Donnerstag , 20. September 2018
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Der Grüne Hans-Christian Ströbele war zu Gast im Gymnasium Lüneburger Heide, das die 68er-Revolte aufarbeitet. (Foto: t&w)
Der Grüne Hans-Christian Ströbele war zu Gast im Gymnasium Lüneburger Heide, das die 68er-Revolte aufarbeitet. (Foto: t&w)

Entfernte Geschichte rückt ganz nah

Melbeck. Während der Mann mit dem schlohweißen Haar langsam durch die Reihen der 16- bis 18-Jährigen geht, fragt ein Schüler seinen Nachbarn: „Und was hat der so gemacht?“ Die Antwort kam geflüstert: „Der war RAF-Anwalt und für die Grünen im Bundestag.“ 110 Schüler schweigen fast ehrfürchtig, als Hans-Christian Ströbele seinen Gehstock mit dem antiken Griff gegen einen Tisch lehnt und sich auf seinen Stuhl fallen lässt. Die Kluft zwischen den Generationen scheint sehr groß an diesem Nachmittag im Melbecker Gymnasium Lüneburger Heide.

Und wird doch überraschend leicht überwunden, als der APO-Veteran, Baader-Anwalt und Joschka-Fischer-Quälgeist mit brüchiger Stimme von dem Aufbruch vor 50 Jahren erzählt, der Rebellion von 1968. Wie ihn am 2. Juni 1967 die brutalen Übergriffe iranischer Agenten gegen demonstrierende Studenten unter den Augen der Polizei dazu bewogen, sich zu engagieren. Kopfschütteln, als Ströbele berichtet, dass in der Welt, gegen die sich 68er auflehnten, Lehrer die Schüler mit der Haselnuss-Gerte züchtigen durften. Gelächter, als er sich daran erinnerte, dass Studenten schon mal Professoren aus dem Fenster warfen, um den Muff unter den Talaren zu lüften.

Jugend zu unpolitisch?

„1968 – das ist für nach 2000 geborene Schüler schon ganz entfernte Geschichte“, meint Dr. Timo Lüth, Lehrer und Organisator der Jubiläumsreihe im GLH. Vor Ströbeles Auftritt ging er davon aus, mehr als üblich moderieren zu müssen. Es kam anders. Die Schüler pickten sich die Punkte aus Ströbeles Leben heraus, die auch ihre Welt berühren. Sie fragten, ob Angela Merkel genug für Edward Snowden getan hat, der entlarvt hatte, dass die CIA auch die Kanzlerin abhörte – „Nein. Es ist unerklärlich, dass Europa Snowden nicht Asyl angeboten hat.“

Die Frage, ob die heutige Jugend zu unpolitisch sei, verneinte Ströbele, berichtete von dem „sehr politischen Protest etwa des Chaos Computer Clubs“. Aber er ermunterte seine Zuhörer: „Machen Sie doch hier in Lüneburg auch mal eine Demo.“ Dass ein anderer Schüler sich bei den G20-Protesten an 1968 erinnert fühlte, freute Ströbele, der in Hamburg mit vor Ort war und bekräftigte: „Hier wurden Fehler der Hamburger Polizeiführung verschleiert.“

Wie er dann als Gegner von Gewalt Mörder wie die RAF-Terroristen habe verteidigen können, fragte ein Mädchen. Antwort: „Wie jeder Anwalt habe ich nicht die Tat verteidigt, sondern den Angeklagten.“

Von Joachim Zießler

Das Interview der Woche mit Hans-Christian Ströbele lesen Sie am Freitag in der LZ – gedruckt und als ePaper.

30 Kommentare

  1. Norbert Kasteinecke

    >Das Magazin „Cicero“ veröffentlicht in seiner Februar- Ausgabe erstmals Auszüge. Das Landgericht hatte den heutigen Bundestagsabgeordneten damals wegen „Unterstützung einer kriminellen Vereinigung“ in den Jahren 1973 bis 1975 zu zehn Monaten Freiheitsstrafe – ausgesetzt zur Bewährung – verurteilt.

    Für die 10. große Strafkammer des Landgericht Berlin war Ströbeles Verstrickung in die RAF ein „besonders schwerer Fall“ von Unterstützung, da die von ihm unterstützte Vereinigung darauf ausgerichtet gewesen sei, „Straftaten des Mordes und Sprengstoffdelikte zu begehen“.Der Zwang von jungen Deutschen mit nichtdeutschen Eltern, sich entscheiden zu müssen, sei eine unzumutbare Härte, argumentierte Grünen-Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele. <
    Quelle FR

    Stroebele ist noch einen Zacken schlimmer als Gysi. So jemanden auf Schüler loszulassen ist schon grenzwertig.

    • Norbert Kasteinecke

      ups – da fehlt doch was…..

      • Norbert Kasteinecke

        Hier fehlt noch immer der halbe Kommentar – und ich wüsste gern warum so etwas möglich ist.

