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Dass über manche Themen nicht geredet wird, liegt oft an der Angst, den Ansprüchen seines Gegenübers nicht zu genügen oder etwas Falsches zu sagen. Foto: Fotolia

„Tabus täuschen Harmonie vor“

Lüneburg. Menschen sprechen viel übereinander, aber wenig miteinander. Das will die Aktion „Deutschland spricht“ ändern und am 23. September bundesweit Tausende Menschen zusammenbringen, die völlig unterschiedlich auf die Welt blicken. Als Partner der Aktion ruft auch die Landeszeitung dazu auf, wieder mehr miteinander zu sprechen. Und doch gibt es Dinge, über die spricht man nicht. Welche? Und warum? Das hat die LZ nicht nur Lüneburger auf der Straße gefragt, sondern auch den Lüneburger Psychoanalytiker Dr. Ralf Strüber.

Herr Strüber, warum fällt es uns so schwer, über bestimmte Dinge zu sprechen?
Ralf Strüber: Dafür kann es viele Gründe geben. Es kann sein, dass jemand Angst hat, den Ansprüchen seines Gegenübers nicht zu genügen oder etwas Falsches zu sagen. Oder man hat das Gefühl, es gehört sich nicht, über ein bestimmtes Thema zu sprechen. Derartige Schranken empfinden viele Menschen als Tabu und schweigen, weil sie glauben, mit ihren Gedanken, Phantasien und Bedürfnissen gegen Sitte und Anstand zu verstoßen. Grundsätzlich treten diese Ängste in einer Kommunikation um eine sachliche Thematik weniger auf als bei Gesprächen über Persönliches. Dabei gilt: Stoße ich bei Themen, bei denen Gefühle eine wichtige Rolle spielen, auf Interesse und Verständnis, werde ich mich leichter öffnen. Ist dies nicht der Fall, werde ich mich eher verschließen. Wie offen man miteinander spricht, hängt also auch davon ab, wie viel Achtsamkeit und Wertschätzung einem der Gesprächspartner entgegenbringt.

Wie erleben Sie das: Worüber spricht man nicht?
Mein Eindruck ist, dass Menschen bei sachlich geprägten Gesprächsthemen offener als früher bereit und motiviert sind, sich auszutauschen. Das ist erst einmal positiv. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass es vielen dabei sehr wichtig ist, einen guten oder zumindest keinen nachteiligen Eindruck zu machen. Was vielen von uns hingegen schwer fällt, ist der Austausch über persönliche Schwierigkeiten und Sorgen. Für viele ein Tabu, auch weil diese Themen oft mit intimen Inhalten verbunden sind. Das verursacht Ängste und eine gewisse Scheu.

Warum ist das so?
Viele Menschen haben in der Kindheit nicht gelernt, über die eigenen Gefühle zu sprechen. Oder sie haben bestimmte Verhaltensweisen gelernt, die mit Geboten oder Verboten verknüpft waren. Verstoßen sie dagegen, empfinden sie das als Tabubruch. Gleichzeitig gibt es aber auch Menschen, die als Kind kaum Regeln kennengelernt haben, so dass sie vieles nicht einordnen können und deswegen eher Tabus brechen und sittliche Grenzen überschreiten.

Was sind die Tabus unserer Gesellschaft?
Mit der Demokratisierung, dem hohen Gut der freien Meinungsäußerung, dem Abbau jahrtausendalter moralischer Gebote und zuletzt dem Internet hat sich die gesellschaftliche Situation strukturell kontinuierlich bis massiv verändert. Insbesondere moralische und sittliche Tabus früherer Jahrhunderte sind radikal entmachtet und außer Kraft gesetzt worden. Dieser Prozess hat zu mehr Freiheit des Einzelnen im Denken, Handeln und Fühlen geführt, gleichzeitig zu mehr Verantwortung des Einzelnen. Diese Entwicklung ist bei den kirchlichen und religiösen Institutionen sicher weniger weit gediehen, wie vorhandene tabuartige Gebote erweisen. Symbolhafte Tabus sind in einer aufgeklärt offenen Gesellschaft wenig oder kaum vorhanden. Die in unserem Grundgesetz aufgeführten Gesetze gelten für jeden Menschen. Verbote im Grundgesetz stellen keine Tabus dar, sondern dienen allein einem gerechten Zusammenleben.

Wie entstehen Tabus?
Tabus haben ihren Ursprung bei den Naturvölkern. Sie hatten zumeist einen religiös-mystischen Hintergrund. Besonders haben sie bei uns durch das Christentum eine Wandlung erfahren. Tabus haben kulturell und ethisch einen Sinn und vermitteln entsprechend ihrer Symbolhaftigkeit, Eigenschaftlichkeit und Kennzeichnung ihren Anhängern als (Volks-)Gruppe emotionale und moralische Stabilität von Dauer.

Was bewirken Tabus?
Tabus oder auch Nicht-Tabus sind in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild oder ein Abdruck gesellschaftlicher Prozesse und Phänomene. Tabus spenden einerseits Halt und Sicherheit, indem sie als Anleitung des eigenen Denkens dienen. Sie vertiefen auch die eigene Gedanken- und Gefühlswelt.
Tabus engen aber auch ein, indem sie anderes oder gegensätzliches Gedankengut einschränken oder nicht zulassen. Sie mindern die Freiheit. Mit Tabus wird eine gesellschaftlich genormte Denkweise und gleichgeschaltete innere Haltung angestrebt. Dieses verstärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl einschließlich das Gefühl gegenseitiger Verbundenheit und Treue.

Ist das gut oder schlecht?
Eingehaltene oder befolgte Tabus täuschen oftmals ein harmonisches Außenbild vor. Mit einem Tabu gehen die gegenläufigen Tendenzen jedoch nicht verloren. So sollte zum Beispiel der Pädophile in dem angemessenen Rahmen seine Tendenzen zur Sprache bringen können, anstatt sie insgeheim und vielleicht verstärkt über das Internet auszuleben. Tabus können also auch dazu beitragen, das zu verstärken, was sie eigentlich verhindern wollen. Daher erscheint es insgesamt sinnvoller, keine Tabus zu errichten und mit Geduld und Einsicht die schädlichen Verhaltensmotivationen zu bekämpfen und mit den Betroffenen aufzuarbeiten.

Von Anna Sprockhoff

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