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78 Kilogramm, sieben Beißvorfälle: Lipton ist nicht ohne. Vanessa Bokr hofft, verhaltensauffälligen Hunden wie ihm helfen zu können. Foto: t&w

Ein Händchen für Höllenhunde

Hörpel. Gruppenfreigang im Hundeknast: Lipton schleppt behäbig seine 78 Kilo über die eingezäunte Wiese, mäßig fasziniert von dem Gekläffe am anderen Ende des Auslaufs und Vanessa Bokrs Rufen von einem Hügel hinab: „Himmelherrgott, hört auf!“, brüllt die zierliche Frau, so energisch, dass tatsächlich für ein paar Sekunden Ruhe einkehrt. Dann lockt sie „Lipton“ zu sich, der aber keinen Grund zur Eile sieht. Lipton macht, was er will und wie er will. Immer schon. Deshalb ist er ja hier. Ein echter „Höllenhund“ eben, wie Vanessa Bokr die zirka 40 Schützlinge ihrer Auffangstation nennt.

„Er hat ein paar Mal richtig böse in seine Familie gebissen“, erklärt sie, ohne dabei die stürmische Meute aus den Augen zu lassen. Die Deutsche Dogge aus Paris habe auch Leute auf der Straße „angepöbelt“ und sich bis heute sieben Beißvorfälle geleistet. Selbst das französische Tierheim war überfordert. Und so reiste Lipton vor einem halben Jahr stark sediert in einem Käfig in Vanessa Bokrs Einrichtung für verhaltensauffällige Hunde – oder wie sie es nennt: „Mix aus Knast und Irrenanstalt“.

Für Halter kostet die Abgabe 850 Euro

Beinahe täglich rufen überforderte Hundehalter oder Tierheime bei ihr an und hoffen auf einen Platz für ihre schwierigen Vierbeiner in der Auffangstation. Wer hier herkommt, entgeht gerade so der Einschläferung oder einem lebenslangen Arrest im Tierheim. Doch die Kapazitäten sind längst ausgeschöpft: Die Wartezeit liegt bei über einem halben Jahr. Im Schnitt alle drei Monate gelingt Vanessa Bokr und ihrem Team der „Hellhound Foundation“ das kleine Wunder einer Vermittlung – oft aber nicht schnell genug, um jedem Nachrücker den Tod zu ersparen. Wenn der beste Freund zum Feind wird, lassen sich Halter den Ausweg aus der Misere ordentlich was kosten: 850 Euro Abgabegebühr sowie eine Kostenübernahme von monatlich 70 Euro bis zur Vermittlung. Und weil das dauern kann, deckt die Summe oft noch nicht einmal alle Ausgaben. Das Projekt ist auf Spenden angewiesen.

Foto: t&w

„Es herrscht eine regelrechte Erziehungsdepression“, diagnostiziert Hundetrainerin Vanessa Bokr. Anders sei der enorme Bedarf nicht zu erklären. Die Hunde würden als Kinderersatz oder Sportmaschine regelrecht missbraucht. Sie gingen erst durch die Hölle und verkörperten sie dann später selbst. „Sie werden behandelt wie Maschinen. Das ist keine Beziehung mehr“, beklagt Bokr. Kein klares „Nein“, dafür jede Menge Leckerlis – als falscher Trost oder aus schlechtem Gewissen. „Der Mensch sucht einen besten Freund, behandelt ihn aber wie einen Arbeiter. Wie jemanden, den man dafür bezahlen muss, etwas zu tun.“ Dabei werde die soziale Intelligenz des Tieres meist völlig unterschätzt.

