Mittwoch , 26. September 2018
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Viele pflegebedürftige und kranke Menschen können nicht mehr hinreichend versorgt werden. (Foto: Fotolia)
Viele pflegebedürftige und kranke Menschen können nicht mehr hinreichend versorgt werden. (Foto: Fotolia)

Die Not ist groß

Lüneburg. Wer pflegebedürftig oder krank ist, aber gern so lange wie möglich im häuslichen Umfeld bleiben möchte, ist auf einen ambulanten Dienst angewiesen. Auf Fachkräfte, die beim Duschen assistieren, die Medikamente verabreichen oder in die Kompressionsstrümpfe helfen. Doch nicht jeder, der Hilfe benötigt, hat derzeit gute Karten, sie auch zu bekommen. Niedersachsenweit stecken die ambulanten Pflegedienste in der Klemme, viele können keine neuen Patienten mehr annehmen, teilweise mussten bestehende Verträge gekündigt werden. Wie prekär die Lage ist, zeigt eine aktuelle Abfrage der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege. Danach musste allein in Lüneburg in mehr als 100 Fällen eine Versorgung abgelehnt werden.

Dienste wie die Arbeiterwohlfahrt, die Caritas, die Diakonie, das Deutsche Rote Kreuz, der Paritätische und die jüdische Wohlfahrt hatten zuletzt ihren Dachverbänden mitgeteilt, dass pflegebedürftige und kranke Menschen nicht mehr hinreichend versorgt werden könnten. Als Grund wurde der Personalmangel angeführt. In der Folge hat die Landesarbeitsgemeinschaft in den Monaten Februar, März und April nachgefragt, wie vielen Versorgungsanfragen nicht nachgekommen werden konnte. Herausgekommen ist, dass allein die Pflegedienste der sechs Wohlfahrtsverbände rund 1800 Anfragen ablehnen und 74 Verträge aufkündigen mussten.

Umfrage zeigt dringenden Handlungsbedarf auf

„Diese Hinweise haben uns alarmiert“, sagt Dr. Ralf Selbach, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft, der das Ergebnis als „erschütternd“ einstuft. Die Umfrage sei zwar nicht repräsentativ, zeige aber als Momentaufnahme durchaus den dringenden Handlungsbedarf auf. „Wir brauchen eine konzertierte Aktion und einen Handlungsplan – am besten in der Koordination des Sozialministeriums.“

Rund 80 000 Menschen in Niedersachsen werden ambulant gepflegt. Wie wichtig eine umfangreiche Studie ist, die die tatsächliche Not und den daraus resultierenden personellen Bedarf fundiert beziffert, hatten die Pflegeverbände und Seniorenvertreter am 29. Mai gegenüber den Landtagsfraktionen von SPD und CDU bei einer öffentlichen Anhörung betont. Christoph Brauner, er arbeitet beim Diakonischen Werk und sitzt im Ausschuss „Ambulante Pflege“ der Landesarbeitsgemeinschaft, sagt auf LZ-Nachfrage aber auch, dass die jüngste Abfrage ein einheitliches Bild ergeben hätte. „Wir haben Rückmeldungen aus ganz Niedersachsen erhalten, über alle Verbände hinweg, auch aus den privaten.“

Krankenkassen bestreiten eine Unterversorgung

Bei dem Gespräch sei deutlich geworden, dass die Kostenträger anders über die Situation denken. So hätten die Krankenkassen von Einzelfällen gesprochen und davon, dass es in Niedersachsen keine Unterversorgung gebe. Zudem sei betont worden, dass sich die Personen stets an die Pflegeberater und -kassen wenden könnten, dort würde ihnen geholfen. „Unsere Wahrnehmung ist eine andere, manche Pflegebedürftige telefonieren alle zehn Kassen durch – ohne Erfolg“, sagt Brauner. Auch komme es regelmäßig vor, dass eine Person zwei ambulante Dienste in Anspruch nehmen müsse, weil einer derzeit nicht in der Lage sei, alle gewünschten Leistungen zu erbringen.

Ralf Gremmel, Geschäftsführer des Paritätischen in Lüneburg, hatte bereits im Juni von einem „akuten Pflegenotstand“ gesprochen. Jetzt sagt er, dass sich die Situation aufgrund der Sommer- und Urlaubszeit erneut verschlechtert hätte. „Wir mussten gerade über eine Personalarbeitsfirma für teures Geld Kräfte einkaufen, um eine Versorgung gewährleisten zu können.“ Und dennoch müsste bei jeder einzelnen Anfrage genau geprüft werden, ob diese überhaupt bedient werden kann.

Von Anna Paarmann