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„Zum Friedhof, zum Schloss, das ist zu Fuß für mich fast unmöglich“, sagt Ute Lübbert. Für sie ist das Bleckede Bürgermobil ein Segen, in dem sie Helmut Heilmann durchs Stadtgebiet fährt. (Foto: t&w)
„Zum Friedhof, zum Schloss, das ist zu Fuß für mich fast unmöglich“, sagt Ute Lübbert. Für sie ist der Bleckede Bürgerbus ein Segen, in dem sie Helmut Heilmann durchs Stadtgebiet fährt. (Foto: t&w)

Ein Bus voller Geschichten

Bleckede. Es ist 8.30 Uhr und die Klimaanlage in Helmut Heilmanns Bus rattert mit dem Kilometerzähler um die Wette. Bis 12.30 Uhr will er beim Supermarkt gewesen sein, beim Friseur, dann am Schwimmbad, bei der Apotheke und beim Arzt. Aus dem Radiolautsprecher singt Tim Bendzko gegen das Brummen des Motors an: „Muss nur noch kurz die Welt retten.“ Da ist Heilmann im Einsatz, um sie zumindest ein klein wenig besser zu machen. In Bleckede. Für alle, die nicht, wie er, mit dem Auto über die Landstraßen touren können, springt er ein – mit dem Bürgerbus.

Seit 2015 rollt das Angebot durch das Zentrum Bleckedes und die 13 Ortsteile, um Bewohnern, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, die flexible Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen. Oft geht es dabei um essenzielle Dinge: den Einkauf zum Beispiel, den Besuch beim Arzt oder Apotheker. Zwölf Fahrer sind darum montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr im Dienst – ehrenamtlich. Im Schnitt 125 Kilometer legen sie täglich zurück. Viele von ihnen haben, wie Heilmann, bereits das Rentenalter erreicht. „Ich habe jetzt die Zeit“, sagt der 70-Jährige und reibt sich nachdenklich das Kinn, während er an einer roten Ampel wartet. „Ach, und man will ja auch was Gutes tun.“ Das Leben ist für ihn ein Geben und Nehmen, keine Einbahnstraße.

Ohne einen exakten Zeitplan geht es nicht

Das Telefon klingelt. Heilmann schaltet die Freisprechanlage an: „Guten Morgen, ich möchte gern am Freitag zum Einkaufen fahren“, erklärt eine zarte Frauenstimme. Heilmann schielt auf den Namen auf dem Bordcomputer: „Frau Müller*, ich ruf‘ gleich zurück!“ Denn der Freitag will klug geplant sein. „Frau Müller fährt am liebsten nachmittags zum Einkaufen“, denkt er laut. Da müsste doch eigentlich noch was frei sein. Wer wann feste Termine hat und auch wer wo wohnt, das weiß er längst auswendig.

Ohne Navi also manövriert Heilmann den weißen Kleinbus durch die leeren Straßen des noch verschlafenen Bleckede. Aus der Ferne winkt ihm eine Frau zu: Andrea Harder wartet bereits vor ihrer Haustür auf die Fahrt zur Physiotherapie. „Wir müssen noch einen Umweg über Göddingen machen. Da muss eine Frau schnell zum Arzt“, erklärt Heilmann ihr gleich zur Begrüßung. Sie nickt verständnisvoll. Die 49-Jährige bekommt bei längerem Gehen schlecht Luft. Zwar gebe es auch einen öffentlichen Busverkehr, der schränke einen aber in der Flexibilität ein. So verabredet sie sich erst und ruft dann den Bürgerbus an. Wer rechtzeitig Bescheid gibt, kommt eigentlich immer pünktlich ans Ziel. Oft klappt es auch spontan.

„Ich habe jetzt die Zeit. Ach, und man will ja auch was Gutes tun.“ Helmut Heilmann, Fahrer

Spontan sein. Was braucht es dazu? Auf dem Land ein eigenes Auto, dachte Ute Lübbert lange Zeit. „Zum Friedhof, zum Schloss, das ist zu Fuß für mich fast unmöglich“, erzählt die 81-Jährige. „Da muss man sich schon genau überlegen, ob man das schafft.“ Nachdem sie ihren Wagen vor ein paar Jahren schweren Herzens ihrem jüngsten Sohn zu Weihnachten vermacht hatte, testete sie auch mal den „normalen“ Bus, doch vor dem graut es ihr inzwischen – wegen des hohen Einstiegs mit dem Rollator, auf den sie angewiesen ist. Im Schnitt einmal pro Woche nimmt sie nun Platz im Bürgerbus. Heute geht es zum Friseur. Dort angekommen, hilft Heilmann ihr aus dem Wagen und sprintet selbst noch schnell in den Laden: „Ich frag‘ mal eben, ob sie um 10 Uhr auch wirklich fertig sind.“ Schließlich darf der Zeitplan nicht durcheinander geraten.

Zurück im Auto, klingelt erneut das Telefon: „Die Patientin ist fertig, müsste jetzt wieder abgeholt werden“, erklärt eine Sprechstundenhilfe. Heilmann macht sich wieder auf den Weg zur Arztpraxis: Gutes tun, auch für die Angehörigen seiner Mitfahrer. Denn würde der Bus nicht fahren…

Inge Schneider etwa müsste ihren Bruder um Hilfe bitten. „Und das geht ja auch nicht ständig“, meint die 81-Jährige, die nach Einkauf und Kaffeetrinken auf einem Supermarktparkplatz zusteigt. „Manchmal trifft man hier ja auch Leute, die man kennt.“ So wie an diesem Tag. Vom Beifahrersitz aus wendet sich ihr ein vertrautes Gesicht zu: „Ja, ja, jetzt bin ich genauso dran wie du, Inge, mit dem Schlaganfall.“ Und der Austausch beginnt. Mit diesem Bus werden nicht nur Menschen transportiert, sondern auch ihre Geschichten – traurige wie auch schöne.

Zweimal pro Monat verlässt er auch die Gemeindegrenzen, um zu den Fachärzten in Lüneburg zu fahren. Das ist eine Ausnahme, schließlich soll den Taxi-Unternehmen in der Region keine Konkurrenz gemacht werden. Für diese Fahrten – und auch für den Fall, dass mal ein Wagen in die Werkstatt muss – gibt es seit diesem Sommer einen zweiten Bus mit bequemerem Einstieg, finanziert mit Hilfe einer Förderinitiative der Sparkasse.

100 Mitglieder nutzen bereits den Bus

Kosten für Sprit, Reparaturen und Versicherung werden größtenteils durch die Mitgliedsbeiträge des Bürgervereins gedeckt. Für jährlich 15 Euro – und sofern die wirtschaftliche Bedürftigkeit nachgewiesen wurde – können die Bewohner Bleckedes den Fahrdienst nutzen. Und das werden stetig mehr: Inzwischen sind über 100 Mitglieder mit dem Bus unterwegs, 60 mehr als noch im Jahr 2015.

Um Punkt 12.30 Uhr parkt Heilmann vor seiner Haustür. Pause! In etwa einer Stunde wird er sich wieder hinters Steuer setzen und die Welt, nun, vielleicht nicht retten, aber tatsächlich ein kleines bisschen besser machen.

*Name von der Redaktion geändert

Von Anna Petersen