Dienstag , 25. September 2018
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Nach rund zwei Stunden Fahrt mit Auto und Bus kommt Achtklässlerin Helene endlich im Klassenraum in Bleckede an. Foto: t&w

Die ganz große Tour

Vockfey/Bleckede. „Keine Motivation“, „frustrierend“, „nur noch Stress“. Normalerweise kommen solche Worte aus dem Mund von Berufspendlern. An diesem Morgen sin d es die ausgesprochenen Gedanken von zehn und 13 Jahre alten Kindern aus der Gemeinde Amt Neuhaus. Ihr Schulweg ist dauert derzeit fast zwei Stunden, sodass sie nach Zeit und Kilometern locker mit Berufspendlern zwischen Lüneburg und Hamburg mithalten können.

Auslöser ist der Ausfall der Elbfähren im Landkreis Lüneburg, wegen extremen Niedrigwassers. Die Folgen für 139 Schüler: Sie sitzen pro Tag drei bis vier Stunden in Autos und Bussen. Die LZ hat gestern früh eine fast zweistündige Hin-Tour zum Schulzentrum Bleckede begleitet.

Der Nachthimmel über dem Neuhäuser Ortsteil Vockfey ist wolkenverhangen. Auf der Hofstelle der Familie Niederhoff spendet eine einsame Außenlampe Licht. Landwirtschaftsmeister Marko Niederhoff verpackt draußen gerade das Stroh, das er am Vorabend vom Feld geholt hat. „Normalerweise stehe ich nicht so früh auf“, sagt der Familienvater. Aber seine Tochter. Es ist fünf Uhr morgens. Drinnen: Im Zimmer von Helene (13) klingelt der Wecker. Nur noch drei Stunden bis Schulbeginn. Die Zeit läuft.

5.25 Uhr

Die 13-Jährige sitzt mit leerem Blick am Küchentisch und beißt in eine halbe Scheibe Honigtoast, dazu eine Tasse Milch. Mehr lässt der Appetit um diese Uhrzeit nicht zu. Mutter Ina Niederhoff sitzt daneben und räumt ein: „Ich bin auch noch nicht ganz wach.“ Helene nutzt die verbliebenen fünf Minuten zwischen Zähneputzen und Abfahrt, um noch einmal Hofkater Kurt zu knuddeln und Pferd Max zu streicheln. Sie umarmt ihre Mutter und ab in den dunkelblauen Golf des Vaters.

5.55 Uhr

Abfahrt ins benachbarte Dorf Stapel. Helene: „Ich könnte für die erste Strecke auch die Kleinbusse von Go-Trans nutzen, bloß dann würde es für mich noch stressiger.“ An der Bushaltestelle Stapel II stehen bereits sechs andere Schüler. Darunter Helenes Klassenkamerad Tom (13) aus Stapel. Und Johann (10), der vor den Sommerferien noch die Grundschule in Neuhaus besuchte. Er sagt: „Da hatte ich nur fünf Minuten bis zur Schule.“ Jetzt sind es fast zwei Stunden, pro Weg. Alle warten auf den Bus der Verkehrsbetriebe Ludwigslust-Parchim (VLP), der als Ersatz für die ausgefallenen Fähren über die Dörfer tingelt.

6.10 Uhr

In Kaarßen, Stixe und Zeetze hat der VLP-Bus ein gutes Dutzend Schüler eingesammelt, bevor er die Haltestelle Stapel II erreicht. In Carrenzien, Darchau und Haar steigen weitere 24 Schüler hinzu. Und während der VLP-Bus die Dörfertour im Oberamt macht, steht ein zweiter Bus der Kraftverkehrsgesellschaft (KVG) aus Lüneburg am ZOB Neuhaus bereit, ebenfalls mit dem Ziel Bleckede. Doch der sammelt die Schüler nicht ein, der lässt kommen: Immer wieder fahren private Pkw vor, Eltern laden ihre Kinder am KVG-Bus ab. Parallel eilen Kleinbusse des Taxiunternehmens Go-Trans herbei, die weitere Schüler im nordwestlichen Teil der Gemeinde Amt Neuhaus abgeholt haben.

