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Malerarbeiten stehen in vielen Fluren und Klassenzimmern noch an: Neben fleckigen Wänden sind aber auch ganz grundlegende Dinge noch nicht geklärt. Foto: t&w

Unterricht auf einer Großbaustelle

Lüneburg. Zweieinhalb Jahre hat Marianne Borowski die Füße still gehalten, den Lärm von Presslufthammern und Stemmarbeiten, Dreck und Staub, Baumaterialien auf den Fluren, gar Löcher im Boden ertragen, die bis ins unterste Geschoss reichten. Immer wieder hat sie Kollegen besänftigt, die ihre Klassenzimmer nach den Ferien putzen mussten, weil sie diese unangekündigt in einem völlig anderen Zustand vorfanden – teilweise ohne Decke, mit herausgerissenen Heizkörpern und einer dicken Staubschicht auf Tischen und Stühlen. Im Frühjahr hatte die Leiterin der Grundschule Hasenburger Berg endgültig genug: Sie informierte das Gewerbeaufsichtsamt, die Landesschulbehörde und die Gemeindeunfallversicherung (GUV) über die Zustände. Und nun auch den Ortsrat Oedeme.

Seit zweieinhalb Jahren Großbaustelle

In der Mensa der Hanseschule Oedeme herrscht absolute Stille, als Borowksi zum Mikrofon greift und so detailliert über die Probleme berichtet, dass der Zuhörer das Gefühl hat, neben ihr in einem völlig verdreckten Klassenzimmer zu stehen. Sie erzählt von offenen Mörteleimern und Rigipsplatten auf Fluchtwegen, Schülern, die auf den Fluren nicht verklebten Kabeln ausweichen müssen, Fußleisten, die mit ihren langen Nägeln in den Klassenzimmern einfach an die Wand gelehnt wurden, und Lehrkräften, die die Materialien für ihren Unterricht in dem Chaos nicht mehr finden. „Wir sind seit zweieinhalb Jahren eine Großbaustelle“, sagt sie, „für die Kinder ist das mehr als die Hälfte ihrer Grundschulzeit“.

Erst kurz vor der Sitzung hatte Borowski erfahren, dass ein Sachstandsbericht zu den Umbaumaßnahmen ohnehin auf der Tagesordnung stand, allerdings aus Sicht der Verwaltung. Das fand die Direktorin nicht richtig, klingelte bei Ortsbürgermeisterin Christel John durch und bat um die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge schildern zu dürfen. Sie willigte ein. Viele Male habe sie das Gespräch mit der Stadt als Schul­träger gesucht und darum gebeten, vorab über Arbeiten informiert zu werden. Doch jedes Mal nach den Ferien seien die Klassenzimmer wieder in einem miserablen Zustand gewesen. „Nicht einmal der Hausmeister wusste Bescheid.“

Wie berichtet, hängen die mit rund 7,8 Millionen Euro veranschlagten Baumaßnahmen damit zusammen, dass Lüneburgs größte Grundschule ein offener Ganztagsbetrieb werden soll. Der Antrag wurde im Juli 2015 bewilligt, 2016 starteten die Bauarbeiten. Eigentlich sollte es mit dem neuen Angebot dieses Jahr losgehen, doch das ließ der Fortschritt der Maßnahmen nicht zu. Nun ist der August 2019 anvisiert (LZ berichtete).

Dass sich die allgemeine Situation überhaupt „etwas verbessert“ hat, führt Borowski auf ihre Beschwerden zurück. Das Gewerbeaufsichtsamt verweist auf Nachfrage „zuständigkeitshalber“ an die Gemeindeunfallversicherung in Hannover, dort kümmere man sich um Belange des Arbeitsschutzes in den Schulen. Von dort heißt es: „Unsere Aufsichtsperson war im März vor Ort, da hat eine Begehung stattgefunden.“ Im Anschluss sei eine Mängelliste erstellt und an Schule und Verwaltung verschickt worden. „Die Umsetzung ist in unserem System noch nicht protokolliert.“

Borowksi sagt, dass die Stadt seitdem nachgerüstet habe, die Bauleitung öfter vor Ort sei. Davor sei sie diejenige gewesen, von der man fachmännisches Wissen abverlangt habe. „Wenn ich entscheiden soll, wo in 24 Klassenzimmern die Steckdosen hinkommen oder wie ein Balken am besten umbaut werden kann, hört es wirklich auf.“

Starke Belastung für Schüler und Lehrer

Um im Ortsrat über den aktuellen Stand berichten zu können, ist die Schulleiterin am Dienstag nochmal durch alle Trakte und Räume gegangen. Ihr Fazit: „Diese Baustelle ist immer noch eine starke Belastung.“ Obwohl die Arbeiten am 15. Oktober abgeschlossen sein sollen, seien noch immer sechs Klassenräume nicht fertiggestellt. „Es hängen lose Kabel aus den Wänden, Fußleisten fehlen, Wände sind nicht gestrichen, überall ist Staub.“ Die Bitte, eine Großreinigung durchzuführen, sei mit der Begründung „Großbaustelle“ abgebügelt worden.

Die Schulleiterin nennt weitere Probleme, die die Unterrichtsgestaltung behindern: So seien Kunst- und Werkräume noch ohne Ausstattung, die Zimmer für Technik und Kopierer nicht fertig. In der Halle im Südtrakt stünden noch Deckenarbeiten an. Und: „Seit zweieinhalb Jahren gibt es in den Klassen keinen Internetzugang, dabei haben wir einen Bildungsauftrag. Die Kinder sollen Medienkompetenzen erwerben.“

Und selbst wenn die Arbeiten für den Ganztagsbetrieb abgeschlossen sind, dürften Lärm und Dreck die Schule weiter begleiten. Die nächsten Maßnahmen kündigen sich bereits an: „Das Dach ist marode, das Treppenhaus sanierungsbedürftig, die Türen in den Eingangsbereichen Nord und Süd defekt.“

Das sagt die Stadt

„Das Ende ist in naher Sicht“

„Natürlich ist so ein großes Bauvorhaben schwierig“, sagt Sprecherin Suzanne Moenck. „Und jeder, der schon mal selbst gebaut hat, weiß auch, dass immer Unvorhergesehenes dazwischen kommen kann, dass Handwerker absagen, Zeitpläne umgeschrieben werden müssen.“ Die Bauverwaltung leiste viel, könne aber nicht zaubern. Auch dürfe man nicht vergessen, dass Lüneburg am Ende eine sanierte, moderne Ganztagsschule habe. „Das Ende ist ja in naher Sicht.“

von Anna Paarmann