        • Wir wissen leider nicht, was Sie meinen. bol/LZonline

          • Norbert Kasteinecke

            …. sei, „Straftaten des Mordes und Sprengstoffdelikte zu begehen“. ——- Der Zwang von jungen Deutschen….

            dazwischen fehlt ein ganzer Absatz.
            Da ich nicht via Copy and paste vorschreibe, sondern direkt in die Kommentarspalte, kann der Fehler nicht bei mir liegen.

          • Wir haben den Text nicht verändert. bol/LZonline

    • Aber Herr Kasteinecke,

      Hat nicht jeder eine zweite Chance verdient?
      Resozialisierung vor Rache?
      Selbst die vielen Irrlichter in der AfD haben ein Recht darauf -falls sie irgendwann einmal ihre rosa-violette Brille absetzen.
      Wie sagte mir jemand einmal:“Eine Partei ist immer auch das, was Ihre Mitglieder aus ihr machen.“.

      Mit Ihren Worten:“ Nun denn.“(o.ä.)

    • Ich möchte als GLH-Schülerin anmerken, dass wir durchaus in der Lage sind, so jemanden auch differenziert zu betrachten. Außerdem hat Herr Ströbele selbst auch davon erzählt, dass er angeklagt war und auch, wie ebenfalls im Artikel steht, begründet, warum er die RAF verteidigt hat und dass er nicht hinter dem stand

      • Bravo! Finde ich echt super dass Sie sich hier als GLH-Schülerin mit diesem Beitrag zu dem Thema zu Wort melden. Der einzige Beitrag von einer Teilnehmerin an der Veranstaltung. Und das was Sie schreiben war vielleicht auch Sinn und Zweck der Aktion. Nämlich andere Meinungen und Ansichten anhören, aber differenziert zu betrachten und sich damit auseinander zu setzen. Ich kann mir durchaus vorstellen dass gerade Herr Ströbele dafür ein besonders interessanter Gast war.

        • Ja, GLH-Schülerin, das ist in der Tat ein interessanter und wichtiger Beitrag. Vielen Dank dafür.

          bol/LZonline

      • Norbert Kasteinecke

        Halleluja, da bin ich ja froh, dass sich rechtzeitig eine Schülerin zu Wort gemeldet hat.
        Besonders der Satz >und auch, wie ebenfalls im Artikel steht, begründet, warum er die RAF verteidigt hat und dass er nicht hinter dem stand< ließ mich aufhorchen und verstehen.

        Nun denn.

  2. Norbert Kasteinecke

    “Eine Partei ist immer auch das, was Ihre Mitglieder aus ihr machen.“.

    Wie viele Irrlichter haben denn Ihrer Meinung nach das aus der Umweltschutzpartei
    der Grünen das gemacht, was sie heute ist ?
    Ist Ströbele so ein Irrlicht?
    Der Hass und die Abscheu auf die eigene Herkunft bewegt mittlerweile diese Partei mehr als der Gedanke, für den viele damals angetreten sind.

    • Norbert
      Der Hass und die Abscheu auf die eigene Herkunft bewegt mittlerweile diese Partei mehr als der Gedanke, für den viele damals angetreten sind??
      wie kommen sie darauf?

    • Aha,

      Ich kenne persönlich einige Leute die politisch aktiv für die Grünen agieren oder dort Mitglieder sind.
      Aus Erfahrung und Gesprächen konnte ich nicht raushören das da Hass oder Abscheu auf die eigene Herkunft vorherrscht.
      Vermengen Sie da nicht Dinge die nichts miteinander zu tun haben?
      Die Abneigung gegen das vorherrschende politische System ist nicht gleich Abneigung gegen Deutschland ansich.
      Wenn dem so wäre, müssten Sie ja selbst Deutschland und deren Bewohner ablehnen da Sie ja den Politikbetrieb hier verachten.

      • Norbert Kasteinecke

        Ich will hier nur ein aktuelles Beispiel anführen, sonst säße ich die ganze Nacht an dem Kommentar und es wäre ein Buch geworden.

        Twitteracc. der
        BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN

        Verifizierter Account

        Eid al-adha mubarak! Wir wünschen allen, die es feiern, ein gesegnetes Opferfest! #EidMubarak

        Fragen Sie mal nach, ob die Ihnen bekannten Grünen damit so richtig einverstanden sind.
        Im letzten Jahr wollte diese Fraktion uns noch einen Veggyday andrehen.

        Gern können wir uns auch über Daniel Cohn-Bendit, Claudia Roth oder J. Fischer usw. unterhalten.
        Themen ohne Ende – und die Basis macht fröhlich weiter.

        Nun denn.

        • Norbert
          ein herr kubicki von der fdp verteidigt auch verbrecher, warum hat die afd ihm das noch nicht vorgeworfen? gern können wir uns über gauland ,von storch usw. unterhalten. wer verschaukelt wohl den kleinen,,mann,, am meisten? schmunzeln.

          • Norbert Kasteinecke

            Klaus, wenn man so keine Ahnung hat, sollte man öfter einfach gar nichts sagen, respektive schreiben.
            Ich werfe dem Mann nicht die Verteidigung dieser Leute vor, soviel sollten Sie zumindest mitbekommen haben.

