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In Zeiten politischer Ohnmachtsgefühle möchte die Leuphana Universität engagierte Menschen zusammenbringen, Richard David Precht führt durch die Utopie-Konferenz auf dem Campus. Foto: t&w

„Wir stehen an einem Scheideweg“

Lüneburg. „Verglichen mit dem, was jetzt auf die Gesellschaft zukommt, war die 68er-Studentenbewegung nur eine Veränderung der Benutzeroberfläche der Bundesrepu blik. Jetzt geht es darum, tief in das Räderwerk der Gesellschaft einzugreifen. In Lüneburg wollen wir Ausschau halten nach dem guten Leben im Jahr 2025.“ Mit dieser Aussage macht der Philosoph und Publizist Richard David Precht Lust auf die Utopie-Konferenz, die vom 20. bis 22. August an der Leuphana Universität stattfindet. Sie dient dazu, sich gemeinsam mit Studenten und anderen engagierten Menschen aus ganz Deutschland über die Gesellschaft von morgen auszutauschen. Die LZ durfte Precht vorab einige Fragen stellen.

Herr Precht, wie stellen Sie sich denn die Gesellschaft von morgen vor?
Richard David Precht: Ich denke, wir stehen an einem Scheideweg. Unsere Gesellschaft kann humaner und entspannter werden, aber sie kann auch in eine technoide Gesellschaft abdriften, eine kybernetische Diktatur, in der unsere Freiheit durch Sozialtechnik ersetzt wird. Die Weichen werden jetzt gestellt.

Erst kürzlich ist ihr neues Buch „Jäger, Hirten und Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ erschienen. Darin schreiben Sie, dass wir unser Gesellschaftssystem konsequent verändern müssen. Was schwebt Ihnen da vor?
Ich glaube, dass die Digitalisierung über kurz oder lang sehr viele bestehende Berufe verschwinden lässt, zum Beispiel Steuerberater, Verwaltungsberufe, Busfahrer, Justiziare, Bankangestellte, Versicherungsmakler usw. und dass sie ziemlich wenig neue Berufe hervorbringt. Die Folge ist, dass unser bisheriges Sozialsystem nicht mehr funktioniert, weil zu wenige, die noch sozialversicherungspflichtig arbeiten, zu viele finanzieren müssen, die es nicht mehr tun werden. Wir werden dann wohl ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen. Und das wird vieles in unserer Gesellschaft verändern. Die Erwerbsarbeit bekommt für viele, wenn auch nicht für alle, einen geringeren Stellenwert.

Zur Person

Philosoph, Schriftsteller, Publizist und Essayist

Richard David Precht, 1964 in Solingen geboren, ist Philosoph, Schriftsteller, Publizist und Essayist. Er ist bekannt geworden als Autor populärwissenschaftlicher Bücher, die sich mit philosophischen Themen befassen und sie mit Wissenschaft verknüpfen. Precht studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Köln.1994 erlangt er bereits als 30-Jähriger den Doktorgrad im Fach Germanistik mit einer Arbeit über Robert Musil. Er arbeitet von 1992 bis 1995 als Wissenschaftlicher Assistent an der Uni Köln. Precht begeistert sich fürs Schreiben und kann 1997 dank des „Arthur F. Burns Fellows“ bei der Chicago Tribune arbeiten. 1999 erhält er das Stipendium der journalistischen Heinz-Kühn-Stiftung. 2000 bis 2001 wird er Stipendiat am Europäischen Journalistenkolleg in Berlin. 2001 wird ihm der Publizistik-Preis für Biomedizin verliehen. Richard David Precht schreibt auch zahlreiche Essays für deutsche Zeitungen und Zeitschriften. 2007 veröffentlicht er „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“. Es ist sein bisher erfolgreichstes Buch. Die Zukunft spielt auch bei der Konferenz in Lüneburg eine tragende Rolle. In was für einer Welt möchten Sie leben?Wir müssen jetzt viele Ideen sammeln, durchdenken und diskutieren, damit wir die Weichen richtig stellen können. Die Gesellschaft der Zukunft wird ganz anders sein als die gegenwärtige. Wir müssen jetzt überlegen, wie sie besser wird und nicht schlechter. Gefragt sind ungewöhnliche, pfiffige aber auch ganz pragmatische Zukunftsentwürfe.

