Mittwoch , 19. September 2018
Aktuell
Home | Lokales | Immer im Standby-Modus
Stress
Prof. Dr. Dirk Lehr erklärt, wie Erholung definiert wird und wie sie möglichst lange anhält. (Foto: Leuphana)

Immer im Standby-Modus

Lüneburg. Im stressigen Berufsalltag bleibt wenig Zeit für Erholung, das Auftanken wird auf den Urlaub verschoben. Doch ehe man sich versieht, sind auch die 14 Tage am Meer vorbei und der Schreibtisch hat einen wieder. Termine, Anrufe, Verpflichtungen – meist dauert es nicht lange und der Stresspegel ist so hoch wie vor dem Urlaub. Doch was für Möglichkeiten gibt es, gegenzusteuern? Wie können die erholsamen Momente auch im Alltag noch nachklingen? Antworten und hilfreiche Tipps hat Dr. Dirk Lehr, Professor für Gesundheitspsychologie und Angewandte Biologische Psychologie an der Leuphana Universität.

Herr Lehr, wie machen Sie am liebsten Urlaub?

Prof. Dr. Dirk Lehr: Ich versuche mir häufiger mal ein verlängertes Wochenende zu gönnen, quasi Mini-Urlaube verteilt aufs ganze Jahr. Das ist mir lieber als ein großer Urlaub am Stück. Auf Dauer bringt das nämlich wenig, wenn es darum geht, den chronischen Anspannungs- und Stresspegel zu senken. Man futtert sich vor den Weihnachtsferien eine Art Erholungspolster an – das funktioniert so gut wie drei Monate seine Pflanzen nicht zu gießen, ihnen dann einmal Wasser zu geben und dann wieder lange Zeit nicht.

Wie kann es denn gelingen, sich auch im Berufsalltag immer mal wieder zu erholen?

Kleine Dinge unternehmen wie einen Spaziergang, mit Freunden ins Eiscafé gehen, Leute beobachten. Das sind alles keine Raketenwissenschaften, aber man kann es verlernen. Und irgendwann vermisst man diese Dinge auch nicht mehr.

Wie lange dauert es in der Regel, bis der Alltagstrott einen wieder hat?

Wir haben Leute befragt, wie erschöpft und gestresst sie sind. Nach einer Woche haben wir von der Erholung noch ein bisschen was feststellen können, nach zwei Wochen war der Wert wie vor dem Urlaub. Das geht sehr schnell. Eine Kollegin hat das mal ganz schön in einen Satz verpackt: „Lots of fun quickly gone“. Das ist eine Erfahrung, die die allermeisten machen. Es ist ja auch leicht, in seinen Trott zurückzukehren, alles erscheint dringlicher, als Kleinigkeiten zur Pflege der eigenen Erholungswelt zu unternehmen. Aber es ist wichtig, diese langfristig in den Alltag einzubauen.

Wie definieren Sie eigentlich Erholung?

Erholung besteht aus Entspannung, sich gedanklich von beruflichen Dingen zu distanzieren, sich aber auch mal einer angenehmen Herausforderung zu stellen. Gemeint ist nicht das Strand-Hängematte-Modell, sondern beispielsweise ein altes Hobby wieder aufleben zu lassen. Beim Erholen geht es aber auch darum, selbst zu bestimmen, was ich mit wem machen möchte. Ebenso kann es erholsam sein, etwas zu tun, das man sinnvoll oder wertvoll findet, ehrenamtliches Engagement zum Beispiel. Und natürlich hat Erholung auch etwas mit Verbundenheit zu tun, damit, Beziehungen zu pflegen und zu vertiefen.

Hat sich das Arbeiten an sich gewandelt? Ist man heutzutage einfach größerem Stress ausgesetzt?

Die geschichtliche Entwicklung lässt sich nicht so gut mit Daten hinterlegen, aber mein Eindruck ist schon, dass sich die Arbeit mehr verdichtet hat. Zwischendurch mal eine Pause einzulegen oder mit einem Kollegen zu reden, das ist heutzutage nur noch wenig möglich. Auch das Thema ständige Erreichbarkeit wird diskutiert. Das wirkt sich nicht für alle, aber für einen Teil der Berufstätigen ungünstig aus. Wie ein innerer Standby-Modus, man merkt es nicht direkt, aber es zieht immer ein bisschen Energie. Da verschwimmen Grenzen zwischen Arbeit und Erholung. Abschalten braucht Zeit, wird der Prozess immer wieder durch eine Mail oder einen Anruf unterbrochen, verzögert sich dieser.

App „Holidaily“

Mobiler Erholungscoach

Ein Forscherteam aus Deutschland und Finnland, darunter auch Prof. Dr. Dirk Lehr, hat an der Leuphana die Smartphone-App „Holidaily“ entwickelt, die sich als Erholungscoach versteht. In der Anwendung werden verschiedene Informationen zum letzten Arbeitstag, Urlaubsziel und -dauer eingegeben, außerdem ein Avatar ausgewählt, der den Nutzer repräsentiert. Dann versucht die App den aktuellen Erholungsstand und -wünsche für den bevorstehenden Urlaub zu ermitteln. Täglich schlägt sie drei sogenannte „Dailys“ vor, daraus kann der Nutzer wählen.

Die App bietet über 160 Anregungen. Jede absolvierte Übung, wie etwa das Handy einen Tag lang auszuschalten, trägt dazu bei, die Umgebung des Avatars bunter und interessanter zu gestalten. Daraus ermittelt „Holidaily“ einen Erholungsfortschritt, das Wohlbefinden sollte sich idealerweise sichtbar verbessern. Mehr Infos unter www.geton-training.de/holidaily.php.

Von Anna Paarmann