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Es dauert nicht lange, bis das Fahrrad, das Michael Dierßen (M.) auf den Tisch hebt, von Juliane Bruns (r.) versteigert wird - inklusive Regenschirm. Foto: t&w

Vom Parfum bis zum Silberbesteck

Lüneburg. „Startgebot: 10 Euro!“, ruft Juliane Bruns und deutet auf das Mountainbike, das soeben zur Schau gestellt wird. Hälse recken sich, Hände schießen in die Höhe und der Konkurrenzkampf zwischen den Bietern beginnt – wer wird am Ende das Fahrrad mit nach Hause nehmen? Bei 50 Euro ist das Rennen dann schließlich vorbei, einer der beiden Kontrahenten hat aufgegeben. Doch schon geht es wieder von vorne los, als Helfer Michael Dierßen das nächste ­Exemplar präsentiert, dieses Mal ist es ein Damenrad.

Im Innenhof des Bürgeramtes haben sich viele Interessenten auf der Suche nach Glücksgriffen zusammengefunden, und das bei drückenden 33 Grad. Aber wenigstens ist der Himmel bewölkt und ein lauer Wind bringt angenehme Erfrischung. Bruns, die normalerweise beim Einwohnermeldeamt arbeitet, steigt ohne großes Vorwort gleich ein: Angeboten werden hauptsächlich Fahrräder, aber auch Taschen, Schmuck und technische Geräte sind für wenig Geld zu haben. Sogar ein originalverpacktes Hugo Boss Parfum wird für 10 Euro verkauft, ganze 79 Euro unter seinem Wert.

Ein Fahrrad für 1 Euro

Während Fahrrad über Fahrrad einen neuen Besitzer findet, lockert die Auktionatorin die anfangs zurückhaltende Stimmung auf und sorgt für einen zügigen Ablauf. Nicht alle Drahtesel befinden sich in ordentlichem Zustand – die Frage „rollt das denn?“, die aus der Menge kommt, als bei einem Fahrradreifen der Schlauch abfällt, wird zum Running Gag. Aber selbst ein ramponiertes Fahrrad ist für 1 Euro doch ein gutes Geschäft, zumal es einen Regenschirm gratis dazu gibt.

Ido Rasho Barakat ist mit seiner kleinen Tochter Asrien gekommen und freut sich über sein Schnäppchen: einen Kinderwagen für 4 Euro. Natürlich sieht man dem an, dass er nicht frisch vom Band kommt, aber er funktioniert. „Der ist für meine kleinere Tochter, sie ist zwei Jahre alt. Unserer war kaputt und wir mussten ihn wegschmeißen.“ Den Tipp mit der Versteigerung habe er von seinem Bruder gekommen. „Der hat hier ein super Fahrrad gefunden.“ Auch Barakat will seine Errungenschaft nur kurz ins Auto bringen und dann nach einem Herrenfahrrad Ausschau halten.

Vielfältiges Angebot

Frank Beyer ist schon fündig geworden und begeistert: Er hat ein rotes Kinderfahrrad erstanden, ein echter Hingucker. „Das ist für die Tochter meiner Freundin, sie ist zweieinhalb Jahre alt und wird jetzt hoffentlich hiermit fahren lernen.“ 11 Euro hat er bezahlt – bei einem Startpreis von 1 Euro. Die Gebote gingen zwischen Beyer und einem jungen Vater hin und her. „Das war knapp“, seufzt Beyer erleichtert. „Ich hatte nämlich nur genau 11 Euro in der Tasche. Schwein gehabt!“ Man merkt, er kennt sich aus, gerät richtig ins Schwärmen: „Das ist ein ganz altes Modell, kann man alles selbst reparieren. Richtig gute Qualität.“ Und schwupps, ist die Kette wieder drin. „Das Teil ist mindestens 50 Euro wert. Ich baue da jetzt noch einen Seitenständer dran und fertig ist die Laube.“

Jannik hat den Zuschlag für ein versilbertes Besteck bekommen, 7 Euro war ihm das wert. Er ist Mitte 20, woher das Interesse für Besteck, Notstand in der Studi-WG? Er schaut verdutzt. „Das Besteck ist mir doch total egal, ich fand den Karton schön. Den hatte ich mir vorher schon ausgeguckt. Ich werde ihn als Geschenkbox nutzen, da kommen dann Zigarren rein.“ Er komme gerne her, irgendetwas sei meist für ihn dabei. Das vielfältige Angebot bestätigt auch Henrik Rühr von der Stadt Lüneburg, der fast immer als starke helfende Hand dabei ist. „Man glaubt gar nicht, was die Leute so im Fundbüro abgeben – vom Kanu bis zum Heizkörper war wirklich schon alles dabei.“ Bestimmt die Hälfte der Fahrräder stammt übrigens vom Ordnungsamt. „Viele Leute lassen ihre Fahrräder monatelang irgendwo stehen, eines Tages landen die dann unterm Hammer“, sagt Rühr.

2072 Euro Erlös

Insgesamt sind 2072 Euro Erlös zusammengekommen, das Geld geht an die Stadtkasse. „Der Andrang war etwas geringer als sonst“, sagt Ann-Kristin Jenckel von der Pressestelle der Stadt. Das könne man allerdings dem Wetter zuschreiben, die schwere Luft mache eine solche Veranstaltung in der Mittagszeit doch etwas weniger attraktiv. Immerhin ist der Hof am Ende des Tages leer, alle Fundsachen sind weggekommen.

Von Josephine Wabnitz und Lea Schulze