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Carolin Meyer ist Kommunikationstrainerin und Coach, sie berät sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen. Foto: t&w

„Wir müssen sprechen . . .“

Lüneburg. Zwei Menschen mit unterschiedlichen politischen Meinungen ins Gespräch zu bringen – das ist das Ziel der Aktion „Deutschland spricht“. Als einer von zwölf Medienpartnern ruft auch die Landeszeitung dazu auf, sich anzumelden und am 23. September dabei zu sein, wenn Lüneburg spricht. Doch wie führt man ein vernünftiges Zwiegespräch? Wie streitet man, ohne verletzend zu werden? Die Lüneburger Kommunikationstrainerin Carolin Meyer gibt Tipps für eine durchaus kontroverse, aber gewinnbringende Diskussion.

LZ: Liebe Frau Meyer, ich möchte mich mit jemandem zum Zwiegespräch treffen, der politisch völlig anders denkt als ich. Welche goldene Regel geben Sie mir mit auf den Weg?
Carolin Meyer: Das Wichtigste ist aus meiner Sicht die innere Einstellung. Ich darf mir auf keinen Fall vornehmen, den anderen missionieren und ihn von meiner Meinung überzeugen zu wollen. Gelingen kann ein solches Gespräch nur, wenn ich mich wirklich austauschen möchte und mir klarmache, dass auch mein Gegenüber Gründe und Erfahrungen hat, die dazu geführt haben, dass er denkt, wie er denkt.

Das klingt einfach. Doch es gibt Ansichten, da würde es mir verdammt schwer fallen, zu akzeptieren, dass es gute Gründe für diese Meinung gibt.
Das ist genau das Problem vieler Diskussionen. Gerade aktuell. Da treffen Meinungen aufeinander, die völlig unvereinbar sind. Da fühlt sich der eine von der Meinung des anderen auf der Werteebene angegriffen. Wenn jemand zum Beispiel sagt, die Flüchtlinge im Mittelmeer sollten alle absaufen, dann widerspricht das zutiefst meinen Werten und Überzeugungen. Dann fange ich an zu kämpfen, denn ein Nachgeben würde heißen, dass ich meine eigenen Werte verrate. So fühlt es sich zumindest an. Und das erschwert den Austausch. Dabei ist es gerade in diesen Momenten wichtig, sich daran zu erinnern, dass der andere Gründe hat, vielleicht in Form von Ängsten oder Befürchtungen, die ihn zu dieser Meinung haben kommen lassen.

Zur Person

Carolin Meyer, 42, lebt mit ihrem Mann und vier Kindern in Lüneburg. Sie hat Wirtschaftspsychologie und Betriebswirtschaftslehre studiert. Nach beruflichen Stationen als Prozessingenieurin bei Hewlett Packard und als Unternehmensberaterin hat sie sich 2004 selbstständig gemacht als freiberufliche Kommunikationstrainerin und Coach.

Warum sollte ich mich solchen Gesprächen überhaupt stellen?
Als ich von der Aktion „Deutschland spricht“ gelesen habe, habe ich mich das auch gefragt. Macht das überhaupt Sinn? Ich glaube, es macht immer dann Sinn, wenn ich mit der richtigen Einstellung in das Gespräch gehe. Denn dann habe ich die Chance, meine Perspektive zu erweitern und politisch Andersdenkende besser zu verstehen. Klarmachen sollte ich mir außerdem, dass in guten Diskussionen nicht immer eine Lösung gefunden werden muss. Es kann auch sein, dass die Dinge nebeneinander stehen bleiben.