Warum ist es gerade jetzt wichtig, Ideen und Konzepte für die Zukunft zu entwickeln? Vor welchen Herausforderungen sehen Sie die Gesellschaft?
Die Umbrüche, die auf unsere Gesellschaft jetzt zukommen, sind vergleichbar mit der ersten industriellen Revolution. Damals endete die weit über tausendjährige Herrschaft von Adel und Kirche. Die Arbeits- und Leistungsgesellschaft entstand. Die aber geht heute allmählich zu Ende, weil mehr und mehr Maschinen menschliche Intelligenzberufe übernehmen. Wir müssen uns fragen: Was machen die Menschen der Zukunft den ganzen Tag? Wie sieht ein humanes Leben im Zeitalter intelligenter Maschinen aus?

Bildung ist ein Thema, das Ihnen sehr am Herzen liegt. Sehen Sie sie durch die Digitalisierung in Gefahr?
Unser Bildungssystem ist in der Breite nicht auf die Zukunftsgesellschaft vorbereitet, sondern verwaltet eine Struktur aus dem 19. Jahrhundert. Die Digitalisierung gefährdet nicht die Bildung, aber sie fordert sie heraus, neue Schwerpunkte zu setzen: Intrinsische Motivation zu fördern und die Kinder zu befähigen, ihren eigenen Weg in einer immer komplizierteren Welt zu gehen.

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Utopie-Konferenz

Neben philosophischen Impulsen stehen 20 Workshops auf dem Programm, in denen die Zukunft der Arbeit und der Bildung ebenso betrachtet werden soll wie die mögliche Entwicklung von Mobilität oder Ernährung. Zu den Gästen zählen unter anderem die Europa-Vordenkerin Ulrike Guérot, der Grünen-Politiker Christian Ströbele, Architekt Van Bo Le-Mentzel, Marjukka Turunen, Expertin auf dem Gebiet Grundeinkommen, Philosoph Konrad Paul Liessmann und Filmemacher Reinhard Kahl. 300 Studenten und 300 Bürger aus ganz Deutschland können an der Utopie-Konferenz im Zentralgebäude teilnehmen. Sie sind zudem eingeladen, etwas mitzubringen, das ein utopisches Projekt illustriert, also etwa Fotos, Geschichten, Installationen oder auch nur einen guten Satz. Anmeldungen sind unter www.leuphana.de/utopie möglich.

von Anna Paarmann

3 Kommentare

  1. Werner Schneider

    Der neue Nostradamus? Im Ernst: Diese Untergangsapologeten gab es immer schon und sie haben sich alle geirrt. Aber es lässt sich gut verkaufen. Das hat etwas von den amerikanischen Predigern, die Hallen füllen.

    • Andreas Janowitz

      Öhm… also „Übergangsapologet“ ist angebracht? Von Untergang kann keine Rede sein? Schon gar nicht im Sinne der biblischen Endzeit? Daran müsste man glauben? Er verbreitet eine andere Sicht auf notwendige Anpassungen in Form von Fakten, nichts weiter.

      Sog. „hidden Chmapions“ genannte Unternehmen dominieren jetzt schon den globalen Markt mit im vergleich winzigen Angestelltenzahlen? Wer mit weniger als tausend Mitarbeitern Marktanteile von 80% und mehr in seinem Segment erreicht mag ja für die exportorientierte Wirtschaft der Bundesrepublik vorbildlich sein, aber das funktioniert global gesehen überhaupt nicht? Nichtmal innerhalb Europas?
      Unternehmen auf dem neuesten Stand sind derart Effizient, das es einfach nicht mehr genug Arbeit im produzierenden Gewerbe gibt? Das Internet verschärft die globale Monopolbildung noch weiter?
      Software wird den Kokolores um die „Serviceindustrie“ endgültig ad absurdum führen? Schon jetzt kann Software schneller, billiger und insgesamt besser als menschliche Juristen entsprechende Dienstleistungen erbrigen?

    • An der Leuphana muss Geld verdient werden. Demnächst flattert die 150 Millionen Euro-Rechnung für den zinkplattenbewehrten Libeskind-Panzer ins Postfach an der Schaumschlägertwiete. Da ist es gut, wenn mit solchen Publikumsformaten seichter Wind ins Sommerloch gefächelt werden kann. Früher grinste Opa Schowski in die Rentnerrunde (https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/luneburg/193643-die-wohlstandswende-kommt), heute zählt Scheideweg-Gequatsche für Digitalfantasten. Apokalyptiker treffen auf Integrierte (Umberto Eco) und Nostradamus lässt grüßen.

      Siehe auch Text und Kommentare zu: https://www.landeszeitung.de/blog/kultur-lokales/1118232-auf-dem-spiel-steht-eigentlich-alles