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Die Brücke am Stint ist abends als Straße kaum mehr zu nutzen: Dutzende junge Leute bringen Getränke mit und sitzen bis in die Nacht draußen. Das bekannte Phänomen nennt sich cornern, von an der Ecke sitzen, oder in Lüneburg bridgen. (Foto: A/t&w)
Die Brücke am Stint ist abends als Straße kaum mehr zu nutzen: Dutzende junge Leute bringen Getränke mit und sitzen bis in die Nacht draußen. Das bekannte Phänomen nennt sich cornern, von an der Ecke sitzen, oder in Lüneburg bridgen. (Foto: A/t&w)

Aus für Lüneburgs lau(t)e Sommernächte?

Lüneburg. Die lauen Sommerabende freuen nicht jeden, Innenstadt-Anwohner klagen über laute Nächte und das so massiv, dass die Stadt Konsequenzen ankündigt.  „Uns liegen viele Beschwerden über Lärmbelästigungen nach 22 Uhr vor“, sagt Joachim Bodendieck, Leiter des Bereichs Ordnung. Oft hielten sich Gastwirte nicht an die Nachtruhe, sondern ließen den Betrieb im Außenbereich weiterlaufen.

Nun sollen Kollegen aus dem Amt quasi auf Streife gehen. „Unsere Mitarbeiter werden stichprobenartig unangekündigte Kontrollen durchführen und Verstöße dokumentieren.“ So könnten gezielt Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen die betroffenen Wirte eingeleitet werden. Es geht um  Obere Schrangenstraße, Schrangenplatz, Schröderstraße, Rackerstraße, Gummastraße, Bereich Lüner Straße/Rotehahnstraße/Im Wendischen Dorfe. Wenige Beschwerden gibt es vom Stintmarkt. Meist geht es um die Zeit freitags und samstags von 22 bis 1 Uhr.

Es muss ein Miteinander geben

Bei Wirten stößt das auf wenig Gegenliebe. Stefan Wabnitz, der sein Lokal an der Rackerstraße betreibt: „Ich habe Verständnis für die Anlieger, aber es ist durch Hitze ein besonderer Sommer. Die Leute gehen später los, meist erst nach 20 Uhr.“ Der Umsatz, der am Nachmittag fehle, werde am Abend erwirtschaftet. Auch müsse man sehen, dass viele an der Ilmenau von der Gastronomie lebten. Es müsse ein Miteinander von Geschäftsleuten und Nachbarn geben: „Natürlich gehen wir zu Gästen, wenn es zu laut wird. Die engen Straßen sind  aber wie ein Geigenkasten: Wenn sich da Leute unterhalten und lachen, schallt es.“

Felice Di Pietrantonio betreibt ein Stück weiter eine Bar. Die Gäste sitzen oft auf einer Bank am Haus. „Klar, ist es manchmal etwas lauter. Ich kann Nachbarn verstehen, die sich gestört fühlen.“ Doch was solle er machen? Es randaliere niemand.

Im Sommer mehr Einsätze

Polizeisprecher Kai Richter bilanziert: „Wir haben im Sommer generell mehr Einsätze und in diesem besonders.“ Lägen Beschwerden vor, komme eine Streife, im Zweifel werde im Nachgang die Stadt informiert: „Die ist als Ordnungsbehörde zuständig.“ Richter sagt aber auch: „Es geht um Einzelfälle.“

Doch nicht nur vor Lokalen ist  es lauter. Bodendieck: „Wenn es um öffentliche Plätze geht, die Verursacher des Lärms also keinem Gastwirt zuzuordnen sind, ist es schwierig. Wir können anregen, dass der Bereich Umwelt Lärmmessungen und Lärmberechnungen durchführt. Aber es müssen dann auch die Verursacher des Lärms ermittelt werden, und das geht nur zusammen mit der Polizei.“

Analyse

Wem gehört die Stadt?

Der heiße Sommer wirkt wie ein Brennglas: Im Fokus das Leben in der Stadt, das hat zwei Seiten: Da sind die vielen Kneipen, die im Sommer das Lokal auf die Straße verlegen. Bei molligen Temperaturen und linder Luft will jeder draußen sitzen. Das ist auch von der Politik gewollt. Einheimische und Gäste bescheren der Gastronomie ein gutes Geschäft, der Stadt Steuereinnahmen. Gleichzeitig soll es über den Geschäften und Restaurants keinen Leerstand geben – Menschen haben hier ein Zuhause. Offensichtlich beißt sich das immer öfter. Das erklärt die Kontrollansage aus dem Rathaus.

Ordnungsamtsleiter Joachim Bodendieck erklärt, was stört: „Anwohner beklagen sich über lautes Reden, Feiern, manchmal auch Musik und Gegröle.“ Nun sollen seine Kollegen bei einem „ersten Durchgang Fakten aufnehmen und den Zustand dokumentieren. Kommt es zu einem Verstoß, werden Wirte an die Bestimmungen der Sondernutzungserlaubnis und die gesetzliche Nachtruhe erinnert. Bei wiederholten Verstößen werden Bußgeldverfahren eingeleitet.“

Wirte nicht immer verantwortlich

Klare Kante. Eigentlich. Denn die Wirte sind ja gar nicht immer verantwortlich. Wer feiern will, deckt sich in Supermärkten, Tankstellen und Kiosken ein, um dann etwa auf der Stint-Brücke oder am Kreidebergsee zu sitzen und zu trinken. Gern mit Musik. Da greift die Stadt ins Leere, Bodendieck: „Wenn Waren nicht zum Verzehr an Ort und Stelle angeboten werden, hat der Bereich Ordnung wenig Möglichkeiten, da Kioske nicht unter das Gaststättenrecht fallen.“

Im vergangenen Winter gab es Streit um den Weihnachtsmarkt am Alten Kran. Anwohner sagten, sie haben genug von Nachtschwärmern, Touristengruppen und Filmaufnahmen für die Roten Rosen zu erdulden. Der Markt sei zu viel. Die Argumentation von Oberbürgermeister Mädge und der Verwaltung knapp zusammengefasst: Wer in der Stadt lebt, lebt eben auch mit dem Leben in der Stadt. Dafür gab es viel Zustimmung in den sozialen Netzwerken – von denen, die irgendwo anders wohnen. Und sich in Landgemeinden über Bauern und ihre Trecker beklagen oder angeblich zu viel Verkehr in ihren Wohngebieten beklagen. Eine Standortfrage.