Trotzdem lassen sich Emotionen bei manchen Themen nicht vermeiden.
Das stimmt. Doch wenn man der Kompetentere im Gespräch sein will, sollte man nicht aus der Haut fahren, sondern ganz bei sich bleiben. Selbst wenn der andere laut wird. In solchen Momenten sollte man sich sagen: Okay, das ist jetzt seine Art deutlich zu machen, wie wichtig ihm die Sache ist, deswegen regt er sich so auf. Aber das heißt nicht, dass ich genauso laut schreien muss. Er macht das vielleicht nur, um sicherzustellen, dass ich ihn auch verstehe. Da kann ich zu ihm sagen: Ich habe gehört und verstanden, was du meinst. Um dann wieder ein bisschen Ruhe ins Gespräch zu bringen, hilft es oft, die Argumente des Gegenübers mit eigenen Worten noch einmal zusammenzufassen und zu sagen: Okay, das ist deine Sicht. Ich halte dagegen, dass…

Das sind klare Regeln, die jeder verstehen sollte. Trotzdem laufen gerade politische Diskussionen immer wieder aus dem Ruder. Haben wir verlernt, uns zu streiten?
Ich glaube eher, dass wir es noch nie wirklich konnten. Vor einigen Jahren hieß es, die Deutschen streiten zu wenig, sind politisch uninteressiert. Ich glaube, das lag daran, dass es nichts gab, was wirklich interessierte, was den Menschen auf der Seele lag. Alle Parteien waren sich in den ganz wesentlichen Themen mehr oder weniger einig. Das hat sich vor allem im Zuge der Flüchtlingskrise geändert. Nun fühlen sich die Menschen plötzlich persönlich betroffen und engagieren sich mehr – auch in der Diskussion. Deswegen finde ich, dass wir nichts verlernt haben, sondern dass wir überhaupt erst wieder anfangen zu diskutieren. Das ist für uns als Gesellschaft eine große Chance.

Warum?
Weil es für Gruppen und damit auch für Gesellschaften nicht gut ist, wenn alle einer Meinung sind. Das führt schnell zu Fehleinschätzungen der Gesamtsituation. Gelingt es hingegen, unterschiedliche Ansichten zu vernünftigen Diskussionen zu bündeln, können da ganz neue, kreative Ideen herauskommen, die langfristig tragbar sind.

Wie lernt man, vernünftig zu diskutieren?
Es gibt natürlich gewisse Techniken, die sich in Seminaren lernen und relativ schnell vermitteln lassen. Viel wichtiger ist aus meiner Sicht allerdings die eigene Haltung. Bei sehr streitsüchtigen Menschen ist es immer die Haltung, an der ich zuerst arbeiten würde.

Wie arbeitet man an Haltung?
Das ist ein längerfristiger Prozess. Ich beginne damit, die Menschen dafür zu sensibilisieren, wie ihr Verhalten auf andere wirkt. Die meisten sind dann überrascht, dass sie aggressiv wirken. Zu einer Haltung gehört sicherlich auch ein gesundes Selbstbewusstsein und die Größe zu ertragen, dass andere Menschen nicht meiner Meinung sind. Hilfreich ist es zudem, sich bei Gesprächen die verschiedenen Ebenen zu vergegenwärtigen. Viele Menschen meinen, sie diskutieren auf der Sachebene. Wenn sie dabei aggressiv werden, merken sie oft gar nicht, dass der andere schon gar nicht mehr zuhört, sondern sich ärgert über den Tonfall. Dem geht es dann nicht mehr um die Sache, sondern um den Umgang, die Beziehungsebene. Diese Menschen sensibilisiere ich dafür, dass beides dazugehört. Dass ich meine Meinung und meine Widersprüche auch nett sagen kann. Diese Reflektion über die eigene Wirkung kann man lernen. Da würde ich ansetzen.

„Wer aggressiv wird, merkt oft gar nicht, dass der andere schon gar nicht mehr zuhört, sondern sich über den Tonfall ärgert.“  – Carolin Meyer, Kommunikationstrainerin

Und trotzdem gibt es Menschen, mit denen kann man nicht diskutieren.
Das stimmt. Trotzdem würde ich es erstmal versuchen. Wenn man merkt, dass in einer Diskussion etwas überhaupt nicht zusammenpasst, macht es Sinn, auch das zu thematisieren. Dann kann man zum Beispiel sagen: Das ist für mich jetzt wirklich schwierig zu verstehen, weil sich das so gar nicht mit meiner Wahrnehmung oder Überzeugung deckt. Trotzdem sollte man klarmachen, dass man sich bemüht, zu verstehen. Dabei sollte man bei sich bleiben und dem Gegenüber im Zweifelsfall auch klar sagen: Da kann ich nicht mitgehen, da ist für mich eine rote Linie überschritten. Und sicher gibt es auch Gesprächspartner, da macht eine Diskussion keinen Sinn. Vor allem dann, wenn das Gegenüber die Sachebene vollkommen verlässt und versucht sein Gegenüber auf der Beziehungsebene zu vernichten.

