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Silke Rauscher (rechts) freut sich mit ihren Kindern Lasse, Bjarne und Johanna über die Unterstützung im Alltag durch Au-pair-Mädchen Miarisoa Fananantenana Vololoniaina. (Foto: bau)
Silke Rauscher (rechts) freut sich mit ihren Kindern Lasse, Bjarne und Johanna über die Unterstützung im Alltag durch Au-pair-Mädchen Miarisoa Fananantenana Vololoniaina. (Foto: bau)

„Aina ist immer für uns da“

Reppenstedt. Lasse (5) möchte etwas zu essen haben, Bjarne (8) die gefüllte Wasserpistole zum Toben im Garten – und Nesthäkchen Johanna (2) einfach nur auf den Arm genommen werden. Alles auf einmal, jeder zuerst, Momentaufnahme im Leben einer mehrköpfigen Familie. Silke Rauscher kennt solche Situationen. Die Mutter der drei Kinder bleibt ruhig, kann sogar lächeln. Sie kümmert sich um ihre beiden Jungs, während ihre Kleine sich freudestrahlend in die Höhe heben lässt – von dem Au-pair-Mädchen der Familie.

Die Aufnahme eines Au-pairs ist für die Reppenstedter Familie nicht neu. Es ist das dritte Mal, dass sie sich für ein Jahr Unterstützung holen. Und doch ist es diesmal aus vielerlei Gründen etwas Besonderes. Miarisoa Fananantenana Vololoniaina stammt aus Madagaskar. Erstmals in ihrem Leben hat die 26-Jährige die mehr als 8000 Kilometer von Deutschland entfernte Insel an der Südostküste Afrikas verlassen – nur mit geringen deutschen Sprachkenntnissen. Die möchte „Aina“, wie sie in ihrer Gastfamilie genannt wird, hier erlernen – und dabei die hiesige Kultur kennenlernen.

Vor rund zehn Wochen ist sie in einer für sie fremden Welt angekommen – und hat die Familie mit ihrer liebevollen Art im Sturm erobert. „Sie ist ein Glücksgriff für uns“, sagt Silke Rauscher, die selbst Lehrerin ist, während ihr Mann Jörg die Woche über in Berlin arbeitet. „Sie ist nicht nur verlässlich und vertrauensvoll im Umgang mit uns und den Kindern, sondern auch unglaublich wissbegierig.“

Ihr Nachname bedeutet Hoffnung und Leben

Miarisoa Fananantenana Vololoniaina fühlt sich trotz mancher Unterschiede zu der Lebensweise in ihrer Heimat wohl in ihrer neuen Umgebung. „Ja“, sagt sie lachend auf diese Frage. Die junge Frau, deren Nachname Hoffnung und Leben bedeutet, versteht bereits einiges auf Deutsch. Im August nimmt sie an einem Sprachkurs teil. Für längere Antworten und Nachfragen wählt sie noch aber lieber Französisch, die Amtssprache Madagaskars.

Das Interesse an Deutschland ist bei der Madagassin durch Gespräche mit ihrer Cousine gewachsen. Diese schwärmte von ihrem Aufenthalt als Au-pair in Deutschland. Kurz vor Erreichen der Au-Pair-Altersgrenze von 26 Jahren schickt sie ihre Unterlagen Ende 2017 an den Verein für Internationale Jugendarbeit (VIJ) in Hamburg.

„Das Bauchgefühl hat sofort Ja gesagt“, erinnert sich Silke Rauscher. Als via Internet-Skype der erste Kontakt im vergangenen Dezember erfolgt, bestätigt sich dieser Eindruck. Zwischen den Kontakten herrscht mitunter aber ein großer zeitlicher Abstand. „Das hat uns erst ein wenig irritiert, bis wir mitbekommen haben, dass Aina keinen Computer besitzt und immer in ein Internet-Café gehen musste.“

Aufgewachsen bei ihrem Onkel

Miarisoa Fananantenana Vololoniaina hat bislang in der Millionen-Metropole Antananarivo gelebt, der Hauptstadt Madagaskars. Aufgewachsen ist sie seit ihrem neunten Lebensjahr mit einer ihrer fünf Schwestern bei ihrem Onkel. Ihr Vater ist früh verstorben. Sie hat auf einer staatlichen Schule ihr Abitur gemacht und zuletzt in einem Supermarkt gearbeitet. „Zu Hause habe ich oft auf meine jüngeren Geschwister und Cousinen aufgepasst, mit ihnen gespielt und sie zum Lachen gebracht.“ Gleiches macht sie jetzt mit Bjarne, Lasse und Johanna.

Aina mag Reppenstedt. „Alles wirkt so ruhig und sicher“, sagt die 26-Jährige. Lachen muss sie über die unterschiedlichen Essensgewohnheiten. „Wir essen hauptsächlich Reis, hier alle Brot oder Nudeln.“ Neugierig ist sie auf den Winter. „Ich habe noch nie Schnee gesehen“, sagt sie. Den Draht zu den Kindern hat die junge Frau sehr schnell gefunden. „Die Kinder respektieren und lieben sie“, sagt Silke Rauscher. Vor allem die im September drei werdende Johanna „klebt“ an Aina. „Einen Tag lang hat sie sie gemustert, dann war das Eis gebrochen.“ Seitdem sind die beiden ein Herz und eine Seele. Aber auch die Jungs fordern ihre Zeiten ein. „Aina ist für alle da“, sagt Lasse freudestrahlend.

Größter Inselstaat

Das ist Madagaskar

Madagaskar mit etwa 25 Millionen Einwohnern ist flächenmäßig einer der größten Inselstaaten der Welt und liegt vor der Südostküste Afrikas im Indischen Ozean. Dort gibt es Tausende Tierarten wie Lemuren, die nur auf Madagaskar vorkommen, Regenwälder, Strände und Riffe.

In der Nähe der Hauptstadt Antananarivo mit seinen rund 1,8 Millionen Einwohnern liegt Ambohimanga, ein Königshügel mit Palästen und Grabstätten, sowie die „Baobab-Allee“, eine von gewaltigen jahrhundertealten Affenbrotbäumen gesäumte unbefestigte Straße. 1895 wurde die Hauptstadt von Frankreich besetzt und in ihr Protektorat Madagaskar eingegliedert.

Während der französischen Kolonialzeit und noch kurz nach der Unabhängigkeit der Insel 1960 führte die Stadt den Namen Tananarive.

Von Marcel Baukloh