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So voll sind die Kirchen nur an ganz besonderen Tagen: Der ökumenische Gottesdienst zum Reformationstag im Lutherjahr in der Lüneburger St. Johanniskirche war sehr gut besucht. (Foto: t&w)
So voll sind die Kirchen nur an ganz besonderen Tagen: Der ökumenische Gottesdienst zum Reformationstag im Lutherjahr in der Lüneburger St. Johanniskirche war sehr gut besucht. (Foto: t&w)

Neuer Feiertag als große Chance

Lüneburg. Meist können sie weder sprechen noch laufen, dennoch sind sie oft schon Mitglied – in der Kirche. Denn mit der Taufe werden schon Säuglinge offiziell in der Kirche aufgenommen. Und diese Zahl ist laut der aktuellen Statistik, die die evangelisch-lutherische Landeskirche in Hannover für Niedersachsen vorgestellt hat, steigend: von 20 447 im Jahr 2016 auf 21 965 im vorigen Jahr. Dennoch müssen sowohl die katholischen als auch die evangelischen Kirchen erneut einen Mitgliederschwund verkünden. Die beiden großen christlichen Kirchen haben bundesweit zusammen 660 000 „Schäfchen“ verloren. Wie es im Kirchenkreis Lüneburg aussieht, und was der neue evangelische Feiertag bedeutet, schildert Superintendent Christian Cordes im Interview.

Mitglieder-Rückgang ist ein Dauerthema für die Kirchen, so verlor die Landeskirche Hannover im vergangenen Jahr 1,95 Prozent ihrer Mitglieder im Vergleich zu 2016. Wie steht es um die Kirchenaustritte im Kirchenkreis Lüneburg?

Christian Cordes: Da liegen wir niedriger, nämlich bei 1,3 Prozent. Das liegt auch daran, dass wir hier in einer attraktiven Wohngegend leben, nach wie vor Zuzugsgebiet sind und von daher im Vergleich zu anderen Regionen Niedersachsens und auch Deutschlands die Bevölkerung auch auf dem Land recht stabil ist. Und das wirkt sich natürlich auch auf die Kirchenmitgliedschaft aus.

Was bedeutet das für den Finanzhaushalt?

Das hat unmittelbar keine Auswirkungen, weil in unserer Landeskirche die Finanzzuweisungen in größeren Blöcken berechnet werden: Wir haben einen Planungszeitraum von sechs Jahren. Aktuell befinden wir uns in dem Raum 2017 bis 2022, in dem Zuweisungen der Landeskirche für die Kirchenkreise festgeschrieben sind. Bereits 2020 werden wir neue Zahlen für den folgenden Zeitraum bekommen. Die gute finanzielle Lage der Landeskirche insgesamt hängt letztendlich auch mit der Konjunktur zusammen: Wie die aktuellen Zahlen belegen, haben sich die Einnahmen der Landeskirche aus der Kirchensteuer trotz Mitgliederrückgangs erhöht.

Das Jahr 2017 stand im Zeichen Luthers und seiner 95 Thesen, die er vor 500 Jahren veröffentlichte. Hat sich der Hype um das Reformations-Jubiläum auf das hiesige Kirchenleben ausgewirkt?

Ja, durchaus. So waren zum Beispiel unsere Veranstaltungen am Reformationstag selbst hervorragend besucht, darunter der große Gottesdienst in der St.-Johanniskirche, bei dem die Kirche so voll war wie sonst nur zu Weihnachten. Auch die Veranstaltung im Bardowicker Dom, die ich besucht hatte, die ein ganz anderes Format hatte, wurde gut angenommen. In anderen Gemeinden des Kirchenkreises hat sich Ähnliches abgespielt. So auch in Bleckede, wo die Gruppe von Lektoren und Prädikanten sich mit viel Elan daran gemacht hatten, den Tag zu gestalten, unter anderem ein gemeinsames Essen nach dem Gottesdienst organisiert hatten.

Christian Cordes, Superintendent des Kirchenkreises Lüneburg. (Foto: t&w)
Christian Cordes, Superintendent des Kirchenkreises Lüneburg. (Foto: t&w)

Insgesamt gesehen hat es nicht nur eine erhöhte Aufmerksamkeit in Bezug auf die Person Luther gegeben, sondern auch für die Bedeutung der Reformation für die Kirche damals und heute. Dazu gehörte die Aktion Thesen-Türen – es wurden Türen den Gemeinden zur Verfügung gestellt, an die Thesen angeheftet werden konnten, die einerseits die Reformationsbedürftigkeit der Kirche heute betreffen, andererseits den Wunsch, dass es so bleibt. Denn wir befinden uns in einem Spannungszustand zwischen Treue und den gewohnten Formen sowie dem Bedürfnis nach Erneuerung.

Was halten Sie von dem neuen Feiertag in Niedersachsen?

Wir freuen uns natürlich darüber, sind aber auch etwas von der Plötzlichkeit überrascht, so dass es organisatorisch für dieses Jahr eine Herausforderung ist. So erhalte ich derzeit viele Anfragen bezüglich der Gemeindebriefe für diesen Zeitraum, die jetzt erstellt werden, was an dem ersten gesetzlichen Reformationsfeiertag passieren soll. Dazu laufen Gespräche und Planungen, denn wir wollen auch wegkommen von dieser Fokussierung auf Martin Luther. Wir wollen die Reformbedürftigkeit in Kirche und Gesellschaft in den Vordergrund rücken, was schließlich kein konfessionelles Ereignis ist, sondern alle Konfessionen und Religionen betrifft.