Wie stelle ich mir das vor?
Da wird man persönlich angegriffen und beleidigt, aus einer Diskussion wird ein grundsätzlicher, ideologischer Angriff gegen die eigene Person. Da kommt man dann mit Sachargumenten nicht mehr weiter, oft folgt auf jedes Argument ein Gegenargument, einfach nur, weil man der Person nicht recht geben möchte. Gerne werden Dinge auch absichtlich falsch verstanden. Da geht es nicht um ein Sachproblem, sondern um ein Beziehungsproblem. Das sind Wendepunkte im Gespräch, die sollte man erkennen und ganz klar benennen. Man muss dann aushalten, dass der andere einen nicht mag und dass sich dieses Beziehungsproblem nicht klären lässt. Nicht zu jedem Konflikt gibt es eine Lösung.

Brauchen wir Aktionen wie „Deutschland spricht“?
Als ich das gelesen habe, dachte ich tatsächlich: Das ist genau das, was das Land braucht. Denn es ist das Gegenteil der aktuellen Entwicklung, dem Trend, alles nur noch über soziale Medien und damit indirekt auszutragen. Der direkte Austausch ist eine extrem gute Idee, um die Menschen wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Ich glaube, dass ganz viele Teilnehmer dabei die Erfahrung machen, wie wunderbar es ist, ein sichtbares Gegenüber zu haben und ganz direkt auch kontroverse Argumente auszutauschen.

Schreit das nicht nach mehr Aktionen wie dieser?
Ich finde, dass Schulen deutlich mehr Wert darauf legen sollten, Kindern das Diskutieren beizubringen. Gerade in der Generation, die soziale Medien als Hauptform nutzt, um zu kommunizieren. Die haben zum Teil gar nicht mehr gelernt, im direkten Kontakt zu erkennen, wie das Gesagte beim anderen ankommt. Das ist ja auch etwas, was man lernen und erfahren muss. Wie guckt jemand, wenn er getroffen ist oder anfängt, überzeugt zu sein? Wenn man alles nur schriftlich macht und zeitversetzt, dann fehlen mir diese Erfahrungen. Ich befürchte, dass bei den Kindern aktuell eine Entwicklungslücke entsteht, was zu einer Verarmung der Kommunikation führt. Viele Elternhäuser sind in dieser Sache überfordert, also müssen die Schulen handeln und den Kindern eine vernünftige Streitkultur beibringen. Am Besten mit einem eigenen Schulfach.

Gleich ein eigenes Schulfach, ist das nicht ein bisschen übertrieben?
Ich halte es ehrlich gesagt für fast noch wichtiger, dass Menschen lernen, gewinnbringend miteinander ins direkte Gespräch zu kommen, als dass sie fehlerfrei schreiben können. So könnte man in Zukunft vielleicht auch wieder die mitnehmen, die durchaus eine Meinung haben, aber in Diskussionen oft außen vor bleiben, weil sie im Sprechen einfach nicht so gewandt sind. Wir müssen sprechen, um gedanklich weiter zu kommen. Es ist doch ganz häufig so, dass man am Schreibtisch sitzt und mit einem Problem nicht weiterkommt. Dann geht man zu einem Kollegen, erzählt ihm das Problem und plötzlich ist die Lösung da. Wir brauchen das Sprechen und deswegen ist alles, was Gesellschaft dazu anhält, miteinander zu reden, der Schlüssel dazu, neue Ideen zu entwickeln.

Haben Sie Lust, jemanden zu treffen, der ganz anders denkt als Sie, um sich mit ihm auszutauschen? Beantworten Sie direkt die erste Frage und melden Sie sich bis zum 29. August 2018 bei „Deutschland spricht“ an:

von Anna Sprockhoff