Donnerstag , 19. September 2019
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André Müller darf mit seinem Mini auf einem Behindertenparkplatz wie hier an der Waagestraße stehen. Doch die seien oft von Falschparkern belegt. Wer ertappt wird, muss mit einem Bußgeld von 35 Euro rechnen, zudem können Polizei oder Kommune den Wagen abschleppen lassen. Foto: t&w

Wenn Parken zum Handicap wird

Lüneburg. André Müller ist durchtrainiert, auf seinen Unterarmen prangen Tattoos. Sein Handicap sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an. Auch deshalb ranzen ihn vermutlich Leute an: „Warum wollen Sie sich mit ihrem Auto auf einen Behindertenparkplatz stellen?“ Seine Antwort ist simpel: „Weil ich behindert bin. Im Gegensatz zu Ihnen.“ Denn häufig seien die Plätze blockiert: „Da stehen Mütter, die eine Kinderkarre ausladen, oder Leute, die mal kurz in ein Geschäft wollen, oder Handwerker, die meinen, weil sie in der Nähe arbeiten, dürften sie ihre Autos da parken – den ganzen Tag.“

Der 52-Jährige ist keiner, der dann die Polizei ruft oder lamentiert. Doch es ärgert ihn schon, wenn er weiterfahren muss, um irgendwo anders einen Platz für seinen Mini Countryman zu finden. Damit ist er nicht allein. Das Bürgeramt der Stadt hat rund 480 blaue EU-Parkausweise ausgestellt, das Straßenverkehrsamt des Landkreises 715 weitere Genehmigungen herausgegeben. Sie berechtigen Menschen mit außergewöhnlicher Gehbehinderung, Blinde, die mit einem Begleiter unterwegs sind, und Menschen, die verkürzte Arme und Beine haben, ihre Autos auf ausgewiesenen Plätzen abzustellen.

146 Parkplätze im Stadtgebiet verteilt

Allein in Lüneburg stünden 146 solcher Parkplätze auf öffentlichen Flächen und in Parkhäusern bereit, berichtet Suzanne Moenck aus der Pressestelle des Rathauses. Dazu kommen weitere, die beispielsweise Supermärkte anbieten. Sie sind über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Jeweils ein Dutzend Plätze gibt es beispielsweise in den Parkhäusern am Klinikum und im Lünepark, im Karstadt-Parkhaus hingegen nur zwei; dazu kommen drei am Bahnhof, zwei Auf dem Wüstenort, also am Glockenhof, und sechs am Marienplatz.

Auch wenn mancher schimpft, dass diese Flächen oft nicht belegt und es daher zu viele seien, macht André Müller die Erfahrung: „Ich finde oft keinen Parkplatz.“ Denn neben den Lüneburgern steuern auch Urlauber die Stadt an, die die Stellplätze nutzen dürfen. Neben Autofahrern, die sich nicht um die Regeln kümmern, bereiten Müller ab und an auch Radfahrer Probleme: „An der Waagestraße, da gibt es zwei Plätze, dort stellen sie an Markttagen ihre Räder ab. Meine Frau oder ich müssen aussteigen und sie zur Seite stellen.“

Verbesserungsbedarf an „Eingängen der Stadt“

Der Wendisch Everner glaubt, dass die meisten, die nicht auf die Vorgaben achten, das aus Gedankenlosigkeit täten mit der Einstellung „Ich bin gleich wieder weg“. Trotzdem habe es Folgen für Menschen, die nicht gut laufen könnten oder gar auf Hilfe angewiesen seien – es mache sie noch unbeweglicher.

Der Bürokaufmann erklärt die Schwierigkeiten an seinem Fall: Er leidet an Knochenkrebs, hat mehrere Operationen am rechten Bein und der Hüfte hinter sich und Prothesen eingesetzt bekommen. Ärzte haben ihm zudem einen Lungenflügel entfernen müssen. „Jeder Schritt, den ich nicht laufen muss, bedeutet weniger Schmerzen für mich“, sagt er. „Über längere Strecken geht mir die Puste aus.“

Einen Wunsch hat er: Während es an Supermärkten auch aus seiner Sicht schon beinahe zu viele Extraplätze gebe, fände er es gut, wenn die Verwaltung weitere am Parkplatz Reichenbachstraße in Höhe des Capitol und im Bereich der Roten Straße einrichten könnte: „Das sind so etwas wie Eingänge zur Stadt. Das könnte man verbessern.“

Das sind die Regeln

Was darf man mit dem Parkausweis?

Das Landesamt für Soziales, Jugend und Familie, es ist Auf der Hude 2 angesiedelt, gibt nach einer Prüfung Schwerbehindertenausweise aus. Es gibt zwei Merkzeichen: aG steht für außergewöhnlich gehbehindert und Bl für blind. Erkennt die Behörde die entsprechende Behinderung an, können Betroffene in der Stadt beim Bürgeramt beziehungsweise bei der Straßenverkehrsbehörde des Landkreises einen Antrag auf den blauen EU-Parkausweis stellen. Wer so einen Ausweis besitzt, darf:

▶ bis zu drei Stunden an Stellen parken, an denen das eingeschränkte Halteverbot angeordnet ist. Für bestimmte Haltverbotsstrecken können auf Antrag auch längere Parkzeiten genehmigt werden. Die Ankunftszeit muss sich aus der Einstellung auf einer Parkscheibe ergeben,
▶ im Bereich eines Zonenhalteverbots die zugelassene Parkdauer überschreiten,
▶ an Stellen, an denen Parken erlaubt ist, jedoch durch ein Zusatzschild eine Begrenzung der Parkzeit angeordnet ist, über die zugelassene Zeit hinaus parken,
▶ in Fußgängerzonen, in denen das Be- und Entladen für bestimmte Zeiten freigegeben ist, während der Ladezeiten parken,
▶ auf Parkplätzen für Bewohner bis zu drei Stunden parken,
▶ an Parkuhren und bei Parkscheinautomaten ohne Gebühr und zeitliche Begrenzung parken,
▶ in ausgewiesenen verkehrsberuhigten Bereichen außerhalb markierter Parkstände – soweit der übrige Verkehr nicht unverhältnismäßig beeinträchtigt wird – parken, sofern in einer zumutbaren Entfernung keine andere Parkmöglichkeit besteht.
▶ Die höchstzulässige Parkzeit beträgt mit diesem Ausweis, wenn nicht anders angegeben, 24 Stunden.

von Carlo Eggeling