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Dr. Wolfgang Schwarz ist der Gründer von St. Marianus. Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Einrichtung gibt es neben einem Symposium für Experten der Palliativmedizin auch am Sonnabend einen „Tag der offenen Tür“. (Foto: phs)
Dr. Wolfgang Schwarz ist der Gründer von St. Marianus. Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Einrichtung gibt es neben einem Symposium für Experten der Palliativmedizin auch am Sonnabend einen „Tag der offenen Tür“. (Foto: phs)

Das Leben noch einmal feiern

Bardowick. Schmerztherapie und liebevolle Begleitung von schwerkranken Menschen auf ihrem letzten Lebensweg, das hat sich die Palliativmedizin zur Aufgabe gemacht. 1983 wurde die erste Palliativstation in Köln eröffnet, 15 Jahre später ging das St. Marianus in Bardowick an den Start. Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Einrichtung findet ein Palliativsymposium von Freitag bis Sonntag, 24. bis 26. August, im Hotel Bergström statt. Bis zu 140 Experten auf diesem Gebiet werden erwartet. Die LZ sprach im Vorfeld mit Dr. Wolfgang Schwarz über die Anfänge von St. Marianus und wie sich die palliative Versorgung im Laufe der Jahre gewandelt hat.

Herr Dr. Schwarz, es heißt „Der Tod gehört zum Leben“. Aber mal Hand aufs Herz: Haben Sie Angst vorm Sterben?

Dr. Wolfgang Schwarz: Das ist so ein typischer Spruch aus den letzten 20 Jahren. Da sagt jemand zu einem, der bald sterben wird: „Du, echt, brauchst keine Angst zu haben. Ist ganz normal, gehört zum Leben dazu.“ Das weiß der doch längst, dass unser Leben endlich ist. Hilfreich ist das also gar nicht.

Nein, ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich weiß, dass es friedlich, schmerzfrei und leidarm vonstatten geht, wenn man ordentlich betreut wird. Aber ja, ich habe Angst vor dem Tod. Er ist das absolut Ungewisse, Unerfahrbare, auf das unser Leben zusteuert. Diese Ungewissheit macht natürlich schon Angst. Aber ich bin neugierig und optimistisch. Es wird in jedem Falle spannend.

Bis zur Gründung von St. Marianus waren Sie als Allgemeinmediziner tätig. Was hat Sie bewegt, das erste Hospiz in dieser Region auf den Weg zu bringen?

Es war damals, 1998, eigentlich Wut und Ärger. Da hatte diese Gesellschaft doch tatsächlich eine Hospiz-Finanzierung gesetzlich verankert, in der ärztliche Leistungen gar nicht berücksichtigt wurden. Die übliche hausärztliche Betreuung reiche völlig aus. Die Patienten sterben ja sowieso. Als würde Händchen halten und aus dem „Kleinen Prinzen“ vorlesen, ausreichen. Sterbende brauchen doch eine besondere, hochqualifizierte ärztliche Versorgung. Marianus wollte zeigen, wie man es richtig macht. Und wir sind bis heute Modellprojekt. Seit 20 Jahren stand täglich mindestens ein Mal ein Palliativmediziner am Bett unserer schwerkranken Patienten.

Ich persönlich hatte kein Schlüsselerlebnis oder eine besondere Erfahrung. Ich wusste nur, dass ich das kann und dass es nötig und richtig war.

Welche Probleme oder Schwierigkeiten gab es in den Anfängen?

Niemand wollte ein stationäres Hospiz. Das kostete die Krankenkassen Geld und wir hatten gegen alle möglichen behördlichen und gesetzlichen Bestimmungen zu kämpfen. Aber es dauerte auch lange, bis die Öffentlichkeit begriff, dass man nicht zum Sterben in Hospize geht. Ich meine, wer würde denn da schon hin wollen, bevor man gar nichts mehr mitkriegt. Wir nannten uns daher „Zentrum für Schwerkranke“. Denn wir behandeln doch keine Sterbenden, sondern Noch-Lebende, die in einer extremen Situation Hilfe brauchen. Das ist heute alles besser geworden. Jeder weiß heute, was Palliativbetreuung meint. Auch wenn viele Hospiz immer noch mit „tz“ schreiben.

Wie hat sich Marianus weiterentwickelt und warum sind Sie diese Schritte gegangen?

