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Start auf Gut Wienebüttel: Die Teilnehmer der Mut-Tour machen sich mit Pferden und Zelten auf den Weg nach Ratzeburg. Deutschlandweit werden 5.250 Kilometer zurückgelegt. Foto: uk

Mutig gegen Ängste und Vorurteile

Lüneburg. Es ist eine Aktion, zu der auf jeden Fall Mut gehört: Sich bei sengender Hitze auf eine einwöchige Wanderung zu begeben, begleitet von zwei Pferden un d bepackt mit Zelten und mobilem Zaun, das ist keine Sache, die man mal eben locker absolviert. Doch die „Mut-Tour“ trägt ihren Namen aus einem anderen Grund: Deutschlandweit begeben sich rund 60 Teilnehmer in diesen Wochen auf Wanderschaft. Sie wollen 5.250 Kilometer zu Fuß, per Kanu, Rad oder eben mit dem Pferd zurücklegen und damit für einen offenen Umgang mit depressiven Erkrankungen eintreten.

Am Gut Wienebüttel war am Dienstag der Startpunkt für eine Gruppe, die sich am Abend zuvor erst kennengelernt hatte und aus ganz Deutschland angereist war. Vier Frauen und der kleine Johann (10) schultern am Morgen die Rucksäcke. Die Vierbeiner Volkan und Talia lassen sich geduldig mit Zeltsäcken und Gepäcktaschen beladen und scharren im Baumschatten schon mal mit den Hufen. Auch Nina Schulz freut sich, dass es losgeht. Es ist ihre dritte Teilnahme an der MUT-Aktion, die von der Deutschen Depressionsliga seit 2012 durchgeführt wird. „Ich war schon in der Pfalz und in den Alpen. Die Natur und die Bewegung, das tut mir einfach gut“, sagt die Hannoveranerin.

Erster Halt in Oldershausen

Jetzt soll es von Lüneburg nach Ratzeburg gehen, der erste Halt ist in Oldershausen vorgesehen. „Die Strecke habe ich mir ausgesucht, weil ich Pferde so gerne mag“, sagt Schulz, „ aber es ist immer auch eine persönliche Herausforderung.“ Schließlich müsse man als Gruppe erst zusammenfinden, wisse am Morgen nicht, wo man abends ins Zelt kriecht. „Überraschung gehört zum Prinzip. Das Tolle ist, dass man dabei die Erfahrung macht: Alles ist möglich, es geht immer weiter.“ Das hat Schulz auch während ihrer Krankheit erlebt.

Vor Jahren litt sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung. „Ich hatte Glück, hatte gute Ärzte, die mir weitergeholfen haben.“ Dabei habe sie jedoch den offenen Umgang mit der Krankheit erst lernen müssen. „Ich habe mich damals geschämt, fühlte mich minderwertig und meinte, ich müsse alleine damit klarkommen.“ Heute sei das anders. Durchweg positive Erfahrungen habe sie bei der Mut-Tour gemacht: „Die Leute sprechen uns an. Die meisten finden gut, dass wir das machen. Und oft kommt man dann ins Gespräch, weil viele Leute ja Betroffene in ihrem Umfeld haben.“

„Ich bin jetzt im Abenteuer-Modus“

Auch Teamleiterin Louisa Schieferstein ist schon gespannt: „Ich bin jetzt im Abenteuer-Modus“, sagt sie lachend und zieht den Strohhut gegen die Hitze noch ein Stück tiefer ins Gesicht: „Wir wollen allen Betroffenen sagen: Hey, wir sind Viele. Und eine Therapie ist nichts Schlimmes.“ Das kann auch Rüdiger Deeke, Sprecher der Kibis-Selbsthilfegruppen beim Paritätischen Wohlfahrtsverband nur dick unterstreichen: „Beim Thema „Psychische Erkrankungen“ gibt es immer noch viele Ängste und Vorurteile. Betroffene brauchen wirklich Mut, sich Hilfe zu holen oder Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe aufzunehmen.“

Die fünf Frauen haben den Schritt längst hinter sich. Vorerst wünsche sie sich nur eines, sagt Schulz: „Ein bisschen weniger Hitze.“

Mehr unter www.mut-tour.de

Von Ute Klinberg-Strunk

Depression betrifft immer mehr Menschen

Rüdiger Deeke ist Sprecher der Selbsthilfe-Gruppen. Foto: privat

Lüneburg. „Bis zum Jahr 2020 werden Depressionen oder affektive Störungen laut Weltgesundheitsorganisation weltweit die zweithäufigste Volkskrankheit sein“, berichtet das Bundesgesundheitsministerium in Berlin. Laut Schätzungen leiden derzeit rund 350 Millionen Menschen unter einer Depression, heißt es. Damit Betroffene auch im Landkreis Lüneburg neben einer Therapie nicht alleine mit der Krankheit fertig werden müssen, gibt es unter dem Dach des Paritätischen auch für Depressionserkrankte Selbsthilfe-Gruppen. Der Sprecher der insgesamt mehr als 100 Selbsthilfe-Gruppen in der Region für verschiedene Leiden ist Rüdiger Deeke aus Bleckede. Deeke war zunächst vier Jahre lang als Angehöriger in einer Selbsthilfegruppe für Depressionserkrankte tätig, bis bei dem Kaufmann schließlich auch eine Depressionserkrankung diagnostiziert wurde – Burnout. Er stellte sich den Fragen der LZ.

Herr Deeke, was sind die größten Schwierigkeiten im Umgang mit Depression?
Rüdiger Deeke: Das größte Problem ist, dass nicht jeder Betroffene für sich wahrnimmt, dass er sich schon in einer Depression befindet. Jeder hat mal Angstzustände und jeder fühlt sich mal geistig nicht so auf der Höhe. Aber der Sprung zur Depression ist ein sehr geringer. Dabei ist eine Früherkennung besonders wichtig, um die Heilungschancen zu erhöhen. Linderung kann schon mit einer psychosomatischen Reha erreicht werden, später muss man schließlich sogar mit Tabletten, mit Psychopharmaka, behandeln.

Was ist Merkmal einer depressiven Erkrankung?
Deeke: Dass man sich in seiner Umgebung nicht mehr zurechtfindet. Dazu kommen Versagensängste und daraus resultieren Fehler im täglichen Leben, sei es bei der Arbeit oder privat. Weitere Symptome sind allgemeine Lustlosigkeit, der Verlust von Freude und Interesse. Spätestens wenn Selbstmordgedanken aufkommen, sollte man sich Hilfe dringend suchen.

Wo bekommt man professionelle Unterstützung?
Deeke: In Lüneburg ist die Institutsambulanz bei der Psychiatrischen Klinik Lüneburg in der Regel eine gute Anlaufstelle. Man kann auch zu einem versierten Hausarzt gehen, der einen an die richtige Stelle weiterleitet. Unterstützung gibt es auch in den Selbsthilfe-Gruppen des Paritätischen. So eine Gruppe ersetzt aber keine Therapie. dth

Weitere Infos zu den Selbsthilfe-Angeboten des Paritätischen gibt es bei der Kontaktstelle unter (04131) 86 18 20 oder unter www.kibis-lueneburg.de