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Leere Flure im ehemaligen Kasernengebäude der Schlieffen-Kaserne. Ende 2013 waren die ersten Flüchtlinge eingezogen, jetzt wird das Haus geschlossen. Foto: t&w

Not, Elend und leere Flure

Lüneburg. Lüneburgs größte Flüchtlingsunterkunft schließt, Ende des Monats soll auch der zweite Block auf dem Gelände der ehemaligen Schlieffen-Kaserne an der B leckeder Landstraße geräumt sein. Das bestätigt Sozialdezernentin Pia Steinrücke. In den beiden Gebäuden lebten zeitweilig bis zu 180 Menschen. „Die Häuser werden abgerissen“, sagt die Dezernentin. „Der Platz soll für das Baugebiet Hanseviertel 3 genutzt werden.“ Die Gebäude seien marode und schon vor dem Einzug der Schutzsuchenden von Schädlingen befallen gewesen. Ein Abbruch sei die beste Lösung.

Damit schließt die Stadt eine weitere Unterkunft. Konsequenz aus sinkenden Zahlen der Zuwanderung. Benötigten in Hochzeiten bis zu 1500 Menschen akut eine Bleibe, bietet die Stadt aktuell 578 Personen in Containern und Immobilien Bett und Bleibe. Es ist allerdings nur eine scheinbare Entlastung. Denn der Wohnungsmarkt schafft es kaum, die vielen Menschen unterzubringen, die nach Lüneburg streben: neben Zuwanderern neue Bürger aus Hamburg und Ostdeutschland sowie Studenten. Viele benötigen eine günstige Wohnung. Besonders dramatisch schaut es für Obdachlose aus. Die Stadt muss sicherstellen, dass niemand, der es nicht will, auf der Straße landet. Stichwort ist die sogenannte Gefahrenabwehr. Daher kooperiert die Kommune seit langem mit dem Sozialverband Lebensraum Diakonie. Der muss 35 bis 40 Plätze für eine schnelle Unterbringung vorhalten.

Die Herberge ist „überlaufen“

Doch seit Monaten klagen Verbandschef Michael Elsner und der Leiter der Herberge, Michael Grünwald, dass sie „überlaufen“. Elsner sagt: „Wir haben immer wieder gut 50 Menschen hier, obwohl eigentlich der Platz fehlt.“ Das führt zu Enge. Und nicht nur das, einige der Klienten seien psychisch krank und zudem drogen- oder alkoholabhängig. Das Zusammenleben sei nicht einfach.

„Wir arbeiten
an einem Konzept,
Menschen in Not
unterzubringen.“
Pia Steinrücke
(Dezernentin)

Deshalb gab es die Idee, Wohnungslose in leerstehenden Unterkünften wie am Bilmer Berg unterzubringen. Doch das gehe gerade da nicht, heißt es nun aus der Verwaltung. „Wir haben die Container in einem Gewerbegebiet aufgestellt“, erklärt Pia Steinrücke. „Das ging nur über eine Ausnahmegenehmigung.“ Eben als Unterkunft für Flüchtlinge. Überdies wolle man dort nicht mehr investieren, da das kleine Dorf der Blechboxen in spätestens drei Jahren geschlossen werden solle. Gleichwohl wolle man prüfen, ob man an anderen Stellen beiden Gruppen gemeinsam quasi Logis anbiete.

Betonung liegt auf dezentral

„Wir arbeiten an einem Konzept, Menschen in Not unterzubringen“, sagt die Dezernentin. Gemeinsam mit dem Lebensraum Diakonie, aber auch der Psychiatrischen Klinik schaue man, wie es gelingen kann, Betroffenen dezentral ein Zuhause zu schaffen. Denn auch ehemalige Patienten aus der PKL bleiben häufig in der Region und suchen nach einem Dach über dem Kopf. Die Betonung liegt auf dezentral: „Wir wollen keine große Sammelunterkunft.“ Es soll individuell geschaut werden. Einfach ausgedrückt: Während viele Betroffene sich problemlos in eine Nachbarschaft einpassen, sorgen andere für eine Menge Zoff. Daher gebe es auch die Überlegung, künftig Wohnungen von einem Wachdienst auszustatten.

Gefordert sieht man im Rathaus, wie berichtet, auch den Landkreis und die Umlandgemeinden. Die Stadt setzt auf Gespräche, auch um einzudämmen, dass Menschen mit einer problematischen Geschichte auch noch auf den zu knappen Lüneburger Markt drängen. Die Stadt betreibt derzeit mehrere Unterkünfte für Zuwanderer; Standorte liegen am Ochtmisser Kirchsteig, an der Papenburg, am Vrestorfer Weg, in Oedeme und am Bilmer Berg, dazu kommen das ehemalige Hotel Landwehr an der Grenze zu Bardowick, Räume in der Goseburg sowie ehemalige Bundeswehrwohnungen.

Waldhof Böhmsholz nur im absoluten Notfall

Nicht wieder reaktivieren will die Verwaltung die alte Edeka-Kantine in Vrestorf. Im absoluten Notfall stünden noch Räume am Waldgasthof Böhmsholz zur Verfügung, berichtet Pia Steinrücke. Aber die wolle man eigentlich nicht nutzen: „Das ist für Geflüchtete als auch für Wohnungslose zu weit draußen.“

Noch liegt keine Lösung vor. Die Dezernentin Pia Steinrücke sagt: „Wir arbeiten mit Hochdruck.“ Und noch bekomme man es hin, dass niemand abgewiesen werden müsse. Doch eins ist klar: „Wir brauchen Wohnraum.“

Denn die Situation in Lüneburg kann sich schnell dramatisch ändern: Wenn plötzlich ein Haus wegen Mängeln oder nach einem Brand geräumt werden muss, kommt das schon jetzt knirschende Konstrukt an seine Grenzen.

Von Carlo Eggeling