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Jetzt, wo Maria Hinz auch hinter dem Tresen des Brotladens steht, lernen sich die junge Mutter und das Dorf neu kennen. (Foto: Dankers)
Jetzt, wo Maria Hinz auch hinter dem Tresen des Brotladens steht, lernen sich die junge Mutter und das Dorf neu kennen. (Foto: Dankers)

Ein Tante-Emma-Laden des frischen Brotes

Scharnebeck. Vier Treppenstufen und eine alte knarzende Holztür von der Hauptstraße in Scharnebeck entfernt, sortiert Maria Hinz in der Vollkornbäckerei die Brote des nächtlichen Backens. Es riecht nach Bio, nach Historie, nach vergilbten Erinnerungen. Maria Hinz arbeitet noch nicht lange hier – seit April erst – und wird noch „die Neue“ genannt. Kennen tut sie trotzdem fast jeder, „ich kaufe hier schon ein, seit wir hier wohnen. Da trifft man die Leute zum Teil und unterhält sich mit ihnen“, sagt die 33- Jährige.

Der Duft von Brot und Geschichte

Jetzt, wo Maria Hinz auch hinter dem Tresen des Brotladens steht, lernen sich die junge Mutter und das Dorf nochmal neu kennen. Ob Bio-Verfechter, Fans der Nahversorgung oder Nachbarn, die etwas zu Erzählen haben – die Kunden sind vielfältig und kommen nicht nur zum Einkaufen. „Es gibt auch Leute, die gerne her kommen, weil man hier eine Runde reden kann, weil hier nette Verkäuferinnen sind“, sagt Maria Hinz. Es heißt, jeder Kunde habe seine Lieblingsverkäuferin und umgekehrt. Und so wird die Bäckerei zum Umschlagplatz für Geschichten und Gerüchte aus dem Dorf.

Schnell packt die Dame den gerade bezahlten Kuchen ein, sie scheint es eilig zu haben. Mit der Frau von der Zeitung möchte sie nicht reden, „morgens schon gar nicht“ sagt sie mürrisch, ohne sich umzudrehen. Mit Maria Hinz ist das etwas ganz anderes: „Sie haben kein Problem mit Fliegen sehe ich. Es gibt ja sowieso kaum noch Insekten“, sagt die Frau und das Gesprächsthema ist gefunden.

Jens Bremermann ist extra aus Adendorf gekommen, wie fast jeden Samstag. Während seine Frau die Einkäufe während der Woche übernimmt, darf er am Samstag ran – ein Phänomen, das, so zeigt dieser Samstagmorgen, wohl in vielen Familien gepflegt wird. Akribisch studiert er den Aushang zu den anstehenden Betriebsferien. „Solche Art von Geschäften kenne ich aus meiner Kindheit, die gibt es ja heute kaum noch“, sagt er. Schon die Treppenstufen zum Eingang erweckten in ihm Kindheitserinnerungen, machten den kleinen Brotladen besonders, erklärt er schmunzelnd. Dann ein beherztes „wir sehen uns dann ja nochmal nächste Woche“ und weg ist er.

Stress ablegen wie früher am Brunnen

Der nächste Kunde redet nicht viel. „Ein halbes Schwarzes, bitte“, sagt er, als hätte Maria Hinz es nicht schon geahnt. Joachim Schierholz kommt aus Scharnebeck, ist Stammkunde. „Es ist der typische Nahversorgerladen“, erklärt er und kommt fast ein bisschen ins Schwärmen. „Die Damen kennen ihre Kunden, klönen auch mal mit Ihnen. Man parkt auf der Straße, das führt zu Staus, macht aber nichts“, sagt er weiter, mit einem Lächeln.

An der Käsetheke beraten sich die Kunden derweil gegenseitig. „Für mich gibt es nur den Bockshornklee-Käse“, erklärt eine Stammkundin dem jungen Pärchen, das sich nicht entscheiden kann. „Ihre Kollegin weiß das immer schon“, sagt sie zu Maria Hinz, die den Käse zurechtschneidet. Die anderen Kunden müssen solange warten. „Man muss den Stress hier relativ schnell ablegen. In der Regel fühlt sich hier niemand gehetzt. Und wenn eine ältere Dame mal länger braucht, um Kleingeld aus dem Portemonnaie zu kramen, wird niemand die Augen verdrehen“, sagt Maria Hinz.

Umso besser – bleibt Zeit für die ein oder andere Geschichte. „Es ist wie früher, ein bisschen Nostalgie gehört eben auch dazu“, findet Klaus Witten-Ewigleben. Wie früher, das ist es tatsächlich. Horst Nenast, aus Scharnebeck, hat als Kind schon hier eingekauft, „damals nach dem Krieg, war das hier auch schon ein Brotladen“, erinnert er sich. „Aber zwischendurch war es auch eine Fahrschule“, wirft Dorothee Voermanek ein. Und schon sind die Erinnerungen geweckt , das Dorf lebt – hinter den drei Treppenstufen und der alten knarzenden Holztür.

Von Anke Dankers