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Niedersachsen kehrt als erstes Bundesland zum Abitur nach dreizehn Schuljahren zurück.
Niedersachsen kehrt als erstes Bundesland zum Abitur nach dreizehn Schuljahren zurück.

Der Jahrgang mit der Lücke

Lüneburg. Viele Betriebe müssen fürchten, ihre Ausbildungsplätze im nächsten Jahr nicht besetzen zu können. Der Grund: zu wenig Schulabgänger. Wie kommt‘s? Niedersachsen kehrt als erstes Bundesland zu G9, dem Abitur nach dreizehn Schuljahren, zurück. Das wurde 2014 im Landtag beschlossen, seit dem Schuljahr 2015/16 büffeln die Schüler wieder länger. Der erste G9-Jahrgang legt im Schuljahr 2020/21 das Abitur ab. Und da klafft dann eine Lücke: 2020 wird es keinen Abiturjahrgang geben, zumindest nicht an den regulären Gymnasien. Die Folge: Nicht einmal halb so viele Abiturienten wie in anderen Jahren stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung.

In der Agentur für Arbeit An den Reeperbahnen schlägt Leiterin Kerstin Kuechler-Kakoschke Alarm: „Es wird zu einem massiven Engpass und entsprechend großer Konkurrenz kommen, Betriebe sollten sich schon jetzt darauf vorbereiten.“ In diesem Jahr habe es im Agenturbezirk Lüneburg-Uelzen rund 2300 Abiturientinnen und Abiturienten gegeben. Im Jahr 2020 dürften aber laut Prognose der Kultusministerkonferenz etwa 1900 Abiturienten fehlen.

Schon jetzt können nicht alle Stellen besetzt werden

Eine Lücke, die Volker Linde, bei der Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Braunschweig Leiter des Bereichs Aus- und Weiterbildung, die Sorgenfalten auf die Stirn treibt: „Es können doch schon jetzt nicht alle Stellen besetzt werden. Wir haben ein riesiges Problem mit der Fachkräftesicherung, in den Ausbildungsbetrieben wird händeringend Nachwuchs gesucht. Die fehlenden Abiturienten stellen eine zusätzliche Herausforderung dar.“ Es werde schwierig, aber „ob es eine Katastrophe wird, lässt sich noch nicht sagen“.

Ein hoher Anteil derer, die normalerweise einen Ausbildungsvertrag abschließen, falle weg. „Bestimmt ein Drittel oder ein Viertel!“, schätzt IHK-Mann Linde. Gerade in den klassischen Berufen sei der Mangel schon jetzt eklatant. Vorsorgen sei daher das A und O. „Die Unternehmen müssen reagieren.“

Die Kammer plane, ab jetzt verstärkt in den zwölften Jahrgängen zu werben. Außerdem wolle man den Kontakt zu den Bildungsangeboten ausbauen, die G8 gar nicht eingeführt haben: Berufsfachschulen, Technik- und Wirtschaftsgymnasien, Integrative und Kooperative Gesamtschulen. Linde: „Einfach wird es nicht. Wir müssen es in den Jahren davor und danach hinkriegen, mehr junge Leute anzuwerben, vielleicht schaffen wir über zwei, drei, vier Jahre dann einen Ausgleich, um das Loch zu kompensieren.“

Die Stadt ist vorbereitet

Bei der Stadt Lüneburg, einer der größten Arbeitgeberinnen der Region, gibt sich Ausbildungsleiterin Stefanie Gödecke aber zuversichtlich: „Die Hansestadt war da insofern vorausschauend, als dass wir in diesem Jahr wesentlich mehr Anwärterinnen und Anwärter für das Amt des Stadtinspektors eingestellt haben als üblich. Sollten sich im kommenden Jahr also weniger geeignete Bewerber finden, können wir das auch durch den aktuellen starken Jahrgang ausgleichen.“

Trotzdem suche die Verwaltung auch kommendes Jahr Nachwuchs, das Stichwort: Fachkräftemangel. Man wolle Absolventen anderer Schulformen ansprechen. Ein Vorteil: Hamburg und Schleswig-Holstein liegen vor der Tür, dort wird es 2020 ja reguläre Abiturjahrgänge geben. Gödecke betont zudem: „Wir bilden natürlich nicht nur Abiturienten aus, sondern wir besetzen die vielfältigen Ausbildungsplätze in den einzelnen Bereichen der Verwaltung immer auch gern mit Schülern, die einen anderen Abschluss haben, etwa einen Real- oder Hauptschulabschluss.“

In Zahlen liest sich das so: 2018 haben bei der Stadt und der Abwasser, Grün & Lüneburger Service GmbH 17 Nachwuchskräfte ihre Lehre begonnen, davon neun Stadtinspektoranwärter, hier ist das Abi Voraussetzung. Acht Jugendliche brachten einen Real- oder Hauptschulabschluss mit. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 kam man auf zwölf Neuzugänge.

