Aktuell
Home | Lokales | Bardowick | Der Saubermann
Bis zur Decke reicht der Erdhaufen: Es handelt sich um sogenannte Bohrschlämme, die in Bardowick von Michael Fitzner und seinen Kollegen behandelt werden. Foto: kre

Der Saubermann

Bardowick. Es ist die Kehrseite der industriellen Entwicklung: Wo über Jahrzehnte Industrieanlagen oder alte Tankstellen standen, Hausmülldeponien verfüllt wur den oder das Militär geübt hat, befindet sich der Grund und Boden meist in einem üblen Zustand. Verunreinigt und verseucht durch allerlei chemische Cocktails. Schmierig, klebrig, nicht selten stinkend – fast immer aber umwelt- und im schlimmsten Fall sogar gesundheitsgefährdend: Doch genau solche kontaminierten Böden sind ein Fall für Michael Fitzner und seine Kollegen. Der Diplom-Ingenieur ist Niederlassungsleiter bei der Firma Umweltschutz Nord, die eine Dependance auch auf dem weitläufigen GfA-Gelände in Bardowick betreibt. Sechs große Zelthallen und ein Bürogebäude stehen hier. Viel mehr braucht es nämlich nicht, um kontaminierte Böden zu reinigen. Wie das funktioniert, welche Verfahren dafür notwendig sind und was mit den gereinigten Böden später passiert, das erklären Fitzner und sein Kollege Dieter Fischer der LZ bei einem Ortstermin.

Gerade hat wieder ein Lkw Boden angeliefert. Material von einer Sanierungsfläche. Sand und Mutterboden, durchsetzt mit Lehmbrocken und Bauschutt. „Das grobe Material wird erst einmal sortiert“, erklärt Fitzner, sogenannte Störstoffe aussortiert. „Das aussortierte Metall, aber auch die gebrochenen Ziegelsteine gehen auch wieder ganz im Sinne einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft in die Wiederverwertung“, berichten Fischer und Fitzner.

Jährlich bis zu 80.000 Tonnen saniert

Die Firma Zech Umwelt ist nach eigener Aussage Marktführer bei der Bodensanierung – die Anfänge reichen zurück bis in die 1980er Jahre. „Damals haben wir unsere Zelte noch bei den Kunden aufgebaut, die Bodensanierung vor Ort durchgeführt“, erinnert sich Mikrobiologe Dieter Fischer, heute Projektleiter bei der Umweltschutz Nord, ein Tochterunternehmen der Zech Umwelt. Bis zu zwei Jahre kann so ein Verfahren dauern.

Viel zu lange für heutige Investoren. „Wenn eine Industriebrache einen neuen Besitzer gefunden hat, will der die auch möglichst schnell wieder vermarkten oder selbst nutzen können“, weiß Dieter Fischer. Deshalb ist man dazu übergangen, den belasteten gegen unbelasteten Boden auszutauschen. „Alles natürlich in Absprache mit den Behörden und externen Gutachtern“, betonen Fischer und Fitzner.

Myriaden von kleinen Helfern

Dazu wird ein Sanierungsplan erstellt, der die Aufgaben genau beschreibt. Von der Art der Verunreinigung über technische und organisatorische Schutzmaßnahmen bis hin zur Regelung des Ausbaus und der Belastung des Materials. Die eigentliche Reinigungsarbeit findet dann auf einem Betriebsgelände der Umweltschutz Nord statt – beispielsweise in Bardowick. Bis zu 120 000 Tonnen kontaminierter Böden dürfen hier jährlich bearbeitet werden. „Tatsächlich sind es aber nur etwa 80 000 Tonnen, die wir hier biologisch sanieren“, erklärt Diplom-Ingenieur Michael Fitzner.

Damit ist das Werk in Bardowick ein vergleichsweise kleiner Standort im Verbund der Umweltschutz Nord, die es in all ihren Standorten auf einen Jahresumschlag von bis zu drei Millionen Tonnen bringt.

So ein Verfahren kann mehrere Monate dauern

Um die Schadstoffe aus dem Boden zu holen, gibt es mehrere Verfahren: „Die biologische Bodenreinigung, das Bodenwaschverfahren, oder eben auch die thermische Behandlung“, listet Dieter Fischer auf. Und extrem kontaminierte Böden, die radioaktiv oder mit dem Seveso-Gift Dioxin verseucht sind, werden gleich endgelagert. Gut eingepackt auf speziellen Deponien oder unter Tage.

In Bardowick findet die mikrobiologische Dekontaminierung belasteter Böden statt – mit hilfe von Myriaden kleiner Helfer: Bakterien, die Mineralölkohlenwasserstoffe (MKW), Aromatische Kohlenwasserstoffe und auch Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) aufbrechen und letztlich verdauen. „Unsere Aufgabe besteht darin, für ein gutes Klima in der Miete zu sorgen, damit sich die Bakterien optimal entwickeln können“, verdeutlicht Dieter Fischer. Das passiere durch die Zugabe verschiedener Substrate – Rindenmulch etwa, aber auch Frischkompost oder Stroh. „Die Einarbeitung zusätzlicher Nährstoffe sorgt für ein ausgewogenes Kohlenstickstoff-Phosphor-Verhältnis und so für den schnellen und vollständigeren Abbau der organischen Schadstoffe“, ergänzt Michael Fitzner. Je nach Beschaffenheit und Belastung der Böden kann so ein Verfahren schon mal mehrere Monate dauern.

Sanierte Böden für Wohnungsbau tabu

Und was passiert mit den Böden, wenn der mikrobiologische Prozess abgeschlossen ist? „Auch wenn die Belastung durch unser Verfahren drastisch reduziert ist, der Freigabe durch die analytische Beprobung durch ein externes Labor und durch die Behörden nichts mehr im Wege steht, werden unsere sanierten Böden nicht mehr für die Wohnbebauung genutzt“, machen Fischer und Fitzner unmissverständlich deutlich. Aber beispielsweise im Landschaftsbau , etwa bei der Errichtung von Lärmschutzwällen, da ist das Material mehr denn je gefragt.

Von Klaus Reschke

Hintergrund

Noch Arbeit für Jahrzehnte

96.682 altlastenverdächtige Flächen sind in Niedersachsen bekannt: Das reicht von der ehemaligen kleinen Hausmüll-Deponie, die es in früheren Jahrzehnten in fast jedem kleinen und größeren Ort gab, bis hin zu alten Industrie- oder Militär-Arealen. Bestätigt sind 4157 Altlasten, von denen 2 533 bereits saniert sind. Weitere 307 befinden sich zurzeit in der Sanierung.

Eine Arbeit, die Sinn macht, denn täglich werden nahezu 130 Hektar Fläche für Siedlungs- und Verkehrszwecke in Anspruch genommen statt bereits erschlossene, aber vielleicht noch belastete Grundstücke zu revitalisieren. „Aus ökologischer Sicht gehört Flächenrecycling daher die Zukunft“, sagt Dieter Fischer – „denn nur so kann die grüne Wiese auf Dauer grün bleiben.