Beispiele, Highlights sind also noch nicht benennbar?

Nein, das ist noch zu früh. Aber die gute Nachricht ist, dass die Landeskirche auf Antrag Extra-Mittel zur Verfügung stellt, um gute Ideen zu fördern.

Wäre der Buß- und Bettag eine bessere Wahl gewesen?

Für mich persönlich wäre er zumindest eine ebenso gute Wahl gewesen. Und zwar aus dem Grund, das der Buß- und Bettag ursprünglich ein staatlicher Feiertag gewesen ist, deswegen konnte man ihn streichen. Da wir an jenem Tag Schulgottesdienste angeboten hatten, konnte das Thema neu erschlossen werden. Nämlich aufzeigen, was eigentlich für ein Segen auf Buße, Besinnung, Umkehr, Neustart liegen kann. So gesehen liegt beides sehr nah beieinander: Reformation steht für Veränderung und Buße tun für Umkehr und mit Vergangenem abschließen. So gesehen bin ich auch mit dem Reformationstag sehr zufrieden. Schade ist nur, dass es im Vorfeld diese unsägliche Diskussion gab, die die jüngst so positiven ökumenischen Fortschritte beschädigt haben, nämlich dadurch, dass die Vertreter der jüdischen Gemeinden auf antisemitische Schriften Luthers verwiesen und die katholische Kirche die Reformation mit Kirchenspaltung gleichsetzte.

Der Feiertag bedeutet für die Arbeitnehmer vor allem einen freien Tag zusätzlich. Wird er auch das Bekenntnis zum Glauben fördern?

Ja, das kann ich mir vorstellen, wenn es uns gelingt, Angebote zu entwickeln, die auch die Menschen abholen und zu anderem einladen, als nur zu einem weiteren Gottesdienst im Jahr. Ich sehe das als große Chance.

Zurück zur Statistik: Vergleicht man die Ergebnisse für 2016 und 2017, so ist die Zahl der Taufen gestiegen, die der Konfirmationen jedoch gesunken. Was steckt dahinter?

Meiner Vermutung nach ist das darauf zurückzuführen, dass im städtischen Bereich die Attraktivität der Konfirmation nachlässt. Denn im ländlichen Bereich ist die Zahl der Konfirmationen höher. Auch der Anteil der nicht getauften Jugendlichen, die sich zur Konfirmation entschließen, ist größer als im städtischen Bereich.

Die Hälfte des Jahres 2018 ist bereits um, was wünschen Sie sich für das zweite Halbjahr?

Zunächst einmal Regen für die Landwirte. In Bezug auf meine Arbeit wünsche ich mir als Aufsichtsratsvorsitzender des Lebensraums Diakonie e.V., der seit Jahresbeginn aktiv ist, dass sich die Konsolidierung unserer diakonischen Einrichtungen gut weiterentwickelt. Aber auch, dass die anstehenden Visitationen (Besuche der Superintendenten in den Kirchengemeinden), die aufgrund der diesjährigen Kirchenvorstandswahlen verschoben werden mussten, erfreulich verlaufen. So werde ich Embsen, Amelinghausen und Betzendorf besuchen. Ein Highlight wird der Elbekirchentag sein, der am 7. und 8. September in Bleckede stattfindet. Und natürlich wünsche ich mir gute Ideen für den neuen Feiertag.

Zur Sache

Zahlen der Kirchenjahre 2016/17

Die beiden großen christlichen Kirchen haben im vergangenen Jahr zusammen etwa 660 000 Mitglieder verloren. Im Folgenden die Zahlen zur Entwicklung im Kirchenkreis Lüneburg der evangelischen Kirche:

  • Austritte: 2016 traten 1113 Mitglieder aus der Kirche aus, 2017 waren es 989
  • Eintritte: 2016 sind 102 Menschen in die Kirche eingetreten, 2017 sogar 116
  • Taufen: 2016 lag die Zahl bei 655, im vorigen Jahr bei 694
  • Konfirmationen: Hier gab es einen Rückgang: 2016 ließen sich 851 Jugendliche konfirmieren, 2017 waren es nur 775
  • Trauungen: 2016 gaben sich 194 Paare das Jawort im Rahmen einer kirchlichen Zeremonie, 2017 waren es 160 Paare
  • Beerdigungen: Die Zahl der kirchlichen Beerdigungen lag 2016 bei 911, 2017 bei 814
  • Mitglieder: Der Januar-Stand der Mitglieder fiel von 80 552 im Jahr 2016 auf 79 509 im vergangenen Jahr

Von Dietlinde Terjung

One comment

  1. johannis der täufer hat nur erwachsene getauft, die es auch wollten. was jetzt geschieht kontakariert nur den glauben an die kirche. dumm gelaufen würde ich sagen und ich bin ein atheist aus überzeugung. schmunzel. beim konfirmandenunterricht wird schon mal gerechnet, was es bares auf die kralle gibt. ist wie bei weihnachten.