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Der Angeklagte (l.) unterhält sich kurz vor Prozessbeginn mit seinem Verteidiger Rüdiger Bibow. Foto: Michael Behns

Wenn der Nachbar mit der Axt kommt

Lüneburg. Es ist eine Idylle, auf einem alten Bauernhof leihen sich Radler in dem Clenzer Ortsteil im Kreis Lüchow-Dannenberg Fahrräder für ihre Touren durchs W endland. Das Geschäft eines 51 Jahre alten Fahrradverleihers läuft vor allem im Mai zur Kulturellen Landpartei bestens. Doch die Idylle trügt: Auf dem Resthof kommt es immer wieder zu Streitereien unter den Nachbarn. Die eskalierten am 23. November 2017 gegen 20.30: Laut Anklage bedrohte der 51-Jährige drei Nachbarn mit dem Tod und ging mit einer Axt auf den Vater (67) eines Nachbarn los, die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann versuchten Totschlag und Bedrohung vor.

Zum Prozessauftakt vor der 4. großen Strafkammer am Landgericht Lüneburg räumte der Angeklagte ein, an dem Abend wütend gewesen zu sein, auch habe er eine Axt in der Hand gehabt: „Ich habe aber nie vorgehabt, jemanden zu verletzen. Und ich habe keine Todesdrohungen ausgesprochen.“

Streitigkeiten um Wegerechte

Es habe aber schon länger Streitereien wegen der Wegerechte gegeben. Er erzählte die Vorgeschichte: Der Resthof wurde unterteilt, Gebäude und Grundstücke an mehrere Personen verkauft. „Ich kaufte das Stallgebäude, steckte 9000 Arbeitsstunden rein. Ich war mittellos, hatte gerade mal 200 Euro auf dem Konto“, berichtete der gelernte Zimmermann. Nebenan wohnten unter anderem eine Mutter mit ihrem Sohn, in einem anderen Gebäude der Sohn des 67-Jährigen mit seiner Freundin und Kindern.

Zu einer ersten Auseinandersetzung ist es laut dem Angeklagten gekommen, als die Sanierung der gemeinsamen Kläranlage anstand. Der 51-Jährige wollte dafür einen anderen Bauunternehmer haben als seine Nachbarn, unterlag aber. Es dauerte ein Jahr, bis der Unternehmer mit der Sanierung begann – und die lief just zur Zeit der Landpartie, den besten Geschäftstagen für den Fahrradverleih. Der musste seine Räder auf einer Zufahrt auf seinem Grundstück platzieren, verstellte so den Nachbarn den Weg – die beschwerten sich. Den einen Nachbarn warf er daraufhin vor, dass sie sein Grundstück mit Hundekot verschmutzen: „Die anderen haben mein Grundstück vermüllt, Baumaterial da abgestellt und ein Hochbeet errichtet. Als dann eine Baggerschaufel auf mein Grundstück kam, platzte mir die Hutschnur.“ Er „entzog“ den Nachbarn das Wegerecht.

Mutter und Sohn verweigern Aussage

Am Tatabend, so gab der Angeklagte an, stand das Wohnmobil des 67-Jährigen an der Grundstücksgrenze: „Der Anhänger stand auf meinem Teil, ich drehte ihn um, bin 60 Meter die Auffahrt runtergerannt und habe die Axt geholt und bin zu dem Mann, der vor dem Haus stand und mich angrinste. Ich habe ihn angebrüllt, ob er wissen will, wie angepisst ich bin. Dabei habe ich ihm mit einem Finger auf die Nase gestoßen.“ Die Axt habe er in der anderen Hand hinter dem Rücken gehabt, nicht eingesetzt. Von hinten seien Mutter und Sohn von nebenan gekommen, hätten ihm die Axt weggenommen: „Ich bekam einen Schlag auf die Schulter, das Schulterblatt war gebrochen. Und einen Schlag gegen den Kopf, das Blut spritzte.“ Der Sohn habe mit der Axt zugeschlagen, die Mutter wohl mit einer Zange. Er habe geschrien „Ich bringe Euch alle vor Gericht“ und sei weggelaufen.

Der 67-Jährige hatte bei der Polizei ausgesagt, er sei mit dem Tode bedroht worden, der Angeklagte habe ihm gesagt, er hole einen Baseballschläger, sei dann mit der Axt aufgetaucht, habe ihn schlagen wollen, aber verfehlt und dann zu einem zweiten Schlag ausgeholt, der aber durch Mutter und Sohn verhindert worden sei. Dann habe der 51-Jährige gerufen: „Ich bringe Euch alle um.“ Am Freitag allerdings blieb von dieser Aussage nicht viel übrig, nur dass der 51-Jährige gesagt haben soll „Ich hab‘ eine Axt und erschlage Dich jetzt“ und einmal auf ihn eingeschlagen, aber verfehlt habe. Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch hielt ihm vor, dass die Angaben nicht schlüssig seien und fragte, ob er jemanden in Schutz nehmen wolle. Das verneinte der Rentner. Und die Mutter und der Sohn verweigerten die Zeugenaussagen – sie hätten sich möglicherweise selbst belasten können.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Von Rainer Schubert