wenn wir eine Mindestzahl an Fachkräften vorweisen müssten, die an der Bettenbelegung gemessen wird. So ist es ja gerade auch für Krankenhäuser im Gespräch. Dann könnte ich zusätzlich so viele Pflegeassistenten einstellen, wie ich möchte. Die sind es nämlich, die den Großteil der Grundpflege vor Ort leisten müssen.

Trotz der angespannten Personallage ist in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der stationären Pflegeplätze in Stadt und Kreis Lüneburg von 2056 auf jetzt 2356 gestiegen. Gleichzeitig sind in den vergangenen Jahren fünf Einrichtungen in die Insolvenz gerutscht. Wie passt das zusammen?

Insolvenzen können eine Folge schlechter Führung sein. Aber in 80 Prozent der Fälle sind Liquiditätsprobleme die Ursache. Zum Beispiel, wenn man einen Belegungsstopp bekommt und damit die Erlöszahl nicht mehr stimmt. Ein anderes Problem sind die geringen Pflegesätze, die wir als private Betreiber in Verhandlungen mit den Pflegekassen und dem Landkreis als Sozialhilfeträger erzielen. Die Pflegesätze in Lüneburg zählen zu den ­niedrigsten in Westdeutschland. Das erschwert den Wettbewerb um Fachkräfte, vor allem im Umfeld von Hamburg, zusätzlich.

Trotzdem ist die Zahl der Pflegeplätze gestiegen?

Die vergangenen Insolvenzen haben keine Bettenverringerungen per se gebracht. Von den fünf Insolvenzen ist nur der Reiterhof in Neetze dichtgemacht worden. Alle anderen werden weiter betrieben. Dass darüber hinaus sogar die Bettenzahl steigt, hängt mit der ständig steigenden Nachfrage zusammen. Bedingt auch dadurch, dass der Gesetzgeber seit Jahresbeginn die Demenz in der Pflege besonders berücksichtigt: Wir haben jetzt erstmals auch die ganzen Bewohner mit kognitiven Einschränkungen, die mit Pflegegraden versehen wurden. Dadurch ist ein immenser Schwall an neuen Bewohnern in den Pflegemarkt hineingekommen. Aufgrund unserer Bevölkerungsstruktur ist glasklar, dass in zehn Jahren die Kapazitäten nicht ausreichen werden, wenn die Generation der Babyboomer dazukommt. Das Problem wird dann noch größer, die Pflegekräfte zur Verfügung zu stellen, um die Kapazitäten zu erweitern.

Haben dann inhabergeführte Senioreneinrichtungen angesichts dieser Entwicklungen überhaupt noch eine Zukunft?

Sie haben eine Perspektive, wenn sie sich am Markt breiter aufstellen. Das heißt, sie müssen ambulante Pflege, Tagespflege, betreutes Wohnen zusätzlich zur stationären Pflege anbieten. Und sie sollten eine Mindestzahl von 80 Betten nicht unterschreiten, sonst wird es schwierig, so ein Haus wirtschaftlich zu führen. Es wird immer eine Nische für uns geben. Die Nische wird aber immer kleiner werden, weil immer mehr Konzerne mit aller Macht in den Markt hineindrängen.

Von Dennis Thomas