Donnerstag , 20. September 2018
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Auch die Lüneburger Zahnärztin Annette Rambuscheck hat es mit jungen Kreidezahn-Patienten zu tun. (Foto: be)
Auch die Lüneburger Zahnärztin Annette Rambuscheck hat es mit jungen Kreidezahn-Patienten zu tun. (Foto: be)

Neue Volkskrankheit Kreidezähne

Lüneburg. Sie sind zerfurcht, rau, verfärbt, sehen aus wie Kreide und sind mehr als nur ein optisches Problem: die sogenannten Kreidezähne. Laut einer Mundgesundheits-Studie sind bis zu 15 Prozent aller Kinder in Deutschland betroffen. Bei den Zwölfjährigen beträgt die Quote sogar mehr als 30 Prozent. Die wissenschaftlich Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (kurz: MIH) genannte Krankheit ist mittlerweile das größte Problem in den Mündern von Schülern, noch vor Karies. Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde spricht sogar von einer neuen Volkskrankheit. Über die Ursachen rätseln Wissenschaftler noch.

„Früher hatten wir das Problem gar nicht“, sagt der Lüneburger Zahnarzt Dr. Rainer Köpsell, seit mehr als einem Vierteljahrhundert im Geschäft: „Jetzt tritt es zunehmend auf.“ Die Zahl von 15 Prozent allerdings hält er für zu hoch gegriffen. Die Lüneburger Zahnärztin Annette Rambuscheck praktiziert seit 1997: „Betroffen sind vier Zähne – die großen Schneidezähne und der große Backenzahn.

Normalerweise haben Zähne einen weißen Schmelz, er sieht wie Kristall aus und schützt. Bei MIH gibt es auf dem Schmelz gelblich-weiße oder hässlich-braune Flecken.“ Der kristallene Schutz ist nicht mehr gegeben: „Denn der Schmelz ist nicht richtig ausgebildet, ist brüchig. Der Zahn ist anfällig für Karies, wird weich, porös, kann schnell abbrechen.“ Rambuscheck weiß, dass die Kreidezähne nicht nur ein optisches Problem sind: „Es tut meist richtig weh. Beispielsweise wenn die Borsten der Zahnbürste an die betroffenen Zähne kommen. Auch beim Essen und Trinken gibt es Schmerzen, weil MIH-Zähne oft sehr temperatur- und berührungsanfällig sind.“

Wichtige Untersuchung im Alter von acht Jahren

Das Tückische laut Expertin: „Man kann es nicht rückgängig machen, nicht heilen. Mit dem vierten Lebensjahr ist die Schmelzbildung an diesen Zähnen abgeschlossen.“ Eine nachträgliche Mineralisierung zur Stärkung des Schmelzes sei nicht möglich. „Ich sehe die Patienten alle drei statt normalerweise sechs Monate bei anderen Patienten, um ihre Zähne so gut es geht vor der Entstehung von Karies zu schützen.“ Zur Karies-Prophylaxe gehören beispielsweise eine Fissurenversiegelung – Fissuren sind die Rillen und Vertiefungen der Zahnoberfläche – oder das Auftragen eines hochkonzentrierten Fluoridlacks. Die Ärztin: „Auch von MIH befallene Zähne können ein Leben lang erhalten bleiben. Fluoridierungsmaßnahmen in der häuslichen Umgebung und in der Zahnarztpraxis sind neben den regelmäßigen Untersuchungen das wichtigste Instrumentarium der intensiven Vorsorge.“

Um zu erkennen, ob ein Kind MIH hat oder nicht, dafür reicht allein der Blick eines Zahnarztes in den Mund. Bei einer schweren MIH-Form kann die Diagnose schon während des Zahndurchbruchs erfolgen, also im Alter von etwa sechs Jahren. Das günstigste Untersuchungsalter ist laut Medizinern acht Jahre, da dann alle Zähne in der Mundhöhle sichtbar sind.

Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde die Krankheit 1987. Rambuscheck aber geht davon aus, dass es „diese Krankheit gibt, seit es Zahnkrankheiten gibt“: „In bestimmten Altersgruppen liegt das Auftreten von Kreidezähnen tatsächlich höher als das von Karies.“

Für die Ursache gibt es nur Thesen

Über die Ursache der Krankheit rätseln Wissenschaftler, Annette Rambuscheck: „Wissenschaftlich erwiesen ist nichts, es gibt aber Thesen.“ Vermutet wird ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren während des Zeitraums der Zahn­entwicklung vom achten Schwangerschaftsmonat bis etwa zum vierten Lebensjahr. Diskutiert werden da besonders chronische Erkrankungen des Kindes wie Atemwegserkrankungen, auch Pocken werden genannt. Auch Antibiotika und Umweltgifte könnten ursächlich sein – vor allem Kunststoffbestandteile wie Bisphenol A stehen in Verdacht. Bisphenol A stecken als Weichmacher in Plastik, etwa in Getränkeflaschen oder der Plastikverpackung um die Bio-Gurke. Bis vor sieben Jahren wurde Bisphenol A auch für Schnuller und Babyflaschen verwendet – die meisten Kinder haben also damals gewisse Mengen dieses Giftes zu sich genommen.

Die Zahnmediziner können die Erwachsenen beruhigen – für sie besteht die Gefahr, an MIH zu erkranken, nicht.

Von Rainer Schubert