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Sie gehören zu den beliebtesten Postkarten der Region. Nachweise v.l.n.r, 1. Reihe: Swantje Crone, Schöning Verlag, Dieter Damschen. 2. Reihe: Flusslandschaft Elbe GmbH, Schöning Verlag, Schöning Verlag

Schnuckelige Grüße

Lüneburg/Amelinghausen/Bleckede. Heute sollen es lila Heide und Schafe sein. „Kitschig, aber schön“, grinst Gerd Löffler. „Giebel und historische Gebäude hatte ich schon beim letzten Mal.“ Der Krankenpfleger aus Fulda, der in diesem Moment an einem Postkarten-Ständer Am Sande steht, besucht Lüneburg bereits zum dritten Mal. Löffler gehört zu den Vielschreibern – etwa zehn Karten schreibt er pro Urlaubstag seiner zwanzig-tägigen Reise – und damit zu denjenigen, die dafür sorgen, dass das Geschäft mit den Ansichtskarten in der Region Lüneburg auch im digitalen Zeitalter nicht oder nur wenig zurück geht, bei einigen Händlern sogar steigt. Je nach Standort haben die Besucher jedoch unterschiedliche Vorlieben bei der Motiv-Wahl.

Die Masse mag es klassisch

„Die Nachfrage im Postkarten-Verkauf hält sich stetig“, erzählt Julia Lammerts von der Toursiteninformation Amelinghausen. Auch bei ihren Gästen stehen Heidemotive an erster Stelle. Auf der meist verkauften Postkarte der Lüneburger Heide prangt eine blöckende Heidschnucke, darüber steht in Schreibschrift geschrieben: „Schnuckelige Grüße“. Sie stammt vom Schöning Verlag, dem deutschen Marktführer für touristische Ansichtskarten, und geht jährlich circa 3000 Mal über die Ladentische der Region. Ein Dauerbrenner.

Die meist verkaufte Postkarte der Lüneburger Heide, rund 3.000 Mal geht sie jährlich über den Ladentisch. Nachweis: Schöning Verlag

Auch die Besucher der Hansestadt mögen es klassisch. Markante Bauwerke wie Rathaus, Stintmarkt und Giebelkulisse dürfen auf den Karten nicht fehlen. „Und Motive, auf denen Wasser drauf ist, da greifen die Leute zu“, berichtet Heiko Armbrecht von Das Tabakhaus in Lüneburg. Beliebt wären außerdem kleine historische Info-Texte zu den Fotos. Das beweist auch Lüneburgs beliebteste Postkarte mit vier kleinen Fotos und einem geschichtlichen Abriss der Stadt-Historie auf braunem Pergamentpapier (Karten oben mitte im Titelbild). Außerdem ist das Stadt-Wappen auf der Karte zu sehen, die im vergangenen Jahr rund 2.000 Mal verkauft wurde.

In Armbrechts Verkaufsständern hängen rund 100 weitere Motive aus der Region, erworben werden sie nach wie vor von Touristen jeden Alters. Zum Beispiel von der 11-jährigen Rebekka Ruhrenhorst aus Rheda-Wiedenbrück. Sie macht mit ihrer Familie Urlaub in der Nähe von Walsrode und besucht für einen Tag die Hansestadt. Für Familie und Freundinnen sucht auch sie drei Karten mit Heidemotiven aus. „Ist doch netter als eine Nachricht mit dem Handy zu schreiben“, findet sie. Obwohl der digitale Weg bestünde, wählt sie bewußt den Postweg.

Ein Verhalten, das Boris Hesse, Geschäftsführer des Schöning Verlag in Lübeck, gut kennt. Obwohl der Umsatz im Bundesgebiet insgesamt stark rückläufig ist, verkauft er noch immer durchschnittlich 25 Millionen Karten pro Jahr. In Lüneburg liegt sein Marktanteil bei etwa siebzig Prozent. „Die Postkarte hat sich einmal als schnelles Kommunikationsmittel entwickelt, die erste sms unplugged sozusagen“, erklärt Hesse. „Heute gilt sie eher als Geschenk, als kleine Aufmerksamkeit. Da macht sich jemand Mühe, sucht eine Karte aus, kauft eine Marke, bringt die Karte zum Briefkasten.“ Die Empfänger würden sie oft entsprechend lange aufbewahren, beispielsweise am Kühlschrank. Wie viele Postkarten noch aus einer Region geschrieben würden, hinge unter anderem vom Angebot und einem aktiven Tourismusmarketing ab, so Hesse.

Die romantische Note der Hansestadt

Bei den Lüneburg-Karten achten seine Gestalter besonders darauf, eine romantische Note einzubauen. „Das mögen die Kunden in Lüneburg, vermutlich bedingt durch die TV-Serie“, liest Hesse aus den Verkaufszahlen. Ansonsten bevorzugten die Touristen in Norddeutschland eher eine klare Gestaltung, ohne viel Schnickschnack. „Eine Aufmachung, die im Süden funktioniert, geht im Norden oft gar nicht“, berichtet er. Das läge daran, dass in Bayern und Baden-Württemberg vielfach die Vorzüge ausländischer Touristen den Markt bestimmten, während im Norden mehr deutsches Publikum unterwegs sei.

Lüneburger Händler beobachten noch einen ganz anderen Trend: Immer mehr setzen sich regionale Künstler mit ihren Karten durch, beispielsweise Zeichnungen und Malereien von Swantje Crone, Ruth Weber oder Helga Wasmann und Natur-Fotografien von A.W. Kögel oder Victoria Glaser. Bei Lünebuch am Markt sowie auf der anderen Seite des Platzes in der Lüneburger Tourist-Info machen sie bereits ein Drittel der verkauften Ansichtskarten aus, Absatz steigend. „Die Künstler kommen persönlich bei uns vorbei und wir probieren immer wieder Neues aus“, erzählt Sina Prigge von Lünebuch.

Regionale Künstler setzen sich durch

Einige Karten-Verkaufsstellen wie Heinz & Heinz in der Grapengießer Straße oder die Buchhandlung Hohmann in Bleckede führen inzwischen ausschließlich Ansichtskarten von heimischen Künstlern. „Das passt besser zu uns“, sagt Waltraud Hohmann, bei der vielfach Camping- und Radtouristen ihre Postkarten kaufen. Für die zählten vor allem Bilder von der Elbe und von Bleckede, so Hohmann. Weil es so gut wie keine Kartenmotive von der malerischen Fachwerk-Straße gab, in der auch ihr Laden liegt, hat die Buchhändlerin kurzerhand selbst welche anfertigen lassen.

Außerdem finden Naturaufnahmen einen guten Absatz, „in der Gegend natürlich vorrangig von Storch und Biber“, weiß Dieter Damschen aus dem Wendland, der sich vor 15 Jahren als Naturfotograf selbstständig gemacht hat. „Als mir damals Leute empfohlen haben, Postkarten anfertigen zu lassen, habe ich gelacht. Ich dachte: Wir haben das Jahr 2003, was soll das?“ Inzwischen freut er sich, dass er seine Meinung noch geändert hat. Das Geschäft läuft gut. „Postkarten schreiben ist so ein bisschen Retro, so wie Fotografieren mit Film oder Schallplatten aus Vinyl, das kommt ja auch alles wieder“, meint er. In Gegenden, wo kein Massentourismus herrsche und die von den großen Verlagen mit Postkarten nicht gut abgedeckt würden, fänden regionale Künstler ihre Nische, sagt Damschen – zum Beispiel in der Elbtalaue.

von Katja Grundmann