Donnerstag , 15. November 2018
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Die sogenannte Braillezeile, dabei handelt es sich um ein Computer-Ausgabegerät für blinde Menschen, hilft Kirstin Linck (r.) bei der Arbeit. Hier erklärt sie LZ-Redakteurin Anna Paarmann, wie die Tastatur genau funktioniert. (Foto: phs)
Die sogenannte Braillezeile, dabei handelt es sich um ein Computer-Ausgabegerät für blinde Menschen, hilft Kirstin Linck (r.) bei der Arbeit. Hier erklärt sie LZ-Redakteurin Anna Paarmann, wie die Tastatur genau funktioniert. (Foto: phs)

Ein Eierkarton als Orientierungshilfe

Lüneburg. Als Kirstin Linck einen graufarbenen Eierkarton in die Luft hält und mir mitteilt, dass diese Verpackung die Grundlage der Blindenschrift bildet, erwische ich mich dabei, wie ich aufatme. Das kann ja nicht so schwer sein. Als sehende Person achte ich zugegebenermaßen so gut wie nie auf Schriftzüge, die für Blinde gemacht sind. Zuletzt sind mir die Erhöhungen auf einer Tablettenpackung aufgefallen. Sie sehen aus, als hätte jemand von innen mit einer Nadel in die Pappe gestochen.

Für Menschen wie Kirstin Linck, die über einen Sehrest von weniger als zwei Prozent verfügt, ist die Schrift, die Louis Braille erfunden hat, der Schlüssel zu einer anderen Welt. Dank ihr weiß sie am Bahnhof, wann sie am richtigen Gleis steht, sie kann eine Packung Ibuprofen von Aspirin unterscheiden, einen Computer bedienen, E-Mails schreiben. Alles Tätigkeiten, die ich in meinem Leben für selbstverständlich halte, Tätigkeiten, die ich oft nebenbei erledige. Auch um mal eine andere Perspektive einzunehmen, bin ich jetzt zwei Stunden lang in die Welt von Kirstin Linck abgetaucht. Sie hat versucht, mir die Blindenschrift zu erklären. So viel schon mal vorab: Bei einem gut gemeinten Versuch ist es auch geblieben.

Mit ihrem Zeigefinger ertastet Kirstin Linck, ob sie die richtige Buchstabenkombination gedrückt hat. (Foto: phs)
Mit ihrem Zeigefinger ertastet Kirstin Linck, ob sie die richtige Buchstabenkombination gedrückt hat. (Foto: phs)

Die Lüneburgerin ist selbst erst mit 32 zur Brailleschrift gekommen. Das nennt sie auch als Grund dafür, dass sie lange nicht so schnell lesen kann wie Geburtsblinde. „Die schaffen 100 Wörter in der Minute, da komme ich nicht hin.“ Auch heute noch, 16 Jahre später, sei sie nach drei Seiten des Formats DIN A 4 am Ende ihrer Kräfte. „Dann spürt mein Finger gar nichts mehr“, sagt sie. „Aber ich bin froh, dass ich überhaupt lesen kann.“

Für die 48-Jährige ist es das erste Mal, dass sie einen solchen Workshop anbietet, sie wirkt etwas aufgeregt, vor ihr stapeln sich Bücher, neben ihr steht eine uralte Metallmaschine, deren Bedienung keinen Strom erfordert. Auf einem Beistelltisch liegt eine Blindenschrift-Zeile, das Ausgabegerät stellt Zeichen in Brailleschrift dar. Den dazugehörigen Computer hat Linck nicht mit ins Mosaique in die Katzenstraße geschleppt.

Sechs-Punkte-System bildet die Grundlage

Den Eierkarton hat sie bewusst als Erklärungsutensil ausgewählt, hält sie die Verpackung hochkant, stellt sie so das Sechs-Punkte-System dar, aus dem die Blindenschrift besteht. Zu jedem Buchstaben im Alphabet gehört eine Punktkombination, mithilfe bestimmter Vorzeichen können sogar Noten, Zahlen, chemische und mathematische Formeln dargestellt werden.

Kirstin Linck hat damals die ersten Schritte mit einer Anfänger-Fibel unternommen, heute ein dünnes Heft, das ganz offensichtlich schon tausende Male durchblättert wurde. Auf den ersten Blick erscheint mir die Fibel leer, zu gewöhnt ist mein Auge an schwarze Ziffern auf weißem Grund. Die Erhöhungen, beispielsweise der Buchstabe A, der neben einem einzelnen Punkt dort abgebildet ist, sehe ich erst beim zweiten Versuch. Sofort muss ich an ein Vokabelheft denken: Jedoch sind in diesem anstelle eines englischen neben einem deutschen Wort Punkte und Buchstaben aufgeführt – sie sind trotz ihrer Farblosigkeit mit einem geschulten Auge zu erkennen, besser aber mit dem Finger zu spüren.

Der Vokabelheft-Vergleich ist nicht abwegig: Denn für Linck war es nichts anderes als auswendig lernen, immer wieder hat sie das A ertastet, sich eingeprägt, dass diese Ziffer die einzige ist, die durch einen Punkt dargestellt wird. Während das C aus zwei Punkten nebeneinander besteht, sieht das V aus wie ein gepunktetes L. Auch für gängige Kombinationen wie „IE“ oder „SCH“ gibt es Übersetzungen.

