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Im Café Welcome sitzen Flüchtlinge mit Christine Oehlmann und Helfern zusammen. Die Sprache lernen, Erfahrungen vermitteln und Hilfe bei der Wohnungssuche stehen dabei im Vordergrund. (Foto: phs)
Im Café Welcome sitzen Flüchtlinge mit Christine Oehlmann und Helfern zusammen. Die Sprache lernen, Erfahrungen vermitteln und Hilfe bei der Wohnungssuche stehen dabei im Vordergrund. (Foto: phs)

Wenn alles fremd klingt

Bienenbüttel. „Moooond und Muuuund.“ Petra Andreas-Siller sitzt im Bienenbütteler Gemeindehaus und deutet auf die unterschiedlichen Symbole auf der Spielkarte in ihrer Hand: auf den roten Mund, den es zum Sprechen dieser komplexen Sprache braucht und den Mond, der über allem steht: Bienenbüttel und der Heimat von Khalida Zaido, dem Irak.

Die junge Frau musste ihr Land verlassen, lebt erst seit wenigen Wochen in Bienenbüttel. Mond, Mund – die meisten deutschen Worte, die Petra Andreas-Siller ihr langsam vorspricht, klingen noch fremd in ihren Ohren. Beim Café Welcome, das jeden Dienstagnachmittag durch Helfer des örtlichen Unterstützerkreises für Flüchtlinge organisiert wird, will Khalida das ändern.

Vielen ist das bereits gelungen: Da sitzt Faisal Semo, der gerade etwas aufgeregt ist wegen der neuen Schule, die er mit Übergang zur fünften Klasse nach den Ferien besuchen wird, und Abdi Mohamud aus Somalia, der im Augenblick mitten in seiner Ausbildung zum Pflegeassistenten steckt. Beide leben seit 2015 in Bienenbüttel. Damals waren nach Angaben von Christine Oehlmann, Initiatorin des Helferkreises, rund 40 Flüchtlinge in der Einheitsgemeinde angekommen. Viele besuchen heute die Schule, fünf machen eine Ausbildung und wollen sich in der Heide ein Leben mit Job und Zukunft aufbauen. Damit hat sich auch die Arbeit der Helfer vor Ort verändert. Jetzt wird nicht mehr nur am Deutsch gefeilt, sondern werden auch Wohnungen gesucht, Jobberatungen durchgeführt und Prüfungsinhalte gepaukt.

Viele Absagen von Vermietern

Was für einen jungen Mann aus Deutschland mit Anfang 20 schon kompliziert genug ist, gestaltete sich für Abdi Mohamud noch schwieriger: Zwei Jahre lang suchte er eine Wohnung, bekam immer wieder Absagen und Sätze wie „Deine Hautfarbe ist das Problem“ zu hören. Vorurteile und der ohnehin schon angespannte Wohnungsmarkt in Bienenbüttel seien Probleme, mit denen nicht nur Abdi Mohamud zu kämpfen hatte, weiß Oehlmann. „Wir suchen auch noch ganz dringend für einen anderen jungen Mann, der gerade hier seine Ausbildung beginnt, eine Wohnung.“ Abdi Mohamud sagt, er wolle hier bleiben, weil Bienenbüttel ein „schöner Ort“ sei, sein Ausbildungsbetrieb dort seinen Sitz habe und er Hilfe beim Lernen bekomme. Denn er hat große Ziele: Der 21-Jährige will Krankenpfleger werden und möglichst bald seinen Führerschein machen. Nur eines will er nicht: daran denken, was in seiner Heimat Somalia passiert.

Dienstagnachmittags ist es laut im Bienenbütteler Gemeindehaus: Gelächter, Gesang und klirrendes Geschirr. Eine Melodie, bei der die Sorgen nicht mehr den Takt bestimmen. Das ist die Idee des Café Welcome. Hier haben sich Freundschaften gebildet und sogar eine Männernähgruppe. Faisal präsentiert stolz seine jüngsten Arbeiten: einen lilafarbenen Elefanten, eine grüne Kuschelkatze, ein Knochenkissen für den gesunden Schlaf. Nachdem er mit gerade einmal neun Jahren ohne Eltern oder Geschwister nach Deutschland kam, waren die Nächte oft schwer: „Ich hatte häufig Angst um meine Familie und Albträume“, erzählt er und sucht den Blick von Sulaiman, seinem großen Bruder. Der lächelt ihm zu. Erst vor wenigen Wochen durfte er mit seinen Eltern nach Bienenbüttel kommen, als Familiennachzügler.

Am Anfang waren Fragen und Unsicherheit

Im Sommer 2015, als viele Menschen nach Deutschland flüchteten, „gab es noch ganz viele Fragezeichen“, erinnert sich Christine Oehlmann. Fragen zur neuen Umgebung, zur Sprache, zur Zukunft. Nicht selten seien sie und ihre Kollegen mit schwierigen Lebensgeschichten und tief sitzenden Verletzungen konfrontiert gewesen. „Ich denke immer wieder: Es kann nicht sein, dass ein Mensch so viel ertragen muss.“ Draußen im Garten wird Kubb gespielt, ein ferngesteuertes Auto flitzt über die Steinauffahrt. Khalida Zaido streckt ihr Gesicht dem strahlend blauen Himmel entgegen. Da ist er schon blass zu erkennen, fast weiß: der Mond.

Von Anna Petersen