Mittwoch , 26. September 2018
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Das Luftbild zeigt vorne das ehemalige Zollhaus an der Roten Straße, links dahinter befindet sich die Agentur für Arbeit. Foto: Michael Behns

Neues Leben in altem Zollamt

Lüneburg. Ein wahrer Glücksfall für das Nordost-Institut war der Umzug des Zollamtes von der Roten Straße ins ehemalige Kreiswehrersatzamt am Meisterweg Anfang 2016. Denn Direktor Prof. Dr. Joachim Tauber und sein Team klagen seit Jahren über viel zu kleine Räumlichkeiten in ihren Domizilen Conventstraße 1 und Am Berge 14. Und die Bibliothek wächst ständig weiter. Dann kam das Angebot vom Bund, das Zoll-Gebäude am Handwerkerplatz zu übernehmen – ein Angebot, das das Institut nicht ablehnen konnte. Seit einigen Tagen nun laufen Sanierung und Umbau des als „Altes Zollamt“ bekannten Gebäudes mit einer Fläche von 1200 Quadratmetern, die Kosten sind mit knapp zwei Millionen Euro veranschlagt.

Spezialbibliothek umfasst 180.000 Medieneinheiten

Das Institut erforscht ostdeutsche Geschichte und ihre Verflechtungen mit der deutschen Historie. Sein Vorläufer errichtete 1980 am Brömsehaus Am Berge einen Anbau mit Eingang von der Conventstraße aus, brachte dort die Bibliothek, Verwaltung und wissenschaftliche Abteilung unter. Doch Aufgaben, Personal und Bibliothek wuchsen ständig, Tauber: „Aktuell haben wir 16 Planstellen. Es gibt acht Wissenschaftler, drei Mitarbeiter in der Bibliothek und die anderen in der Verwaltung. Unsere Spezialbibliothek für Ostmitteleuropa umfasst 180.000 Medieneinheiten in deutscher, polnischer und russischer Sprache sowie in den baltischen Sprachen. Die Räume sind für uns längst zu klein geworden.“ 2011 sei der Wunsch nach einem neuen, größeren Domizil aufgekommen und die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien darüber informiert worden. Die Bundesimmobilienanstalt begann mit der Suche, Tauber: „Voraussetzung war, dass wir in Lüneburg bleiben.“

Der Zufall spielte dann eine wesentliche Rolle, Direktor Tauber erinnert sich: „Uns wurde das Gebäude des ehemaligen Kreiswehrersatzamtes am Meisterweg angeboten, das allerdings wäre deutlich zu groß gewesen. Bei einer Besichtigung dort trafen wir Vertreter des Zollamtes, die fragten: ,Warum zieht ihr nicht in unser Haus an der Roten Straße ein.‘“ So begannen die Planungen. Bauherrin ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die Baukosten in Höhe von geplanten 1,953 Millionen Euro übernimmt der Bund, das Institut zieht als Mieter ein.

Regalanlage umfasst 4000 laufende Regalmeter

Die Projektsteuerung hat das Staatliche Baumanagement Lüneburger Heide, die Bauleitung das Lüneburger Büro Q:arc Architekten. Aktuell läuft die Schadstoffsanierung des 1955 errichteten Hauses, das 1978 einen Anbau erhielt. Dipl.-Ing. Ulrich Soldt-Heller vom Baumanagement erläutert: „Der komplette Kellerbereich wird zu einem klimatisierten Archiv ausgebaut.“ Tauber ergänzt: „Es wird eine Kompaktregalanlage mit einem Fassungsvermögen von rund 4000 laufenden Regalmetern eingebaut, so kann der jetzige und zukünftige Bestand an Büchern und anderen Medien untergebracht werden.“

Das Erdgeschoss erhält neue Büro- und Sanitärbereiche sowie einen großzügigen Lesesaal. Tauber: „Dieser Saal steht dann der Öffentlichkeit zur Ausleihe von Literatur und zum Studium vor Ort zur Verfügung. Der Raum kann auch für Veranstaltungen wie Vorträge genutzt werden.“ Die Flure werden laut Ulrike Herda vom Baumanagement mit einem Leuchtensystem ausgestattet, „um Ausstellungen mit Bildern, Fotos und Objekten entsprechend auszuleuchten“. Im Obergeschoss finden die Büros der Mitarbeiter Platz. Das Dachgeschoss allerdings kann aufgrund der Traglasten der Decke nur eingeschränkt genutzt werden. Prof. Tauber hofft, im Juli 2019 mit seinem Team an der Roten Straße einziehen zu können.

Seine Immobilien an der Conventstraße und Am Berge will das Institut bis dahin verkauft haben. Der Direktor beugt möglichen Spekulationen vor: „Das historische Brömsehaus gehört natürlich nicht zu der Immobilie Conventstraße, steht also nicht zum Verkauf.“

Von Rainer Schubert

Hintergrund

Die Geschichte in Osteuropa

Bibliothek, Wissenschaft und Verwaltung werden im neuen Domizil gebündelt. Das Nordost-Institut/Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e.V., hervorgegangen aus dem Nordostdeutschen Kulturwerk, nahm 2002 seine Arbeit auf. Seine Gründung war Teil der Umsetzung der „Konzeption zur Erforschung und Präsentation deutscher Kultur und Geschichte im östlichen Europa“, die von der Bundesregierung im September 2000 beschlossen wurde. Das Institut wird aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien institutionell gefördert, einzelne Projekte werden durch Drittmittel finanziert. Die Schwerpunkte der Forschung bilden die historischen preußischen Provinzen (Ost- und Westpreußen, Pommern, Posen) sowie Polen, Estland, Lettland und Litauen, schließlich Russland, die Sowjetunion und ihre Nachfolgestaaten. Im Mittelpunkt stehen die vielfältigen Verflechtungen dieser Regionen mit der deutschen Geschichte, daher werden beziehungs- und regionalgeschichtliche Fragestellungen ebenso verfolgt wie Aspekte der Minderheitengeschichte, der Kulturgeschichte und der Historiographiegeschichte.