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Lars Leipert präsentiert das Projekt bei der Weltleitmesse für Umwelttechnologien in München. Foto: Klaus D. Wolf

Aus der Jacke soll eine Flasche werden

Lüneburg. Carsten Eichert deutet auf vier kleine Glasbehälter, einer enthält eine klare Flüssigkeit, ein anderer weißes Pulver. In den übrigen Gefäßen sind blau gefärbte Krümel und geschredderte Plastikflaschen zu erkennen. Vor allem die Inhalte der beiden ersten Gläser sind für den Geschäftsführer der Lüneburger Firma Rittec Umwelttechnik GmbH von großer Bedeutung. Verbindet er sie miteinander, erzeugt er neues PET. „Mit der gleichen Qualität wie Neuware“, erzählt er stolz. Jedoch ist nicht das neue PET sein Ziel, sondern der Weg von den Flaschenresten zu Pulver und Flüssigkeit. Dabei ist die angewandte Technologie, die sogenannte Solvolyse, nicht das Novum, das Eichert und seinen Kollegen von der Universität Braunschweig die Nominierung für den niedersächsischen Innovationspreis beschert hat. Das Team hat ein kontinuierliches Verfahren für die Verwertung von Abfall-PET entwickelt.

Patentantrag ist in Vorbereitung

„Wir schreiben gerade am Patentantrag“, verrät der 54-Jährige, der in Lüneburg Betriebswirtschaftslehre studiert hat und sich seit 25 Jahren mit dem Thema Recycling auseinandersetzt. Mehr über das Verfahren könne er daher zurzeit nicht verraten, erst wolle man sich die Rechte sichern. Warum eine Verstetigung jedoch sinnvoll ist, umschreibt Eichert mit einem Beispiel. „Kartoffeln kommen beim Kochen in einen Topf mit Wasser, das wird erhitzt. Dann wartet man so lange bis die Kartoffeln weich sind und lässt sie anschließend abkühlen. Das wiederholt man, wenn man viele Kartoffeln kochen will.“ Der Energieverbrauch, der dabei benötigt wird, sei einer Kurve mit Sägezahn-förmigen Ausschlägen ähnlich. Ein unwirtschaftlicher Vorgang, der Eichert schon vor Jahren zum Nachdenken angeregt hat. Sein Ansatz: „Einmal Wasser aufhitzen, durchgehend Kartoffeln kochen und die Temperatur auf einem Niveau halten.“

In dem Forschungs- und Entwicklungsprojekt „solvoPET“, das innerhalb der Maßnahme „Plastik in der Umwelt“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit insgesamt 2,1 Millionen Euro gefördert wird, geht es unter anderem darum, dem gängigen Downcycling-Verfahren den Rücken zu kehren, Entsorgern und Aufbereitern eine Alternative anzubieten. Downcycling meint die Umwandlung eines Produkts zu einem qualitativ schlechteren Endprodukt. Für Carsten Eichert eine Sackgasse. „Bei Papier ist die Zellulosestruktur irgendwann so kurz, dass das nicht mal für Klopapier reicht.“ Innovativ sei dagegen der Ansatz, Altware zu Neuem zu verarbeiten. Genau das Ziel verfolgt der Betriebswirt zurzeit in einem Verbund mit namhaften Partnern.

Dabei hat er aber nicht nur das PET im Sinn, das in Flaschen enthalten ist, sondern zum Beispiel auch aus Polyester bestehende Sportkleidung. „Das hat die gleiche Grundstruktur“, erklärt er. Deshalb könnten Flaschen zum Beispiel zu Fleecejacken verarbeitet werden. Eicherts Vision: „Ich möchte aus einer Fleecejacke wieder eine Flasche machen. Selbst wenn Fleece wieder zu Fleece wird, haben wir schon viel erreicht.“

Eine Lösung für das Problem an der Wursttheke

Die Notwendigkeit, Kunststoffe mit höchster Qualität zu erzeugen, veranschaulicht er auch am Beispiel von Lebensmittelverpackungen. So würde die Hülle von Wurst- und Käsewaren im Supermarkt zu 50 bis 90 Prozent aus PET bestehen. Häufige diene eine solche Schicht als Basis für bis zu zwölf weitere Beläge. „Sie sind miteinander verklebt und mit den herkömmlichen Verfahren nicht auseinander zu bekommen“, nennt er die Problematik, für die er eine Lösung gefunden hat. „Wir lösen das PET auf. Die anderen Folien werden einer separaten Verwertung zugeführt.“

Dabei setzt er Laugen ein, um zunächst all jene Stoffe herauszufiltern, die sich nicht auflösen. „Es geht darum, die Lösung von fremden Bestandteilen zu befreien.“ Dann macht sich Eichert eine einfache chemische Reaktion zu eigen, er neutralisiert die Base mit Säure, wobei ein Salz als weißes Pulver ausfällt. Aus der verbleibenden Flüssigkeit wird Glykol als klare Flüssigkeit destilliert. Diese wird unter anderem als Kühlmittel im Auto eingesetzt, aber auch zur Produktion von neuem PET.

Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer Technikumsanlage. Die Planungen sind weit fortgeschritten, Eichert zufolge sollen die ersten Aufträge für Bestandteile im August vergeben, die Anlage selbst im ersten Quartal 2019 im Raum Braunschweig/Hannover in Betrieb genommen werden. „Damit können wir dann 20 bis 30 Kilo pro Stunde verarbeiten.“ Später soll Lüneburg das Zentrum für diese neue Technologie sein: So plant Eichert, hier ein Unternehmen aus dem Ingenieurwesen aufzubauen und Hallen anzumieten, in denen genau solche Anlagen entwickelt, aufgebaut und dann zu den Kunden verschifft werden.

Den Erfolg der überhaupt ersten Technologie, die es möglich macht, dass Kunststoffabfälle ohne Qualitätsverlust in eine Kreislaufwirtschaft überführt werden, könne er nicht abschätzen. „Was draus wird, muss der Markt entscheiden. Es gibt gute Rahmenbedingungen dafür.“

Hintergrund

Innovationspreis

Am 21. August fällt die Entscheidung, ob das Lüneburger Projekt „solvoPET“ den niedersächsischen Innovationspreis in der Kategorie „Wirtschaft“ gewinnt. In diesem Jahr wird die Auszeichnung zum ersten Mal verliehen, sie ehrt jene, die sich Innovation und Veränderung verschrieben haben. Die neun nominierten Projekte wurden aus insgesamt 75 Einreichungen von einer Jury ausgewählt. Es gibt drei Kategorien: „Vision“, „Wirtschaft“ und „Kooperation“. In jeder sind drei Projekte nominiert, jeder Kategoriesieger erhält 20 000 Euro.

von Anna Paarmann

One comment

  1. Aus der Jacke soll eine Flasche werden, umgekehrt wäre es besser.