Kaum Probleme mit Nachbarn

Manni Vogt, seit dreieinhalb Jahrzehnten Wirt im Schallander am Stintmarkt, sagt: „Gerade bei den Temperaturen sitzen die Gäste länger als 22 Uhr. Das war bisher ein geduldeter Zustand.“ Seine Kollegen und er, die Restaurants betreiben, hätten kaum Probleme mit Nachbarn. „Wir sprechen miteinander.“ Anders schaut es mit Nachtlokalen aus – vor allem mit einem: Saufen bis in den Morgen, Schlägereien. Das ist noch morgens um acht zu beobachten.

Der Sommer geht, der Konflikt bleibt. Wem gehört die Stadt? Denen, die nachts schlafen wollen? Denen, die Geld verdienen? Denen, die in ihr vermeintliches Wohnzimmer kommen? Vor 20 Jahren gab es zwei Kneipenmeilen samt Sperrstunde, heute dehnt sich die Gastronomie über die Innenstadt aus. Es gab einmal einen Weihnachtsmarkt, jetzt eine Handvoll. Die Zahl der Besucher wächst, es gibt immer mehr Privatquartiere. Es wird nicht nur mit Einsicht gehen. Hier sind Politik, Wirtschaft und Stadtmarketing gefragt, Lösungen zu enwickeln. Es ist realistischer, das Menschen bis 23 Uhr vor Lokalen sitzen. Partys nach Mitternacht passen nicht.

Von Carlo Eggeling

5 Kommentare

  1. Zitat:

    „Felice Di Pietrantonio betreibt ein Stück weiter eine Bar. Die Gäste sitzen oft auf einer Bank am Haus. „Klar, ist es manchmal etwas lauter. Ich kann Nachbarn verstehen, die sich gestört fühlen.“ Doch was solle er machen?“

    Hat er diese Bank nicht ohne Genemigung auf öffentlichen Grund montiert? Ging doch damals auch durch die Lüneburger Presse.

    Ich habe da einen Tipp für Herrn Di Pietrantonio: Einfach die illegal aufgestellte Bank wieder entfernen! So einfach kann das mit dem Miteinander sein.

    • Jürgen
      das hemd ist näher als die hose. wenn es sehr warm ist , wollen menschen schon mal bei offenen fenstern schlafen, nicht jeder wirt scheint das zu wissen. schmunzeln.

  2. In einer Stadt, die in der Statistik in den Top10 bezüglich der Kneipendichte liegt, muss man sich auch darüber klar sein, das es in der Stadt etwas lauter werden kann. Ansonsten sollte man nicht in die Innenstadt ziehen.

    Die Kneipenkultur die Lüneburg einmal hatte ist schon stark genug geschrumpft. Wenigstens hier sollte von Seiten der Stadt nichts unternommen werden, sondern den Gästen der Genuß Ihrer Getränke auch draußen gestattet sein, insbesondere am Wochenende. Die ständige Beschneidung des Vergnügens in Lüneburg ist auch schädlich für den Tourismus, von dem viele in der Stadt leben. Wenn den Inhabern der Gastronomie diese Einnahmen quasi weggenommen werden, muss sich keiner wundern, wenn das Angebot kleiner wird, weil die Läden schließen müssen.

    • Auf dem Foto sind nun aber junge Menschen beim Cornern abgebildet. Das geht den Gastwirten auch gegen den Strich. Es werden alkoholische Getränke mitgebracht und man setzt sich irgendwo auf die Straße und feiert. Das hat mit Kneipenkultur nun überhaupt nichts zu tun. Ist aus meiner sich auch schädlich für den Tourismus.
      Ja, warum soll es den Kneipen besser gehen als dem normalen Einzelhandel. Die Innenstadt verödet auch immer mehr. Das fördert den Tourismus auch nicht. „Rote Rosen“ sind auf Dauer auch kein Magnet. Und diese Touristen sind auch nicht die, die durch lautstarkes Feiern auffallen.

  3. Ich wohne am Stadtrand, also relativ ruhig. Wenn ich in die Stadt gehe und es ist warm, freue ich mich draußen zu sitzen. Zu späterer Stunde ist es für mich selbstverständlich, mich nur noch leise zu unterhalten, so wie ich das auf meiner privaten Terrasse übrigens auch tue, um die Nachbarn nicht zu stören. Was verloren gegangen ist, ist die gegenseitige Rücksichtnahme. Wenn wir uns darauf zurückbesinnen, kann man auch über oder neben einem Restaurant/ Gaststätte wohnen. Im übrigen finde ich es völlig unangemessen, dem Problem mit dem Hinweis “ Ansonsten sollte man nicht in die Innenstadt ziehen“ zubegenen. Klar, man weiß wenn man in der Innenstadt wohnt ist es lauter (oder anders Laut) als in ländlichen Gegenden. Das heißt aber nicht, dass man automatisch lautstarkes Reden, Lachen und Grölen bis in die Morgenstunden ertragen muss.