Donnerstag , 20. September 2018
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Der Pegel pendelt bei Neu Darchau um seinen Tiefstand. Die Fähren bleiben am Ufer. Foto: t&w

Rekordtief der Elbe erreicht

Pegelstand in Neu Darchau

am 24. August, 6 Uhr: 66 (-1)

(Quelle: www.elwis.de)

Am Pegel in Neu Darchau sind es am Donnerstag morgen 66 Zentimeter – Tendenz weiter leicht fallend.

Bleckede. Lange hat das Team der „Amt Neuhaus“ durchgehalten, nun musste mit der Bleckeder auch die letzte Fähre im Landkreis Lüneburg wegen Niedrigwasser ihren Betrieb einstellen. Ein Ende der Ebbe ist aktuell nicht in Sicht, die Pegel sinken weiter. Eine Folge: Statt der im Jahresmittel üblichen 700 fließen aktuell nur noch 173 Kubikmeter pro Sekunde durch den Fluss. Welche weiteren Folgen das extreme Niedrigwasser hat? Ein Überblick.

Schiffs- und Fährverkehr

Der einzige Güterverkehr, der auf der tideunabhängigen Mittelelbe noch stattfindet, fährt auf dem Teilstück zwischen der Schleuse Geesthacht und dem Abzweig in den Elbeseitenkanal in Höhe Artlenburg. Weiter oben ist für die Schifffahrt in der Elbe seit Wochen Ebbe. Am längsten durchgehalten hat die Fähre „Amt Neuhaus“ zwischen Bleckede und Neu Bleckede. Doch mit der Einstellung des Betriebs wegen des Extremniedrigswassers fällt auch für Schüler aus der Gemeinde Amt Neuhaus die Möglichkeit weg, auf relativ kurzem Weg beispielsweise das Gymnasium Bleckede zu erreichen.

Auch nahe dem Fähranleger in Bleckede hat der niedrige Wasserstand einen sogenannten Hungerstein freigelegt. „Geht dieser Stein unter, wird das Leben wieder bunter“ ist darauf zu lesen.
Auch nahe dem Fähranleger in Bleckede hat der niedrige Wasserstand einen sogenannten Hungerstein freigelegt. „Geht dieser Stein unter, wird das Leben wieder bunter“ ist darauf zu lesen.

Zuletzt hatten Eltern ihre Kinder mit eigenem Auto zur Schule gebracht, solange wenigstens diese Fähre noch fuhr. Der Notfallfahrplan mit Bussen für die Schülerbeförderung im Bereich der Gemeinde Amt Neuhaus gilt bereits seit dem Ausfall der Fähre „Tanja“ zwischen Darchau und Neu Darchau. „Davon betroffen sind rund 140 Schülerinnen und Schüler, die hauptsächlich weiterführende Schulen in Bleckede und Lüneburg besuchen“, sagt die Sprecherin des Landkreises, Katrin Holzmann.

Ökologie

Die gute Nachricht: Das Überleben der Arten an der Elbe ist durch den aktuellen Extrem-Wasserstand nicht gefährdet. Die Schlechte: Gestorben wird trotzdem.

Katastrophal ist die Situation vor allem für die Fische und Amphibien in den vielen Auengewässern, Bracks oder Altarmen der Elbe. „Denn diese Gewässer trocknen aktuell aus und das bedeutet für die Bewohner in der Regel den Tod“, erklärt der Agrarbiologe und stellvertretende Leiter der Biosphärenreservatsverwaltung, Dr. Franz ­Höchtl. Gleichzeitig profitierten davon viele Vögel wie Schwarzstorch, Lachmöwe oder Fischreiher. „Denn die kommen derzeit an Nahrung, an die sie sonst nicht kommen und sind in ungewöhnlich hoher Zahl zu beobachten“, sagt Höchtl.

Des einen Freud ist des anderen Leid. Das gilt auch im Reich der Pflanzen. Manche Arten wie die große Fetthenne blühen bei der Trockenheit im wahrsten Wortsinn auf, andere vertrocknen. „Grundsätzlich sind aber sowohl Tier- als auch Pflanzenwelt an große Schwankungen gewöhnt, sodass es im Einzelfall hart ist, aber im Ganzen kein Grund zur Sorge.“

Auch in der Elbe selbst ist die Situation für die Fische noch entspannt. Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) misst die Wasserqualität aktuell besonders intensiv. „Und da gibt es bei einer Temperatur von 22,8 Grad und einem Sauerstoffgehalt von 11,9 mg/l – gemessen am Montag um 11 Uhr in Schnackenburg – derzeit noch keinen Grund zur Sorge“, sagt Sprecher Achim Stolz.

Fischerei

Zu schaffen macht das Niedrigwasser aktuell auch dem letzten Elbfischer im Landkreis Lüneburg, Eckhard Panz. Sein Problem ist allerdings nicht, dass es zu wenig Fische gibt. „Ich habe wegen der fehlenden Strömung eher Probleme, sie zu fangen“, sagt er.

Normalerweise halten sich viele Arten im Uferbereich auf, um der Strömung zu entgehen. „Jetzt, wo die Elbe einem Stausee gleicht, schwimmen die Fische überall im Strom und ich weiß nicht so recht, wo ich meine Netze aufstellen soll.“

Pegelmessung

Jenseits des Wehrs weiter oben an der Mittelelbe beeinträchtigt das extreme Niedrigwasser auch das elektronische Messsystem der Pegelstände der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung. Daher muss teilweise per Hand gemessen werden.

Doch auch die Übertragung der manuellen Werte beispielsweise des Pegels bei Neu Darchau in das „Elektronische Wasserinformations-System“ (ELWIS) läuft noch immer nicht rund: Zeigte das Online-System am Donnerstag bei Neu Darchau einen Pegelstand von 66 Zentimetern (minus eins zum Vortag) an.

Wie berichtet, haben die geringen Messunterschiede im Zentimeterbereich in erster Linie nur eine statistische Bedeutung. So lag der bisher niedrigste, jemals offiziell gemessene Pegelstand bei Neu Darchau bei 67 Zentimetern am 2. Oktober 1947. „Für die Schifffahrt ist das gerade aber sowieso egal“, sagt Tilman Treber, Leiter des Wasser- und Schifffahrtamtes Lauenburg.

Kraftwerke

Trotz Niedrigwassers und Temperaturen von fast 23 Grad in der Elbe hat die aktuelle Situation auf die Kühlwasserversorgung der Kraftwerke entlang des Flusses keinen Einfluss. Das Kernkraftwerk Krümmel beispielsweise profitiere von der Stauwirkung des Sperrwerks bei Geesthacht, erklärt die Sprecherin des Betreibers Vattenfall, Barbara Meyer-Bukow. „Da macht die Entnahme von Kühlwasser für die internen Prozesse des Nachbetriebs keine Probleme.“ Der Meiler benötige derzeit 0,208 Kubikmeter pro Sekunde (750 Kubikmeter/Stunde).

Eine andere Hausnummer ist der Kühlwasserbedarf des Heizkraftwerks Moorburg. Meyer-Bukow: „Hier entnehmen wir maximal 3600 Kubikmeter pro Stunde für die Kühlung und interne Prozesse.“ Allerdings befindet sich Moorburg bereits im Einflussbereich der Tide-Elbe, bei Flut drückt das Wasser aus der Nordsee den Elbe-Wasserstand beim Wehr Geesthacht auf mehr als drei Meter Höhe.

Von Dennis Thomas und Anna Sprockhoff