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Die extreme Trockenheit hat enorme Ernteausfälle zur Folge. Und die Landwirte ringen um die Frage: Was nun? Foto: phs

Die Bauernrebellion

Lüneburg/Uelzen. Als er im Radio zum ersten Mal von der Botschaft seines Präsidenten hört, sitzt Thorsten Riggert gerade hinterm Steuer seines Treckers und stellt die Beregnungsanlage um. „Bauernverband will wegen der Dürre eine Milliarde Euro Hilfe“, verkündet die Nachrichtensprecherin. Ein Satz, der in dem Vorsitzenden des Bauernverbandes Nordostniedersachsen (BVNON) aus Uelzen sofort die Wut aufsteigen lässt. „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“, flucht er, stellt das Radio aus – und zettelt drei Tage später eine Rebellion an.

Fatal für öffentliche Wahrnehmung

Am 2. August verschickt Riggert mit seinen Vorstandskollegen Jens Wischmann und Adolf Tebel eine „Infomail“ an alle 2800 Mitglieder in den drei Landkreisen Lüneburg, Uelzen und Lüchow-Dannenberg. Betreff: „Dürrehilfe und DBV-Forderung“. Zu lesen ist darin fettgedruckt zu Beginn des ersten Absatzes: „Der BVNON und das Landvolk Niedersachsen können sich der Milliarden-Forderung des DBV (Deutscher Bauernverband) nicht anschließen.“ Offen stellt sich die Spitze des BVNON gegen ihren Dachverband und fordert statt einer Milliarde: „Wir Bauern brauchen jetzt grundlegende Hilfe zur Selbsthilfe.“

Der DBV hat von der Rebellion an der Basis offenbar noch nichts mitbekommen – und auch nichts dazu zu sagen. Zumindest nicht öffentlich. Auf Anfrage heißt es aus der Pressestelle des DBV nur kurz: „Wir werden uns dazu nicht äußern.“

Dabei gibt es für Riggert viele Gründe, sich in dieser Sache gegen seinen Bauernpräsidenten Joachim Rukwied zu stellen. Einen erlebt der Schweinehalter einen Tag, nachdem die Nachricht von der Milliarden-Forderung überall zu hören und lesen ist. Beim Verladen einiger Tiere spricht ihn der Lkw-Fahrer auf die Dürre an, die schweren Zeiten – und die Milliarde, mit der doch nun alle gerettet werden. „Genau das kommt bei unsinnigen Forderungen am Ende heraus“, sagt Riggert, „die Menschen denken: Die Bauern haben ja jetzt so viel Geld gekriegt und sollen endlich aufhören zu jammern.“

Von Hilfen kommt bei vielen nichts an

Das Problem dabei: „Erfahrungsgemäß kommt von Hilfszahlungen bei der Masse der Betriebe nichts an, weil sie irgendeine Auflage nicht erfüllen.“ Und wenn Geld fließt, dann sei es meist nicht mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. „Eine Milliarde Euro ist verdammt viel Geld“, sagt Riggert, „aber wenn man das runterrechnet auf geschätzt 200 000 betroffene Betriebe, sind das gerade mal 5000 Euro pro Hof.“ Bei Verlusten von bis zu 100 000 Euro „ein Witz“.

Doch noch viel wichtiger ist Riggert und seinen Kollegen: „Wir wollen nicht gerettet werden“, sagt er, „wir wollen uns endlich selber retten können.“ Doch dafür fehlten die Rahmenbedingungen. „Für die sollte sich Rukwied einsetzen, anstatt pauschal Geld zu fordern.“

Konkret denkt Riggert dabei zuerst an eine Versicherung gegen Ernteausfälle. „So könnten wir uns sinnvoll und effektiv auf Extremjahre wie dieses vorbereiten.“ Doch bisher fehlt diese Möglichkeit, „das muss sich ändern“. Hilfreich wäre auch die Möglichkeit einer steuerfreien Risikoausgleichsrücklage. „So könnte man in guten Jahren einen Teil des Gewinns steuerfrei zurücklegen, um Ausfälle wie jetzt ausgleichen zu können.“ In der akuten Notsituation fordert der BVNON außerdem Lockerungen beim sogenannten Greening. „Welchen Sinn macht es, wenn wir jetzt Untersaaten oder Zwischenfrüchte säen, die ohnehin vertrocknen?“, sagt er, „da sollte Viehhaltern lieber ermöglicht werden, Futterpflanzen wie Ackergras anzubauen.“

Info-Mail löst großes Echo unter Kollegen aus

All das erklärt die Info-Mail des BVNON – und trifft damit bei vielen Bauern offenbar einen Nerv. „Kaum war die Mail raus, hatte ich schon die ersten Rückmeldungen“, sagt Riggert. Da schreibt ihm ein Kollege: „Danke, dass Ihr euch von diesem schwachsinnigen Rukwied distanziert.“ Ein anderer hätte sich gewünscht, dass der DBV anstatt diese „schwachsinnige Milliarden-Forderung aufzustellen, lieber euch gefragt hätte“. Und in einem Fax bedankt sich ein Landwirt für „diese ausgewogene und zugleich bemerkenswerte Stellungnahme zu der plumpen und den Stellenwert der Landwirtschaft in den Augen der Öffentlichkeit unnötig belastenden Forderung des DBV“.

Der arme Bauer, der bei jeder Gelegenheit den Staat anruft und die Hand aufhält. Das ist ein Bild, gegen das sich Riggert als Vorsitzender des BVNON schon lange wehrt – „und dabei bleib‘ ich“, sagt er. Selbst wenn das heißt, gegen den eigenen Dachverband zu rebellieren.

von Anna Sprockhoff

One comment

  1. Werner Knippschild

    Kann mich allem nur anschließen.Dieser Bericht muss auf jede DBV Geschäftsstelle, vielleicht werden die dann mal wach. Grüsse aus Nordhessen vom Diemelsee