Die Fibel greift noch auf ein weiteres Hilfsmittel zurück. Zum Verständnis sind ganz vorn in jeder Reihe die kompletten sechs Punkte abgebildet, denn es ist wichtig zu wissen, wo sie angeordnet sind. Um aber nicht für zusätzliche Verwirrung zu sorgen, kommt es bei dem System nicht vor, dass etwa zwei Buchstaben durch zwei Punkte in der ersten oder dritten Reihe dargestellt werden.

Anfänger-Fibel hilft bei den ersten Schritten

60 Minuten Workshop sind um, als ich mich sicher genug fühle, erste eigene Schritte zu unternehmen. Ich möchte mit geschlossenen Augen einen Übungssatz aus der Fibel übersetzen, erfühle die erste Kombination, präge sie mir ein und taste mich chronologisch durch das Lexikon, bis ich dieselbe Anordnung gefunden habe. Es dauert gefühlte Stunden. Denn natürlich hat mein Gehirn noch längst nicht alle 26 Buchstaben des Alphabets, geschweige denn Umlaute oder Zeichen verarbeitet.

Drei Punktkombinationen, drei Buchstaben und 25 Minuten später verlässt mich der Ehrgeiz. Doch ich will unbedingt wissen, was da steht, nutze also meine Sehkraft. Oh Wunder, kurz da­rauf habe ich das Wort „Buchstabenfolge“ entziffert. Fazit: Durchgefallen.

Als sich kurz darauf herausstellt, dass Punkte und Buchstaben nur die halbe Miete sind, bin ich der Verzweiflung nahe. Ich hatte gar nicht darüber nachgedacht, wie ein Blinder wohl etwas tippt.

Linck klärt mich schnell auf: Braillezeilen werden mittels Zahlenkombinationen bedient. Nur so viel: Die Tastatur besteht aus sechs Zahlen- und einer Leertaste. Darüber gibt es eine Zeile, die die getippten Buchstaben nacheinander zum Erfühlen in Punktform darstellt. Auch hier hilft der Eierkarton: So ist die linke Reihe des Sechs-Punkte-Systems von oben nach unten mit 1, 2 und 3, die rechte mit 4, 5 und 6 gekennzeichnet. Um den Buchstaben A, ein Punkt links oben, zu tippen, muss die Taste 1, beim K etwa seitlich die 3 gedrückt werden.

Ich verabschiede mich mit Kopfschmerzen, so viel musste mein Gehirn lange nicht mehr verarbeiten. Mir bleibt nur eines zu sagen: Chapeau!

Zur Person

Louis Braille

Die Brailleschrift, die von Blinden und Menschen mit starken Sehbehinderungen verwendet wird, wurde 1825 von dem damals 16-jährigen Franzosen Louis Braille entwickelt. Er hat in seinem fünften Lebensjahr sein Augenlicht verloren, wollte sich aber nicht damit abfinden, nicht mehr eigenständig Bücher lesen zu können. Deshalb führte er das Sechs-Punkte-System ein. Inspiration fand er in der fühlbaren Nachtschrift aus Militärkreisen, diese besteht jedoch aus zwölf Punkten und gilt deshalb als wesentlich komplizierter.
Die Brailleschrift wird heute als größte Revolution in der Entwicklung des Blindenwesens bezeichnet. So gab es früher nur vereinzelt blinde Menschen, denen es möglich war, ein durchschnittliches oder höheres Bildungsniveau zu erreichen. Die Schrift zu etablieren, war jedoch kein einfaches Unterfangen. So hat Louis Braille schon früh Literatur mithilfe seines Systems übertragen und öffentliche Lesungen abgehalten. Doch man schenkte ihm keinen Glauben, sagte ihm gar nach, er hätte die Texte auswendig gelernt. Es dauerte Jahre, bis das System nur in Frankreich zur offiziellen Blindenschrift ernannt wurde. Das war 1850 der Fall. Und erst weitere 28 Jahre später wurde die Erfindung von Braille zur internationalen verbindlichen Blindenschrift erklärt. ap

Hintergrund

Erbkrankheit

Retinis Pigmentosa – unter dieser fortschreitenden Augenerkrankung leidet die Lüneburgerin Kirstin Linck von Geburt an. Der Begriff meint eine Gruppe von unheilbaren Erbkrankheiten, die eine Zerstörung der Netzhaut zur Folge hat. Viele Jahre wusste Kirstin Linck gar nicht, dass sie so wenig sehen kann. Erst nachdem ihre Eltern ihr einen Ball zuwarfen und er einfach an ihr vorbeiflog, wurde die Krankheit festgestellt. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr konnte sie noch Radfahren, lesen noch bis sie 27 war. Inzwischen ist sie beim Innenministerium angestellt, drei Mal in der Woche fährt sie mit dem Zug nach Hannover, zwei Tage arbeitet sie von zu Hause aus. In ihrer Freizeit engagiert sich die 48-Jährige im Behindertenbeirat der Stadt Lüneburg, zudem ist sie seit mehr als 15 Jahren in der Künstlerszene in Lüneburg und Umgebung aktiv.

Von Anna Paarmann