  3. Schon lustig, dass da 16-18-Jährige steht und viele 14 oder 15 waren, war selbst da. Ist auch überhaupt nicht böse gemeint, ich finde der Artikel spiegelt den Vortrag echt gut wieder!

  4. Wie wäre es auch gleich Horst Mahler den Gründer des Sozialistischen Anwaltkollektivs in dem Ströbele arbeitete einzuladen, dann hätten die Schüler die Möglichkeit die gesamte Palette von politischen Verirrungen kennenzulernen und nicht nur die einseitige Verirrung eines Herrn Ströbele, der letztlich Zeitlebens darum kämpfte, die gesellschaftlichen und moralischen Verwüstungen, die seine sogenannten 68er in der Welt hinterließen und die sich in den heutigen Krisen wiederspiegeln, in ein gutes Licht zu rücken um der nächsten Generation jetzt auch noch die Hand bei der Geschichtsschreibung zu führen. Ich hoffe es gibt ausreichend kritische Lehrer, die die Schüler auf solche Personen vorbereiten und die kritische Nachbetrachtung dieses Besuchs des selbsternannten Wohlstandsrevoluzzers nicht vergessen.

    • Klaus
      ich weiß ja nicht, ob sie verheiratet sind, ihre frau , würde es wohl anders sehen. oder soll sie erst ihren göttergatten fragen, ob sie arbeiten gehen darf? die antiautoritäre erziehung hat da wohl probleme für die zukunft gemacht. die sehnsucht nach einem starken ,,führer“ scheint besonders bei den konservativen gewachsen sein. deren obrigkeitsdenken scheint keine grenzen zu kennen, außer den staatsgrenzen.

    • Norbert Kasteinecke

      @Klaus
      >Ich hoffe es gibt ausreichend kritische Lehrer,<

      Daran glauben Sie doch selbst nicht wirklich?

      Diese kritischen Lehrer haben doch den Revoluzeropa eingeladen, damit er sich und seine Grünen ins beste Bild rücken kann.
      Hat sich hier jemand vom Lehrkörper zu Wort gemeldet?
      Nein – es musste eine GLH-Schülerin schreiben.

      Nun denn.

  5. Norbert Kasteinecke

    Einen hab ich noch, bevor auch hier die Lichter ausgehen – sprich die Kommentarfunktion abgeschaltet wird.
    Deutschland spricht ?
    Aber wohl nicht mehr in der Landeszeitung – schade eigentlich.

    Aber zurück zum Thema…

    Ich bin alt genug, um mich an Zeiten erinnern zu können als man Menschen, die eine Weltregierung wollten und die große Gleichmacherei, oder Beliebigkeit, anstrebten, noch Kommunisten nannte.
    So ändern sich eben die Zeiten – oder wurden die Zeiten geändert?
    Und wenn – von wem ?

    Nun denn.

    • Norbert, wie schlecht lebt es sich eigentlich mit ihrem weltbild? jammern als lebensziel? ich würde eine weltregierung befürworten, weil wir nur die eine welt haben und sie nicht chaoten überlassen sollten. man sieht es doch überall, was dann dabei rauskommt. egoman und egoisten speziell vom rechten rand sind die schlimmsten menschenverachter. danach kommen die extremen linken. gleichmacherei wird es auch bei einer weltregierung nicht geben. dazu sind die menschen viel zu verschieden. dass sie, Norbert, dieses nicht verstehen, kann ich verstehen. eingeschränkte horizonte, die nur grenzen kennen, verhindern nun mal das fortschrittliche denken. was hier die einschränkung der kommentarfunktion betrifft,sie ist wohl der tatsache geschuldet, dass hasskommentare, speziell aus der rechten ecke überhand genommen haben. nun denn.

    • Anmeldungen sind bis zum 29. August möglich Norbert , nur zu. oder haben sie angst vor besseren argumenten?

      • Norbert Kasteinecke

        Klaus Bruns, Sie schreiben dummes Zeug.

        • Norbert Kasteinecke
          worin soll denn das dumme zeug bestehen? bitte klären sie mich doch mal auf. oder ist alles bei ihnen dummes zeug, was nicht von ihnen kommt? sie sehen doch, wie verschieden allein schon nur wir beide sind.

  6. Der Wirt in Ödön von Horváths Volksstück „Italienische Nacht“ (1931) wird zum Schluss plötzlich ganz „verträumt“: „Ich denk jetzt an meinen Abort“, schwärmt er seinen Gästen im Suff vor. „Siehst, früher da waren nur so erotische Sprüch an der Wand dringestanden, hernach im Krieg lauter patriotische und jetzt lauter politische – glaubs mir: solangs nicht wieder erotisch werden, solang wird das deutsche Volk nicht wieder gesunden -„.

    Horváth könnte man auch mal wieder lesen.

    • Norbert Kasteinecke

      „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.“ (1. Korintherbrief, Kap. 13, Vers 13

      wenn Sie wissen was ich meine.

    • Tja, hätte Ödön von Horváth damals  am 1. Juni 1938 einen Helm getragen, als er das Haus verließ, dann hätte er uns sicher noch viel mehr solch denkwürdiger Werke hinterlassen können…