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„Deutschland spricht“ - auch in der Schröderstraße. Meist klönt man mit denen, die man kennt. Wer mal mit jemandem reden möchte, der völlig anders denkt, kann bei der Aktion mitmachen. Foto: t&w

Liebe, Last und Schwiegertöchter

Lüneburg. Die Aktion „Deutschland spricht“ geht auf die Zielgerade. Noch bis Freitag kann man sich anmelden, um am 23. September jemanden zum Zwiegespräch zu tr effen, der politisch völlig anders denkt. Gesprochen, gestritten und diskutiert wird auch jetzt schon in Stadt und Landkreis Lüneburg. Zu Hause. In Cafés. Und Kneipen. Worüber? Die LZ-Redakteurinnen Elena Gulli und Anna Sprockhoff haben sich in den Lokalitäten der Stadt und auf dem Land mal umgehört.

Lüneburg, einer der vielen warmen Abende in diesem Jahr. Es ist kurz vor 17 Uhr, alle Außen-Sitzplätze des Cafés sind besetzt. Eine Seniorin im roten Kleid schlürft an ihrem Aperol-Spritz und erzählt einer Männer-Gruppe am Nebentisch von ihrer Zeit im Ausland. Schön sei es da gewesen, sagt sie, sehr schön sogar. „Aber auch hier in Lüneburg ist es sehr schön, fast wie im Urlaub.“

Urlaubserinnerung ist kein Anlass zum Schwärmen

Der junge Mann am Nebentisch war anscheinend auch gerade im Urlaub. Italien. Doch für ihn ist das an diesem Abend kein Anlass zum Schwärmen, er ist betroffen vom Absturz der Brücke bei Genua. „Wenn Du dran bist, bist Du eben dran“, sagt er. „Es kann Dir auch eine Lawine auf dem Kopf fallen.“ Er schaut ernst. „Die deutschen Brücken sind auch nicht besser, sie sind alle marode und die staatlichen Autobahnen sind alle Schrott.“

Ein paar Tage später in einem Café auf dem Land. Es ist nachmittags kurz nach drei. An einem Tisch sitzen fünf ältere Damen zum Klönen, eins ihrer ersten Themen: die unerwartete Hochzeit der Tochter einer Bekannten. „Das ging ja recht flott“, sagt die eine. Die anderen nicken. Ob eine von ihnen den Mann genauer kennt? Kollektives Kopfschütteln. Dann übertönt für einen Moment das Dröhnen der Kaffeemühle das Gespräch. Danach geht es ums eigene Liebesleben und die Frage: Im Alter nochmal ein Neuer? Eine ihrer Bekannten hat‘s vor Kurzem gewagt. „Ob ich das nochmal könnte…?“ Die Dame schaut in die Runde. Schulterzucken. Themenwechsel.

In Lüneburg ist das Brücken-Thema inzwischen abgeschlossen. Ein weiterer Freund ist dazugestoßen, er sieht ziemlich erschöpft aus und bestellt gleich eine Runde Bier für alle. Das Thema, das ihn beschäftigt, ist die Arbeit. „Sowas von anstrengend heute“, seufzt er, „an so ‘nem Tag hat man echt keine Lust mehr zu arbeiten.“ Er schüttelt den Kopf, trinkt sein Bier und schweigt. Das Gespräch geht ohne ihn weiter.

„Jedes Kind ist nun mal anders“

In dem Dorf-Café hat sich inzwischen eine zweite Damengruppe Kaffee und Kuchen bestellt. Geschätztes Alter: zwischen 70 und 85. Sie reden alle wild durcheinander. Die eine erzählt von den Beeren, die sie am Morgen noch schnell am Feldrand gepflückt hat, bevor sie verkommen. Die andere berichtet von der rästelhaften Krankheit einer Freundin. „Vielleicht Borreliose“, sagt sie. Und das dritte Gespräch am Tisch dreht sich ganz um die Kinder einer Freundin. „Jedes Kind ist nun mal anders“, sagt die ältere Dame. Dann schweigt sie einen Moment, um das Thema gleich wieder aufzugreifen. „Manchmal kommen da ja spezielle Mischungen bei raus, auch mal schwarze Schafe.“ Ihre Sitznachbarin nickt betreten. „Da hast du vollkommen recht.“

In der Lüneburger Innenstadt bleibt es unterdessen ernst. Zwei Ehepaare sind zwischen Aperol-Spritz und Weißwein auf die Immobilienkrise gekommen. „Es hat schon wieder nicht geklappt mit dem Haus, das wir kaufen wollten“, sagt eine der Frauen und wirkt spürbar mitgenommen. „Wie kann es sein, dass es so schwer ist?“ Auch am Nebentisch dreht es sich nun um Immobilien. Einer der jüngeren Männer erzählt von seinem Haus, das renoviert werden soll, flucht über seine Probleme mit den Handwerkern: „Es ist heutzutage sehr schwer, zuverlässige und kompetente Handwerker zu finden.“ Er schnauft. „Wenn sie dann kommen, bauen sie nur Mist.“

Das gleiche Thema, aber eine andere Perspektive

Gleiches Thema, andere Perspektive im Dorf-Café. Eine der Damen fragt sich, was mal aus ihrem Haus werden soll. „Die Kinder sind alle weg“, sagt sie, „und bei älteren Häusern sei ja immer was zu tun.“ Eine Bekannte habe ihr Haus vor Kurzem verkauft. Aber was dann? Eine Antwort hat keine der anderen. Dafür ein neues Thema: Schwiegertöchter. „Meine hat Haare auf den Zähnen“, erzählt die eine, „da hat mein Sohn das mit dem Wäschewaschen ganz schnell gelernt.“ Die anderen lachen und rätseln weiter, warum eigentlich wer wie handelt, ob man das eigentlich verstehen könne oder müsse. Am Ende einigen sie sich darauf: „Jeder Mensch ist nun mal verschieden.“ Und: „Schön, dass man sich immer mal wieder zum Klönen trifft.“

Anmeldungen für „Deutschland spricht“ sind noch bis Freitag, 31. August, hier möglich

Von Elena Gulli und Anna Sprockhoff

Hintergrund

Sieben Fragen sind die Basis

Bei der Anmeldung für „Deutschland spricht“ muss jeder zunächst sieben Fragen beantworten. Sie sind die Basis, um einen Gesprächspartner in der Nähe zu finden. Das sind die Fragen:
▶ Sollte Deutschland seine Grenzen strikter kontrollieren?
▶ Haben die #Metoo-Debatte und die Diskussion um sexuelle Belästigung etwas Positives bewirkt?
▶ Sollte Fleisch stärker besteuert werden, um den Konsum zu reduzieren?
▶ Sollten deutsche Innenstädte autofrei werden?
▶ Können Muslime und Nicht-Muslime in Deutschland gut zusammenleben?
▶ Geht es den Deutschen heute schlechter als vor zehn Jahren?
▶ Ist Donald Trump gut für die USA?

Lüneburg spricht sich aus