Mittwoch , 26. September 2018
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Die gerade 21 Jahre alte Chiara Koller auf der Brücke der „Ursula“, einem 100-Meter-Tankschiff: Die Abiturientin aus Gümse wird Binnenschifferin. (Foto: bv)
Die gerade 21 Jahre alte Chiara Koller auf der Brücke der „Ursula“, einem 100-Meter-Tankschiff: Die Abiturientin aus Gümse wird Binnenschifferin. (Foto: bv)

Auf dem Weg zum Käpt’n

Gümse. Die Schönheit ihres Berufes lässt sich gut in den Aufnahmen nachempfinden, die Chiara Koller mit dem Smartphone an Deck der „Ursula“ gemacht hat – dem 100 Meter langen Binnenfrachter mit Heimathafen Duisburg. Es sind unvergeßliche Momente, wenn das Tankschiff auf dem Mittelrhein vorbei an Bingen und St. Goar gleitet, die steilen Weinberge gesäumt von Burgen und Schlössern, vorbei an mittelalterlichen Städtchen. Aber auch die Fahrt auf dem Ijsselmeer in den Niederlanden beeindruckt, durch die Weite und die Farben.

Chiara Koller aus Gümse, die gerade 21 Jahre alt geworden ist, lernt seit einem Jahr Binnenschifferin auf einem Chemiefrachter. Das Leben an Bord kann während der Streckenfahrt aber auch mal langweilig werden. Dann schnappt sich die junge Frau ihre Fachbücher und büffelt für die nächsten Prüfungen. Maschinenkunde, Elektronik, Nautik, Wasserstraßen, gesunde Ernährung – alles Ausbildungsfächer. „Bei uns an Bord gibt‘s immer Fleisch“, lacht Koller, die Veganerin war, als sie auf dem Schiff anfing. Inzwischen isst sie auch mit, wenn es Schnitzel gibt. „Bei uns an Bord sind vier Leute Besatzung, der Kapitän, zwei Steuermänner und ich.“

Die extrem seltene Leichtmatrosin

Das Verhältnis sei entspannt. Dabei ist Chiara Koller eine Ausnahmeerscheinung in der Schifffahrt. Sie ergreift einen der seltensten Berufe für Frauen – nur 28 weibliche Binnenschiffer-Azubis gab es 2017 laut Industrie- und Handelskammer in Deutschland. Zum Vergleich: Kauffrau für Büromanagement lernten im selben Jahr 43 583 Auszubildende. Weil sie Abitur hat, darf sie die Lehrzeit verkürzen. Nach der Prüfung zur Leichtmatrosin im kommenden Herbst wird sie ein Jahr als Bootsmann fahren, dann ein weiteres Jahr als Steuermann.

Nach vier Jahren Berufserfahrung darf sie ihr Schiffsführerpatent machen. Je mehr Zusatzqualifikationen, umso vielseitiger die Berufsaussichten. Das Rheinschifferpatent ist die Königsdisziplin. Wichtig ist neben der nautischen Qualifikation eine gesunde Physis.

Der Unterschied zur Fahrt auf hoher See besteht vor allem in den Anlegemanövern. „Seekapitäne bekommen in den Häfen Lotsen an Bord. Wir machen alles selber“, sagt Chiara Koller. Wenn sie später als Kapitänin auf große Fahrt gehen wolle, müsse sie Nautik studieren. Aber die Berufsaussichten sind auch für Binnenschiffer gut. Bammel vor der Matrosenprüfung hat sie trotzdem. Die Berufsschule besucht sie en bloc von September bis Dezember auf einem Schiff, einem schwimmenden Internat, in Duisburg.

Den Platz an Bord der „Ursula“ hat ihr Monika Sikorski aus Hitzacker vermittelt, die viele Jahre mit ihrem Mann auf einem Tankschiff fuhr. Beide Frauen sind im Schifferverein Hitzacker aktiv. Frauen an Bord würden heute nicht mehr diskriminiert, allenfalls, dass mal jemand hilft, die schweren Schläuche beim Be- und Entladen anzuflanschen. „Da schwingt ein bisschen die Angst mit, dass meine Kraft nicht ausreichen könnte“, lacht die Auszubildende.

An Bord wird täglich frisch gekocht, ein Job, den ein Steuermann übernimmt. Der Großeinkauf wird mit dem eigenen Auto erledigt. Auf Deck steht ein knallroter Sportwagen, ein betagter Ford Probe, der mit einem Kran ans Ufer gesetzt wird. „Wir haben den aber nur, weil er so flach ist“, berichtet Koller, damit Brücken besser unterquert werden können.

Joystick dirigiert 1550 PS

Die Kommandobrücke ist eigens dafür versenkbar. Gesteuert wird das 1550 PS starke Ungetüm mit einem Joystick, kräftige Bugstrahlruder helfen beim Anlegen. Fingerspitzengefühl ist vor allem in den Schleusen gefragt, die zehn Meter breit sind, die Ursula misst 9,80 Meter, nur zehn Zentimeter Spiel an jeder Seite.

Die Vergütung für Azubis ist vergleichsweise hoch, die Arbeitszeiten sind, Natur der Sache, sehr lang. Bis zu 14 Stunden darf ein Arbeitstag auf der „Ursula“ dauern. Dann müssen zehn Stunden Pause eingehalten werden. Überwacht wird das mit Fahrtenschreibern, ähnlich wie bei Lkw. Die Wasserschutzpolizei ist streng. Alkohol ist während der Fahrt völlig tabu.

Von Björn Vogt