6.28 Uhr

Der KVG-Bus verlässt Neuhaus in Richtung Boizenburg. Eine Minute später trifft der VLP-Bus in Neuhaus ein, nimmt die letzten vier Schüler auf und folgt dem ersten Bus auf der verbleibenden Strecke bis zum nächsten Zwischenstopp Hohnstorf/Elbe.

6.51 Uhr

Es geht durchs Dreiländereck. Der VLP-Bus passiert zunächst das Ortsschild von Boizenburg, die westlichste Stadt Mecklenburgs. Die lila-orange-gesprenkelten Sitze im VLP-Bus sehen nach frühen 90iger-Jahren aus. Im hinteren Bereich sitzen ältere Schüler, die die Berufsbildenden Schulen in Lüneburg besuchen. Im mittleren Bereich führen ein paar Schülerinnen aufgeregte Unterhaltungen. Das meiste wird von den Fahrgeräuschen des Busses verschluckt. Nur Gesprächsfetzen dringen in das vordere Drittel des Sitzbereiches herüber, wo es sich Helene bequem gemacht hat und sich mit ihren Schulfreundinnen Hanna und Annabell (beide 13) unterhält. Die Sitzreihen um sie herum sind meist nur einzeln besetzt. Ein Junge, mit blauen Ohrstöpseln, hört Musik und nickt dabei ein, wie manch anderer auch. Ein Mädchen, fünf Reihen vor ihm, hat sich gleich zum Schlafen auf den Sitz gelegt. Andere starren wortlos aus den Busfenstern.

„Boizenburg erkenne ich schon“, sagt Tom (13) aus Stapel und rückt seine Brille zurecht. Sein üblicher Schulweg nach Bleckede führt sonst in der entgegengesetzten Richtung über die Fähre Tanja bei Neu Darchau und dauert unter normalen Umständen nicht mal halb so lang. Der 13-Jährige hat sich auch schon mit der Diskussion um die Elbbrücke beschäftigt. Er sagt: „Wenn die die Brücke bauen würden, würde das für uns nichts bringen. Aber für die, die nach uns kommen.“

6.55 Uhr

„Die nächste Haltestelle ist Hohnstorf“, erklingt eine automatische Ansage. Das ist aber geprahlt. Der Bus lässt Boizenburg gerade hinter sich und steuert auf das schleswig-holsteinische Lauenburg zu. Helene tippt auf ihrem Smartphone. Gerade hat sie wieder Empfang. Sie verabredet sich über eine WhatsApp-Gruppe zum Kreisfeuerwehrtag am Sonnabend in Stapel. Sie sagt: „Papa ist in der Feuerwehr. Wir sind froh, wenn irgendwo was los ist, dann gehen wir da auch hin.“ Sonst sind wegen der langen Busfahrten die Freizeitmöglichkeiten unter der Woche gerade stark eingeschränkt. Helene sagt: „Es ist schon sehr frustrierend. Vom Tag bleibt nicht mehr viel übrig. Wenn ich nach der sechsten Stunde Schulschluss habe, komme ich nachmittags nach 15.30 Uhr nach Hause. Dann esse ich, mache eine kurze Pause, dann Hausaufgaben. Und dann kann ich eigentlich schon wieder zu Bett gehen, weil ich am nächsten wieder früh aufstehen muss.“ Hobbies müssen da zurückstehen.

