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Die Westfassade des Rathauses erstrahlt in neuem Glanz. Die Rekonstruktion von Bernd Adam unten Michael A. Flechtner (unten) zeigt, wie sie im Mittelalter gestaltet war. Foto/Repro: t&w

Eine Fassade voller Geheimnisse


Lüneburg.
Eingepackt in ein Gerüst mit Planen war die Westfassade des Rathauses 15 Monate lang. Denn der Kämmereiflügel, eines der ältesten Teile des Lüneburger Rathauses, bedurfte einer umfangreichen Sanierung und Restaurierung. Vorhang auf – die Fassade erstrahlt nun in neuem Glanz. Und nicht nur das, an ihr wird auch die Geschichte dieses Gebäudeteils sichtbar.

Der Kämmereiflügel des denkmalgeschützten Rathausensembles wurde in den Jahren 1476 bis 82 als Erweiterungsbau und repräsentativer westlicher Abschluss des Rathauskomplexes errichtet. „Trotz mehrfacher sichtbarer Veränderungen und Umbauten sind an der Fassade noch große Teile der mittelalterlichen Bausubstanz erhalten“, verdeutlicht Eva Westphal. Sie ist Architektin bei der Hamburger pmp Projekt GmbH, die auch für dieses Projekt im Rahmen des Masterplans Rathaussanierung im Auftrag der Stadt für Planung und Ausführung verantwortlich zeichnet. Auf dem Marienplatz stehend, zeigt Westphal auf das weiße Putzband mit Schmuckleiste, in die abwechselnd neun Wappen des Fürstentums Lüneburg und der Stadt eingelassen sind. „Beides sind sichtbare Anteile des Mittelalters.“ Originalsubstanz, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder restauriert wurde. Aufgrund von Farbbefunden erfolgte die Restaurierung nun wieder in den Originalfarben.

Ursprungsfarbe Eisenoxidrot

Die Figur der Heiligen Ursula, Schutzpatronin der Stadt, zierte bereits im Mittelalter die Fassade. Foto: t&w

Auch die vier vergoldeten Figuren im Obergeschoss, die die Heilige Katharina, Petrus, Paulus und die Heilige Ursula, Schutzpatronin von Lüneburg, darstellen, stammen aus dem Mittelalter. „Aus Eichenholz geschnitzt, hatten sie ursprünglich keine Bemalung. Zum Schutz vor Verfall erhielten sie später einen Bleiüberzug mit goldener Farbe, der sehr filigran ist, sodass jeder Faltenzug der Gewänder erhalten blieb.“ Diese kostbaren Schätze sowie die Wappen wurden während der Bauzeit ausgelagert und in Hannover restauriert.“

Verändert haben sich ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach und nach die Einteilung und Gestalt der Fenster. Ursprünglich waren sie im Mittelalter großzügiger und höher, die Veränderungen lassen sich heute am Mauerwerk sehen. Im Rahmen der Sanierung wurden alle Fenster aufgearbeitet und haben nun aufgrund von restauratorischen Befunden ihre Ursprungsfarbe Eisenoxidrot.

Bemerkenswert sei auch der hohe Anteil an Original-Gipsfugen sowie Backsteinen aus unterschiedlichen Bauzeiten, sagt Eva Westphal. Der Zahn der Zeit hat auch an ihnen genagt. Steine mussten nachgebrannt und eingesetzt, Fugen mit dem historischen Material Gipsmörtel ausgebessert werden. Dabei galt auch hier die Prämisse: So viel historische Substanz erhalten wie möglich und nur soviel wie nötig erneuern.

Masterplan soll den Schatz Rathaus bewahren

Die Handwerker sind dem Kämmereiflügel auch auf den Dachboden gestiegen. Laut einer dendrochronologischen Untersuchung des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege stammen die Hölzer für das Dachwerk aus dem Jahre 1477. Deckenbalkenköpfen und Sparrenfüßen – das sind die unteren Teile der Balken, die von der Traufe bis zum First führen – machte Pilzbefall zu schaffen, sodass diese maßvoll erneuert werden mussten. Grund für den Pilzbefall war ein Wasserschaden, den vor Jahrhunderten eine marode Holzregenrinne verursacht hatte, berichtet Frieder Küpker, der die Sanierung seitens der Stadt begleitet. Die befand sich, so ist es dokumentiert, hinter einem Ziermauerwerk, das sich um 1480 in Traufhöhe befand. „Um 1780 wurde das Ziermauerwerk entfernt, danach ein neuer Traufabschluss gebaut, der heute noch die Westfassade ziert.“

Die Baumaßnahme des Kämmereiflügels ist ein Teil des Masterplanes, der 2006 zum Erhalt des wertvollen historischen Rathauses aufgestellt wurde und schrittweise umgesetzt wird. Neben der Sanierung der Westfassade (Kosten rund 900 000 Euro) läuft zurzeit die Erweiterung der Kinder- und Jugendbücherei auf dem Klosterhof sowie der Innenausbau des Magazingebäudes im ehemaligen Stadtarchiv. 2019 soll der Gerichtslaubenflügel instand gesetzt werden. Für das Investitionsvolumen von insgesamt 3,6 Millionen Euro konnten 3 Millionen Euro Fördermittel aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ eingeworben werden.

Von Antje Schäfer

Zur Sache

Einst war in dem Flügel die Schreiberei untergebracht

Der Kämmereiflügel beherbergt heute in der obersten Etage die Büros des Oberbürgermeisters und seines Mitarbeiter-Teams. „Im ausgehenden Mittelalter waren in dem Gebäudeteil Mitarbeiter des Rates untergebracht, zum Beispiel den Notar sowie Schreiber, die die Einnahmen der Stadt verzeichneten und unter anderem sämtliche Korrespondenzen im Rahmen der Hanse aufzeichneten“, erläutert Stadtarchäologe Prof. Dr. Edgar Ring. Deshalb hieß der Gebäudeflügel vor Jahrhunderten die Schreiberei.

Der Eingangsbereichs war zu jenen Zeiten eine hohe Halle, die vom Erdgeschoss bis ins Dachgeschoss ging. Im Erdgeschoss befand sich das sogenannte Stammgemach, „weil dort der Stammbaum des Fürstenhauses Braunschweig-Lüneburg dargestellt war“, so Prof. Dr. Ring. Zur Beratung zog sich der Rat in die Große Kommissionsstube zurück, die in der Renaissance eingerichtet wurde und heute noch als Sitzungsraum von Verwaltung und Politik genutzt wird. In der Sodmeisterkörkammer, heute Sitz des Ratsbüros, wurde der Sodmeister von Ratsherren und Sülfmeistern gewählt. Er führte die Oberaufsicht über die Solquelle und kontrollierte die Finanzen der Saline.

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