Dienstag , 25. September 2018
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Nordzucker muss sich nach Auslaufen der alten Zuckermarktordnung etwas einfallen lassen, um Verluste zu vermeiden. (Foto: phs)
Nordzucker muss sich nach Auslaufen der alten Zuckermarktordnung etwas einfallen lassen, um Verluste zu vermeiden. (Foto: phs)

Bittere Zeiten für Zuckerkonzern

Uelzen. Sinkende Zuckerpreise setzen die Nordzucker AG unter Druck. Das Unternehmen, dessen größtes deutsches Werk in Uelzen steht, muss sich nach Auslaufen der alten Zuckermarktordnung etwas einfallen lassen, um Verluste zu vermeiden. Im Interview mit der LZ verrät Christian Kionka, Leiter der Unternehmenskommunikation bei Nordzucker, wozu er Rübenanbauern jetzt rät, wie Kosten eingespart werden können und warum er auch die Pflanzenschutzforschung in der Pflicht sieht, zu handeln.

Angesichts stark sinkender Zuckerpreise muss Nordzucker einen massiven Gewinneinbruch verkraften. Der Überschuss im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres ist auf 3,4 Millionen Euro gesunken – nach 41,5 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. In den ersten drei Monaten des Geschäftsjahrs 2018/19 ging der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 18 Prozent auf 343 Millionen Euro zurück. Was bedeutet das für das Unternehmen?

Christian Kionka: Wir befinden uns derzeit in einer Übergangsphase von einem regulierten Markt in einen freien Markt. Harter Wettbewerb und deutliche Produktionsüberschüsse auf dem Weltmarkt und in der EU führen zu einem drastischen Preisverfall bei Zucker – und das hat einen direkten Einfluss auf unser Geschäft und die Ergebnisse. Wir sind sehr solide finanziert und gut aufgestellt. Das ist für die Phase, in der wir uns derzeit befinden, eine gute Grundlage.

Nach dem Ende der Zuckermarktordnung in der EU können Landwirte in diesem Jahr so viele Rüben anbauen und ernten wie sie wollen. Damit müssen sie sich allerdings auch auf den Wegfall des garantierten Mindestpreises einstellen. Welche Auswirkungen hat das auf das Unternehmen?

Nordzucker-Sprecher Christian Kionka. (Foto: Nordzucker)
Nordzucker-Sprecher Christian Kionka. (Foto: Nordzucker)

Der Zuckermarkt in der EU ist nach Auslaufen der alten Zuckermarktordnung mit dem Weltmarkt verbunden und deshalb wesentlich volatiler, das heißt, die Zuckerpreise schwanken stärker. Bisher ist es uns gelungen, die Rübenmengen zu akquirieren, die wir benötigen. Das liegt vor allem an dem neuen Vertragssystem mit variablen und fixen Vertragsmodellen, das ermöglicht Flexibilität und Planungssicherheit für den Landwirt und für uns. Zusammen mit einer soliden marktorientierten Mengenplanung haben wir für unsere Anbauer ein sehr gutes Maßnahmenpaket geschnürt.

Wie lauten die Prognosen für die kommenden Geschäftsjahre?

Wir werden im jetzt laufenden Geschäftsjahr alles daransetzen, einen Verlust zu vermeiden und eine schwarze Null zu schaffen. Im Geschäftsjahr 2019/20 werden wir einen Verlust verzeichnen.

Wie sollen Verluste künftig vermieden werden?

Wir haben uns rechtzeitig auf die derzeitige Situation vorbereitet. Mit einem Effizienzprogramm haben wir es über mehrere Jahre geschafft, dauerhaft 50 Millionen Euro pro Jahr zu sparen. Zusätzlich setzen wir im Unternehmen sogenannte Lean-Management-Methoden ein, um Prozesse schlank und effizient zu machen. Jeder ist an seinem Platz angehalten, Budgets sorgsam zu planen und Kostendisziplin zu üben.

Gibt es neben dem Wegfall des EU-weit garantierten Mindestpreises weitere Faktoren, die die schwierige Situation herbeigeführt haben? Ich denke da etwa an die Verbote vieler chemischer Mittel zur Unkrautvernichtung oder das momentan eher schlechte Image des Zuckers…