Marianus hat sich zusammen mit der Gesellschaft immer weiterentwickelt, war immer Vorreiter. Beratungsstelle zu allen palliativen Fragen, Öffentlichkeitsarbeit und vieles mehr. 2007 schließlich führte das Gesundheitsministerium endlich eine neue Versorgungsform für besonders schwere Palliativfälle ein. Die „Spezialisierte ambulante Palliativversorgung“ (SAPV) steht jedem Patienten in der Häuslichkeit zu. Sie wird in einem Netz von ausgebildeten Pflegekräften, Palliativärzten, Ehrenamtlichen und anderen erbracht und finanziert. Wir hatten damals schon mit dem Aufbau eines solchen Netzwerkes begonnen. Als das Gesetz endlich in 2010 auf Landesebene umgesetzt wurde, startete das Marianus-Care Netz. Heute versorgen unter der Koordination von St. Marianus mehr als 40 Ärzte und 20 Pflegedienste pro Jahr ca. 1400 Schwerkranke im Versorgungsgebiet von Uelzen, Buchholz, Winsen und Lüneburg, in dem circa 450 000 Menschen leben. Dass wir seither von diesen Patienten nur unter zehn Prozent einweisen müssen und alle anderen bis zuletzt zu Hause versorgen können, stellt einen Quantensprung in der Versorgung dar.

2012 kam das zweite Haus am Dom dazu, somit verfügt die Einrichtung insgesamt über 26 Betten. Zu wenig für ein großes Einzugsgebiet?

Nein. Die Versorgung ist ausreichend und hervorragend. Das zweite Haus mit zwölf weiteren Betten durchzusetzen, war ein Kraftakt. Aber jetzt gibt es endlich kaum noch eine Warteliste. Wir können immer innerhalb von maximal zwei Tagen aufnehmen, oft auch sofort. Ich komme viel rum in Deutschland. Aber ich kenne keine Region, in der die Palliativversorgung der Bevölkerung sich so weit entwickelt hat wie hier. In der Zusammenarbeit mit den Palliativstationen in den Krankenhäusern, den Ehrenamtlichen in den Hospizvereinen und vier stationären Hospizen (zweimal Bardowick, Uelzen und Buchholz) und dem Marianus-Care Netz ist das Angebot ausreichend und großartig.

Das Marianus ist ja auch Endstation. Wie gehen Menschen damit um, wenn Sie zu Ihnen kommen?

Patienten wissen immer mehr als die Ärzte und die Angehörigen, auch wenn sie meist nicht darüber reden. Sie leiden – oft extrem. Und das erfüllt uns immer wieder mit Ehrfurcht. Aber sie kommen nicht zum Sterben, haben oft auch Hoffnung. Sie kommen, damit ihnen geholfen wird, die letzte Phase ihres Lebens nicht nur erträglich, sondern gut zu gestalten. Unser Ziel ist es, mit ihnen gemeinsam das Leben noch einmal zu feiern. Unser Ziel ist nicht die Lebensverlängerung, aber die Verbesserung der Lebensqualität, damit für die Patienten – und auch die Angehörigen – jetzt am Ende doch noch einmal alles wirklich richtig gut wird.

Die medizinische Versorgung ermöglicht, dass Schwerstkranke möglichst nicht Schmerzen leiden müssen. Gibt es trotzdem Fälle, in denen Patienten darum bitten, ihrem Leben ein Ende zu setzen?

Wenn Patienten sagen, dass sie sterben wollen, sagen sie in Wirklichkeit, dass sie so nicht mehr leben können. Dann ist es Herausforderung für uns alle, die Versorgung so zu gestalten, dass sie noch etwas Positives an diesem Leben bis zuletzt finden können. Aber es gibt doch auch Fälle, in denen das Leid einfach nicht zu reduzieren ist. Das kann zum Beispiel für den Erstickungstod gelten. Aber dann können wir immer noch eine sog. „Palliative Sedierung“ anbieten, die den Patienten in einen Tiefschlaf bis zu seinem Tode versetzt. Das Leben darf und muss nicht in schwerem Leid enden. Der Wunsch nach aktiver Lebensbeendigung hat meist die Angst vor dem Sterbeprozess zur Ursache. Dagegen können wir viel tun.

Was muss sich in Sachen Palliativmedizin im Sinne der Patienten künftig noch ändern?

Ich wünsche mir oft, dass wir mehr Zeit hätten. Patienten sind durchschnittlich nur noch 19 Tage bei uns. Für Schmerztherapie und Kontrolle der Symptome reicht das. Aber dem Patienten durch viele Gespräche Hilfe bei der Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden Tod zu geben, braucht oft mehr Zeit.

Die „Marianus-Philosophie“ beinhaltet ein friedliches, leid-armes und würdevolles Lebensende. Dazu gehört vor allem eine Wahrung der Autonomie, die es dem Patienten ermöglicht, seinen eigenen Tod zu sterben. Dafür setzen wir die Rahmenbedingungen so, dass das auch möglich ist und er seinen Weg aus dieser Welt selbst gestalten kann.

Tag der offenen Tür

Führungen durchs Haus

Zum 20-jährigen Bestehen lädt das St. Marianus am Sonnabend, 25. August, von 11.30 bis 16 Uhr zu einem Tag der offenen Tür im Haus 1 am Schlöpkeweg 8 in Bardowick ein. Interessierte können sich bei Führungen über die Einrichtung informieren.

Von Antje Schäfer