7.10 Uhr

Der VLP-Bus fährt wieder auf niedersächsischem Boden und erreicht die Schule in Hohnstorf/Elbe. Die älteren BBS-Schüler steigen aus und warten rund 20 Minuten auf ihren Anschlussbus nach Lüneburg. Der wird planmäßig um 8.13 Uhr am Lüneburger ZOB ankommen, nach Unterrichtsbeginn. Helene und ihre Schulkameraden bleiben im VLP-Bus sitzen. Die Tour geht weiter, rund 17 Kilometer nonstopp über die Dörfer wie Jürgenstorf und Karze in Richtung Bleckede.

7.28 Uhr

Die Stadtgrenze der Elbestadt zeichnet sich ab. Der zehnjährige Johann blickt zusehends müder aus dem Fenster. „Ach“, sagt er und fügt lakonisch an, „die Motivation für die Schule ist jetzt nicht mehr so groß nach so einer langen Busfahrt. Das ist ja schon Stress.“ Johann, Tom und Helene werden zirka um 7.45 Uhr in ihren Klassenräumen ankommen. Fast zwei Stunden, nachdem sie von zu Hause aus aufgebrochen sind. Dabei passieren sie in der Aula ein großes Transparent. Darauf steht: „Es lebe um die Elbe rum, das Bleckeder Gymnasium.“

Die zweite große Elberundfahrt bei der Rücktour am Nachmittag droht noch anstrengender zu werden. Oft müssten viele Schüler stehen, weil der Bus dann übervoll sei, sagen Schüler. Eltern berichten von weinenden Kindern, meist Fünftklässlern, die die Anstrengungen nicht ertragen. Der Notfahrplan über Lauenburg für die insgesamt 139 Schüler wird auf unbestimmte Zeit gelten.

Von Dennis Thomas

Reaktion

Landkreis stockt Busangebot auf

Zuständig für den Schülertransport ist der Kreis Lüneburg. Der reagiert nun auf Kritik von Eltern und Kindern, will vor allem die Rücktouren verbessern. Zu dem Vorhalt, dass Kinder in den Bussen oft stehen müssten, sagt Kreissprecherin Ute Modlich: „Generell ist es zulässig, aber bestimmt nicht wünschenswert.“ Prüfungen hätten ergeben, dass „die Plätze nicht immer optimal genutzt werden: Sitze wurden beispielsweise durch Schulranzen und andere Gegenstände blockiert.“ Und: „Nachdem die Plätze freigeräumt wurden, waren am Ende sogar noch einige Plätze unbesetzt.“ Gleichwohl soll es nun zu Änderungen kommen. Bislang fährt ein Gelenkbus nach der sechsten Stunde mit zirka 60 Plätzen von Bleckede nach Hohnstorf, dort steigen die Schüler in einen Gelenkbus nach Neuhaus um. „Aktuell plant der Landkreis, innerhalb der nächsten Tage den Bus durchfahren zu lassen. Außerdem wird zeitnah ein zweiter Bus nach der 6. Stunde eingesetzt, der ebenfalls bis nach Neuhaus durchfährt.“ Weitere Überprüfungen des Notfahrplans folgen.

2 Kommentare

  1. Danke, liebe Grüne! Danke, liebe SPD. Dank an alle, die bisher so erfolgreich gegen eine Brücke taktierten.

    Dieselben parteipolitischen Bürgervertreter und Wahlbeamte planen seit zwei Jahren hauptberuflich eine Multi-Funktionshalle im Lüneburger Gewerbegebiet. Nur mal zu den Prioritäten der gewählten Vertreter, an die man sich als Wähler auch einmal VOR einer Kommunal- und Landtagswahl erinnern darf, als nur immer die netten Rosen und Sonnenblumen entgegenzunehmen bei der nächsten Senioren-Bus-Tour.

    Was sagt der Nachhaltigkeitsbeauftragte des Landkreises Lüneburg?
    Betretenes Schweigen.

    • Michael Recha
      mit kinder ist gut stimmung machen, oder? eh die brücke fertig ist, sind ca 20 jahre ins land gegangen. was dann in neuhaus los ist , weiß keiner. die brücke ist überflüssig.