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Jenny Dencker ist schon als kleines Mädchen zu jedem Volks- und Schützenfest in ihrem Umfeld gegangen. Mitglied ist sie allerdings erst geworden, als sie erwachsen war und zufällig Volksschützenkönigin wurde. (Foto: t&w)
Jenny Dencker ist schon als kleines Mädchen zu jedem Volks- und Schützenfest in ihrem Umfeld gegangen. Mitglied ist sie allerdings erst geworden, als sie erwachsen war und zufällig Volksschützenkönigin wurde. (Foto: t&w)

Weiblich, jung, Präsidentin

Neuhaus. Ihr Weg zur Präsidentin beginnt mit einem Schuss. Beim traditionellen Firmenpokalschießen der Neuhauser Schützen legt Jenny Dencker als eine von vielen Laien an diesem Tag ein Gewehr an, ihr Ziel: die Scheibe des Volksschützenkönigs. Erfahrung hat sie weder mit der Waffe, noch als Mitglied im Schützenverein. Trotzdem landet sie einen Volltreffer – und schießt sich mit der besten Zehn auf den Thron. Sie jubelt und freut sich auf ein Schnupperjahr als Volkskönigin im Schützenverein Neuhaus-Carrenzien. Was sie nicht ahnt: Es ist für sie der Anfang vom Aufstieg.

Ein Sommertag in der Lüneburger Schröderstraße, 13 Jahre später. Jenny Dencker sitzt vor einem Salat Hawaii, trägt ein dunkelblaues Businesskleid und die braunen Haare offen. Sie sieht ein bisschen müde aus, „bin ich auch“, gesteht sie. Sechs-Stunden-Tage als Rechtspflegerin, täglich Neuhaus-Lüneburg und zurück, eine vier Jahre alte Tochter mit „Hummeln im Hintern“ – das ist schon im normalen Alltag „ein strammes Programm“. Steht dann auch noch das Neuhauser Volks- und Schützenfest an, ist Jenny Dencker wie kein anderer in Neuhaus gefordert: Denn sie ist seit einem Jahr die Präsidentin des Vereins.

Sechs von 48 Vereinen haben eine Chefin

Weiblich, 36, Schützenvereins-Chefin – das ist im Landkreis Lüneburg einzigartig. Von 48 Schützenvereinen werden aktuell nur sechs von Frauen geführt. Und keine der Präsidentinnen ist so jung wie Jenny Dencker. Ob sie es deswegen leichter hat in dem Job? Sie zuckt die Schultern und legt die Stirn in Falten. „Ich glaube, leider nicht“. Auch sie musste beim Schützenfest miterleben, dass Königs- und Königinnen-Thron leer blieben. Das erste Mal im letzten, das zweite Mal in diesem Jahr. „Da schiebt man dann auch mit 36 Frust“, sagt sie. „Und trotzdem werde ich alles dafür geben, dass unser Schützenverein eine Zukunft hat.“

Schützen. Jenny Dencker hat mit dem Wort lange Zeit vor allem ein Gefühl verbunden. Ihr Großvater verwandelte früher jedes Volks- und Schützenfest in Neuhaus in ein Familienfest, „da kamen alle aus allen Teilen des Landes zusammen“, sagt sie, „Onkel, Tanten, Freunde.“ Das kleine Mädchen Jenny bekam vom Opa außerdem jedes Mal einen Taler in die Hand gedrückt. „Das war einfach toll und ich habe mich jedes Jahr drauf gefreut.“ Schützenfest, „das fühlte sich für mich immer wie ein Stück Heimat an“. Trotzdem war Jenny Dencker nie Mitglied. Bis zum Ende ihrer Amtszeit als Volksschützenkönigin.

Ein Jahr war sie dabei, ohne Mitglied zu sein, fuhr mit zum Knobelabend und zum Schützenball, zur Überraschungsfahrt und zur Radtour ins Blaue. Am Ende füllte sie einen Mitgliedsantrag aus, nicht aus Pflichtgefühl, „sondern weil ich es wirklich, wirklich toll fand“. Kurz darauf wählten die Mitglieder sie zur Schriftführerin, das machte sie sieben Jahre, legte eine Babypause ein, ließ sich wiederwählen. „Man kann nicht überall dabei sein und nirgends Verantwortung übernehmen“, sagt sie. Ein Satz, der sie auch 2017 herausforderte. Damals stellte sich Präsident Dieter Hublitz nicht nochmal zur Wahl – und dem Verein drohte die Führungslosigkeit. Bis sich Jenny Dencker meldete und sagte: „Ich mach‘s.“

Hoffnung liegt auf dem Jugendbereich

Eine gute Idee? Sie lächelt und zeigt dabei mit der Zahnlücke eines ihrer Markenzeichen. Dann sagt sie: „Joaaaa. Ist schon anstrengend, aber ich mach‘s gern, weil ich den Verein am Leben erhalten will.“ Hoffnung setzt sie vor allem in den Kinder- und Jugendbereich. „Da lebt das Schützenwesen“, sagt sie, „und vielleicht schaffen wir es ja, nicht nur die Kinder, sondern auch ein paar Eltern für den Verein zu begeistern.“ Strahl- und Überzeugungskraft zumindest hat die 36-Jährige – als jüngste Schützenvereinspräsidentin im Landkreis Lüneburg.

Von Anna Sprockhoff