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Eine Geste der Versöhnung, Oberbürgermeister Ulrich Mädge (4.l) heißt die Gäste aus Ozarichi und ihre Begleiter im Rathaus willkommen: Andreyeu Branislau, Viktar Draznik, Ala Osipava, Peter Raykowski (VVN), Klaudziya Staraverava, Natalia Gerhard, Helga Chrpa und Tatsiana Kireishyna (v.l.). Mikhail Astasenka war krank und konnte nicht ins Rathaus kommen. (Foto: t&w)

„Ich bitte Sie um Verzeihung“

Lüneburg. Als die Gäste aus Weißrussland am Stein für die 110. Infanterie-Division am Springintgut standen, raschelte es im Laub wie ein Stakkato. „Eine der Frauen sagte mir, es klinge für sie wie damals in Ozarichi, als Maschinenpistolensalven abgefeuert wurden“, sagt Peter Raykowski. Er gehört zu mehr als einem Dutzend Helfer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und einer Gruppe der Uni, die sechs Opfer von einst nach Lüneburg eingeladen haben. Raykowski ist anzumerken, wie nahe ihm die Worte gingen: „Den Menschen ist das Geschehen immer noch präsent. Nach so langer Zeit.“ Ein bisschen dieser Zeit ist nun in der von üppigen Schnitzereien geprägten Ratsstube zu spüren. Oberbürgermeister Ulrich Mädge hieß die Gruppe am Mittwoch im Rathaus willkommen.

Die in Lüneburg aufgestellte Division hat während des Russlandfeldzugs Kriegsverbrechen begangen. Das ist historisch belegt. Die Truppe hat 1944 Lager eingerichtet, Kranke, Alte, Frauen, Kinder zusammengepfercht – zwischen der herannahenden Rote Armee und der Wehrmacht. Tausende starben.

Mädge wies auf das Forum Erinnerungskultur hin

Schon im vergangenen Jahr war eine Gruppe Überlebender im Rathaus zu Gast. Dieser Besuch und spätere zweifelhafte Äußerungen von Bürgermeister Gerhard Scharf gegenüber einem rechtsextremen Video-Blogger haben eine Debatte vorangetrieben, wie Lüneburg mit diesem Teil seiner Geschichte umgehen soll. Darauf ging Mädge ein. Er bedankte sich ausdrücklich bei Mitgliedern der VVN, dass „Sie uns in diese Diskussion geführt haben“. Man stelle sich den Fragen, führe die Debatte weiter.

Es habe Massaker in Weißrussland gegeben: „Die Soldaten, die daran beteiligt waren, waren in Lüneburg stationiert, und damit ist Lüneburg mit den Gräueltaten verbunden.“ Mädge wies auf das Forum Erinnerungskultur hin, das die Zeit des Nationalsozialismus und die Wahrnehmung nach dem Zweiten Weltkrieg aufarbeiten soll.

Heute lebt die vierte Generation nach dem Krieg

In Richtung der Gäste Andreyeu Branislau, Viktar Draznik, Ala Osipava, Klaudziya Staraverava und Tatsiana Kireishyna sagte er: „Es ist wichtig, dass wir uns damit auseinandersetzen. Auch auf Grundlage Ihrer Erfahrungen, auf Grundlage einer wissenschaftlichen Aufarbeitung – mit dem Ergebnis, dass so etwas nie wieder passieren darf.“ Dafür trügen die Nachkriegsgenerationen Verantwortung. Es dürfe kein Aufrechnen geben: „Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind nicht hinnehmbar, egal, wo und wann sie passiert sind.“ Dann fand er Worte, die nichts ungeschehen machen, aber trösten: „Ich bitte Sie um Verzeihung.“

Die Gruppe aus Weißrussland ist knapp eine Woche in Lüneburg zu Gast, vorher war sie in Duderstadt. Begleitet werden die Senioren von Natalia Gerhard und Helga Chrpa, die ehrenamtlich für das Maximilian-Kolbe-Werk arbeiten, das „Hilfe für die Überlebenden der Konzentrationslager und Ghettos“ leistet.

Natalia Gerhard übersetzte die Rede von Ala Osipava: „Das deutsche Volk ist nicht schuldig, es waren Ihre Eltern, die dafür verantwortlich waren. Heute lebt die vierte Generation nach dem Krieg. Wir sind dankbar, dass wir eingeladen wurden, unser Aufenthalt ist so herzlich.“ Ihre Hoffnung: „Es wird Frieden bleiben. Für immer.“ Die Weißrussin und Mädge umarmten sich, ohne Pathos. Dankbar. Ein weiterer Schritt des Ausgleichs.

Von Carlo Eggeling