Mittwoch , 26. September 2018
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Jelta Aden (r.) würde gern in einer Welt leben, in der man alle seine Nachbarn kennt, sich nicht abkapselt und die Gemeinschaft schätzt. Foto: t&w

Was wäre wenn . . .

Lüneburg. „Movetopia“ nennt Pia Sophie Schwanenberg ihren Traum von einer autofreien Stadt. Sie möchte den selbstbewegenden Verkehr fördern, Fußgängern und Radf ahrern mehr Raum geben. „Man sollte keine Angst mehr haben müssen, überfahren zu werden, sondern dominieren“, sagt die junge Frau, die in Hamburg Stadtplanung studiert hat. Dass es ganz ohne Autos nicht geht, sieht Schwanenberg ein. „Natürlich muss es Ausnahmen geben für Rettungswagen oder die Polizei.“ Verrückt findet sie ihre Idee, die sie jetzt bei der Utopie-Konferenz in der Leuphana Universität gemeinsam mit anderen entwickelt hat, ganz und gar nicht. Lediglich bei der Waren-Rohrpost, die die Wochenendeinkäufe unterirdisch nach Hause liefern soll, räumt die Studentin ein, dass das „etwas utopisch“ sein könnte.

Fragestellungen zu ganz verschiedenen Themen

Im Foyer des Libeskind-Baus herrscht reges Treiben, Hunderte von Menschen tummeln sich vor bunt gestalteten Plakaten, lauschen Vorträgen oder tauschen sich bei einer kalten Limonade über die vergangenen drei Tage aus. In Workshops haben sich 600 Studenten und Bürger aus ganz Deutschland mit den unterschiedlichsten Themen beschäftigt, Fragen ausgearbeitet, die mit „Was wäre wenn …“ beginnen. 100 Utopie-Entwürfe sind dabei herausgekommen.

Sven Prien-Ribcke, Organisator der Konferenz, betont, dass es sich dabei lediglich um einen Anfang handelt. „Wir verstehen es als Auftakt für mehr.“ Um die Leidenschaft weiterleben zu lassen, wolle man sich jetzt ein Jahr Zeit nehmen, um eine zweite Konferenz zu planen. „Die Teilnehmer werden wir mit einbeziehen, schließlich arbeiten sie an den Ideen und tragen sie weiter.“

Für Sibylle Bahrmann steht längst fest, dass sie mit den Leuten, mit denen sie jetzt in der Uni zusammengearbeitet hat, auch in Kontakt bleibt. Neben ihr auf dem Tisch liegen Physalis-Früchten aus Kolumbien, eine Mango aus Uruguay, eine Kiwi.

Der Wunsch nach fairen Lebensmittel-Preisen

Sie hält die Frucht, die sie bei einem Supermarkt für 39 Cent gekauft hat, hoch und stellt ihre Frage: „Was wäre, wenn Lebensmittel den wahren Preis hätten?“ Ihrem Empfinden nach müsse die Summe auch die Umstände widerspiegeln, die es beispielsweise Menschen und Lebewesen kostet. „Plantagenarbeiter sind widrigsten Bedingungen ausgesetzt, Bauern bekommen keinen fairen Preis, die Natur wird geschädigt.“ Vor allem in der Landwirtschaft brauche es ganz dringend Utopien, sagt die Lüneburgerin. „Die Tatsache, dass wir hier heute zu einer Konferenz zusammenkommen, hat damit zu tun, dass Bauern über Jahrtausende unseren Lebensraum gewahrt haben.“

Weniger reden, mehr fühlen – das wünscht sich Jessica Wendt (20). Die Hamburgerin studiert Gesundheitswissenschaften und interessiert sich schon deshalb für die menschlichen Bedürfnisse. „Wir bewegen uns in einer Gesellschaft, in der wir diesem Verlangen nicht immer nachgehen können.“ Nur jemand, der die eigenen Gefühle wahrnehmen könne, sei auch empfänglich für andere, ist sie überzeugt. „Der Wandel fängt immer bei einem selbst an.“

Von Anna Paarmann