Nicht jeder Tag endet für sie ohne Blessuren

Bei manch einer Hund-Mensch-Beziehung mag es Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, bei vielen aber hätte durchaus noch ein Zweiter gelohnt – in einen Hunderatgeber. Oft nämlich sieht Vanessa Bokr den Ursprung aller Probleme schon in der Wahl des falschen Partners. Der konfliktfreudige Terrier und ein harmoniebedürftiger Zweibeiner, der arbeitsfreudige Border Collie und eine Couch-Potato, die 80-Kilo-Dogge in einer winzigen Einzimmerwohnung – das könne ja nur nach hinten losgehen. Die Expertin muss immer wieder feststellen: „Der Hund wird vor allem nach Optik ausgesucht, als Statussymbol.“

In Hörpel angekommen, wird ein krimineller Vierbeiner erst einmal in eine Gruppe integriert. Mit der darf er dann täglich über die Wiesen flitzen und lernen, „wieder Hund zu sein“. Im Training mit einem „Höllenhund“ setzt Vanessa Bokr klare Grenzen, spricht eine deutliche Sprache. Irgendwann dann streicht sie ihm vorsichtig über das Fell und prüft, „ob er das aushält“. Nicht immer endet ein Tag in ihrem Job ohne Blessuren. Es ist noch gar nicht lange her, da hat ihr eine Bulldogge die Oberlippe zerfetzt. Und ja, auch der charmant dreinblickende Zwergschnauzer, der zwischen Lipton und den anderen umherflitzt, hat es in sich. Die roséfarbene Narbe am rechten Zeigefinger der 31-Jährigen geht auf sein Konto. Statt in die Chipstüte griff sie versehentlich dem possierlichen Rüden an den Kopf. Der biss zu und ließ nicht wieder los. „Berufsrisiko“, sagt Vanessa Bokr und zuckt mit den Schultern. Seit sie als Jugendliche einen bissigen Hund beim Tierarzt vor der tödlichen Spritze rettete und mit viel Arbeit zu einem vertrauenswürdigen Partner erzog, ist sie sich sicher, dass sich der Einsatz lohnt. Dass jeder eine zweite Chance verdient.

„Der Mensch sucht einen besten Freund, behandelt ihn aber wie einen Arbeiter. Wie jemanden, den man dafür bezahlen muss, etwas zu tun.“ – Vanessa Bokr

Vor dem Haus passt Schutzhund Nobody mit den kupierten Ohren auf, wer durch die Tür kommt. Als Hundesachverständige war sie von der Polizei gerufen worden, nachdem der dunkelbraune Riese seine Besitzer „ziemlich massiv“ verletzt hatte. Sie holte ihn aus der Wohnung. Manchmal wird Vanessa Bokr sogar nachts von der Polizei aus dem Bett geklingelt, um bei solch komplizierten Beschlagnahmungen zu helfen.

Im Frühjahr hatte der Staffordshire-Terrier-Mischling Chico in Hannover seinen Halter und dessen Mutter totgebissen. Der Vorfall sorgte bundesweit für Aufsehen. Tierschützer sammelten mehrere hunderttausend Unterschriften, um den Rüden vor dem Tod zu bewahren – letztlich wurde er doch eingeschläfert. Hätte Vanessa Bokr ihm helfen können? Sie glaubt, ja. Man hätte, wenn es die Angehörigen veranlasst hätten, hier in der Heide mit ihm arbeiten, ihn zumindest teilweise resozialisieren können, ist sie überzeugt. Fraglich sei allerdings, ob sie ihn jemals vermittelt hätte. Denn nicht immer gelingt es ihr, einem Hund das schlechte Verhalten vollständig auszutreiben. Das Vertrauen wächst, aber das Risiko bleibt.

Alles hängt von guter Führung ab

Manch einer hat auch in Hörpel eine langfristige Beschäftigung gefunden. Bernhardiner Socke arbeitet in der Gruppe. „Da hat er seinen Wachposten und sorgt für Ruhe.“ Rottweiler Bruno, der gerne Kinder jagt, dient in Bokrs Trainingsstunden vor interessiertem Publikum als Negativbeispiel für die Reaktion auf Bewegungsreize. Beide werden in Hörpel alt werden.

Für ihren Kollegen Lipton soll die Reise hier aber noch nicht zu Ende sein. Er könnte einen ausgezeichneten Wachhund abgeben, schätzt Vanessa Bokr, aber kein Kuscheltier. Bei guter Führung werde der Doggentraum von Haus und Hof vielleicht noch eines Tages in Erfüllung gehen.

Von Anna Petersen

One comment

  1. Die Hunde würden als Kinderersatz oder Sportmaschine regelrecht missbraucht. ist ja fast so, wie bei pferden. jeder sollte einen beweis liefern, dass er was von dem tier versteht, was er sich anschaffen will.