Die Entscheidung zum Verbot für Neonicotinoide bedauern wir. Die Zuckerrübe ist im normalen Anbauzyklus keine Blühpflanze, die Anwendung ist auf wenige Gramm im Boden beschränkt, da Neonicotinoide direkt mit der Pillierung ausgebracht werden. Es gibt zudem derzeit keine wirklichen Alternativen. Das kann für die Landwirte zu Ertragseinbußen führen – und das ist ein wirtschaftliches Thema. Wir appellieren daher an die Pflanzenschutzforschung und an die Zulassungsbehörden, zügig alternative Mittel zu entwickeln und zuzulassen. Zusätzlich werden wir uns in unserer Anbauberatung darauf fokussieren, wie wir negative Auswirkungen aus dem Verlust der Neonicotinoide für den Rübenanbau lindern können. Zucker steht aus unserer Sicht völlig zu Unrecht in der Kritik. Zucker ist ein Naturprodukt und Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung in einem gesunden Lebensstil. Einzelne Nährstoffe sind nicht verantwortlich für Übergewicht. Wir müssen vielmehr auf die Kalorien schauen, denn wer mehr Kalorien zu sich nimmt, als er verbraucht, der nimmt zu. Das Wissen darüber, was eine ausgewogene Ernährung ausmacht, ist also entscheidend. Dafür setzen wir uns ein.

Wie sollten die Rübenanbauer hier in der Gegend auf die aktuellen Bedingungen reagieren?

Ganz klar: Unsere Landwirte können mit schwankenden Märkten umgehen. Und: Zuckerrüben haben weiter Potenzial. Wir haben jetzt im Jahr eins nach der Quote gesehen, dass die Rübe beim richtigen Mix der Verträge nach wie vor die wirtschaftlich ertragreichste Feldfrucht für unsere Landwirte war. Darüber hinaus sind wir Partner unserer Anbauer. Gemeinsam mit ihnen werden wir diese herausfordernde Phase durchstehen. Ganz aktuell werden wir zum 25. Juli 2018 einen Teil des Rübengeldes für die Ernte 2018 vorziehen und vorzeitig auszahlen. Dies verbessert die Liquidität auf den Betrieben, die in diesem Jahr mit anderen Feldfrüchten sehr stark von der extremen Trockenheit betroffen sind.

Nordzucker ist ja vor einiger Zeit auch wieder in den Bio-Rübenanbau eingestiegen. Hat sich das bewährt?

Das Bio-Segment und auch der Markt für Biozucker aus Rüben wachsen. Nordzucker ist 2017 mit dem Anbau und der Verarbeitung von Ökorüben gestartet, hat sehr positive Erfahrungen in einer ersten Testkampagne in Deutschland und Dänemark gemacht und wird diesen Bereich nachhaltig ausbauen.

Hier und da werden Zuckerrüben auch als Rohstoff für Biogasanlagen angebaut. Vorstellbar wäre doch auch, dass die eine oder andere Biogasanlage aufgrund des sinkenden Zuckerpreises und der neuen Vertragsbedingungen mehr Zuckerrüben abnimmt.

Das ist denkbar, hängt aber vor allem von der Planung der Biogasanlagenbetreiber und letztlich vom Erlös für die Zuckerrüben ab. Lediglich Überrüben über die Vertragsmengen hinaus kommen hierfür in Betracht.

Um die Kosten in der Rübenproduktion zu senken, wurden Innovationen wie das Schlitzsaatverfahren entwickelt. Solche Ideen gab es sicher einige. Gibt es da erfolgversprechende Ansätze?

Wir sind bestrebt, gemeinsam mit unseren Rübenanbauern die Kosten für den Rübenanbau weiter zu senken. Das Schlitzsaatverfahren ist hierfür ein gutes Beispiel. Es trägt dazu bei, dass weniger Bodenbearbeitung nötig ist und so Kosten im Anbau eingespart werden können. Darüber hinaus setzen wir auch auf das Zukunftsthema Digitalisierung. Neben der persönlichen Beratung unserer Landwirte im direkten Austausch mit den Kollegen in den Agricentern haben wir unser „Agri Portal“ als digitale Plattform konsequent weiterentwickelt. Wir planen und organisieren zum Beispiel die gesamte Kette der Rübenlogistik bereits digital. In der digitalen Anbauberatung bieten wir unseren Landwirten Online-Werkzeuge, die über Saatgut, die Menge des erforderlichen Saatguts, Pflanzenschutz, den Zeitpunkt des Pflanzenschutzeinsatzes und die Konzentration des Pflanzenschutzes informieren. Außerdem gibt es einen Rübenpreisrechner. Mit diesen Angeboten sind wir ganz vorne.

Von Anna Petersen

2 Kommentare

  1. Bittere Zeiten für Zuckerkonzern und es liegt nicht am wetter , wie das bild suggeriert. der bauernverband verkauft es aber gern anders.

  2. Wenn Zucker jetzt teurer werden sollt, was ich nicht so recht glauben kann, ist es gar nicht so schlecht.
    Vielleicht lassen dann die Lebensmittel Hersteller es sein überall Zucker als billigen Füllstoff reinzuschmieren.