Der Lebensmittelproduzent DE-VAU-GE plant seit zwei Jahren mit dem Rückgang der ­Abiturienten im Jahre 2019 und hat deshalb im Bereich kaufmännische Ausbildung bereits in den letzten beiden Jahren jeweils einen Auszubildenden und einen dualen Studenten der Berufsakademie in Lüneburg zusätzlich eingestellt.

Unternehmen schauen auch auf Haupt- und Realschüler

Für die Spedition Hiller im Hafen sind die fehlenden Abiturienten kein Problem. „Zwar bewerben sich regelmäßig auch Abiturienten auf unsere kaufmännischen Ausbildungsberufe und Fachinformatiker Anwendungsentwicklung, aber wir finden auch unter Realschülern immer wieder sehr gut geeignete und motivierte neue Auszubildende“, sagt Andrea Hiller-Valett. Alle 24 Ausbildungsplätze seien besetzt.

Beim Auto-Zulieferer Yanfeng bleibt das Management gelassen: Man besuche weiterhin die etablierten Job- und Ausbildungsbörsen in Lüneburg und wolle ebenfalls die Kontaktansprachen an den Schulen intensivieren.

Die Sparkasse Lüneburg hingegen passt sich den Gegebenheiten an und schlägt neue Wege ein: „Für den Ausbildungsbeginn 1. August 2019 können sich seit diesem Jahr erstmals auch Realschüler ohne erweiterten Abschluss um einen Ausbildungsplatz bewerben“, sagt Janin Peters, die Referentin für Ausbildung.

Aus dem Klassenzimmer

Einschätzungen eines Schulleiters

Stefan Schulz, Leiter des Gymnasiums Oedeme. (Foto: t&w)
Stefan Schulz, Leiter des Gymnasiums Oedeme. (Foto: t&w)

Was bedeutet die Umstellung für die Schüler – vor allem Sitzenbleiber? Stefan Schulz, Schulleiter des Gymnasiums ­Oedeme, ist zufrieden mit den Lösungen, die das Kultusministerium anbietet: „Für Wiederholer gibt es drei Möglichkeiten. Die ungünstigste für die Schüler: Wenn sie aus der 12 in die 11 zurückgehen, weil die 12 eben fehlt. Damit verlieren sie zwei Jahre. Für solche Fälle wurden aber auch extra Zentren geschaffen. Die sind jedoch mit viel Fahrerei verbunden.“ Die Standorte für Lüneburger sind Celle, Verden, Schneverdingen, Schwanewede und Tarmstedt.

Schulz hält die „flexible“ Möglichkeit für die beste: Wiederholer könnten den 13. Jahrgang dem 12. vorziehen, da der Stoff in der Oberstufe nicht mehr unbedingt aufeinander aufbaue. Das sei immer vom Einzelfall abhängig. „Die Schüler sollen ja vom Wiederholen profitieren und ihre Chancen auf das Abitur erhöhen. Da sind Individuallösungen gefragt. Es hängt dann auch immer von der Schülerwahl ab – bei Physik und Latein als Leistungsfach kann es auch mal sein, dass es die Kombination in dem anderen Jahrgang nicht gibt. Dann müssen wir Schulen kooperieren.“

Für die Schüler freut er sich über die Rückkehr zu G9, auch wenn der Wechsel zurück komplizierter sei als andersherum. „Die Schüler haben nicht mehr so viel Druck. Mit G8 gab es bereits in den fünften und sechsten Klassen Nachmittagsunterricht.“ Er ist sich sicher: „Auch in den Familien wird jetzt wieder etwas mehr Ruhe einkehren.“

Von Lea Schulze

3 Kommentare

  1. Im Jahr 2021 gibt es dann fast doppelt so viele Schulabgänger/innen. Auch darauf sollte sich die Wirtschaft einstellen.

    • Norbert Kasteinecke

      Wird aber jetzt nicht kommuniziert – warum?
      Das wissen wir doch.

    • Nein, einen Doppeljahrgang gab es bei der Umstellung von G9 auf G8. Bei der Rückumstellung gibt es jetzt 2020 ein Jahr ohne Abiturienten, weil diejenigen, die 2011 in die 5. Klasse Gym gestartet sind, 2019 Abitur nach 8 Gymnasialjahren machen und diejenigen, die 2012 in die 5. Klasse Gym gestartet sind, erst 2021 Abitur nach 9 Gymnasialjahren machen. Der Jahrgang, der 2013 in die 5. Klasse kam, macht dann Abitur 2022 und so weiter. Einen Doppeljahrgang gibt es bei dieser Umstellung also nicht.