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Heu und Silage sind knapp, in ganz Europa herrscht Futternot. Auch immer mehr Pferdehalter haben Probleme, ihre Tiere satt zu bekommen. Foto: phs

Die große Futternot

Bavendorf. Normalerweise kämpft Elmar Lesch um Siege. Als Profireiter trat er bei Europameisterschaften an, holte Titel in Deutschland und der Welt, machte sich mit seinem Ausbildungs- und Turnierstall in Bavendorf weit über die Landesgrenzen hinaus einen Namen. Doch all sein Talent, all der Erfolg nutzen ihm aktuell wenig. Denn nach der Dürre der vergangenen Monate ereilt ihn das gleiche Schicksal wie viele Reiter im Land. Er muss nun vor allem um eins kämpfen: Futter für seine Pferde.

Gut 300 Silage- und Heuballen im Jahr. Das ist die übliche Ration, mit der ihn seit fast 20 Jahren ein Landwirt aus der Elbmarsch beliefert. Aktuell steht bei Lesch gerade mal die Hälfte auf dem Hof. „Mehr ist bei der Trockenheit einfach nicht gewachsen“, sagt er. Woher er den Rest nehmen soll? Er blickt mit düsterer Miene zum Himmel und zuckt die Achseln. Noch hofft er, dass genug Regen fällt, sodass auf den Wiesen in den nächsten Wochen Gras für einen zweiten Schnitt wächst. Doch verlassen will er sich darauf nicht. Deshalb hat Lesch begonnen, woanders nach Futter zu suchen. Ein knallhartes Geschäft.

Überforderte Schlachthöfe und explodierende Preise

Heu und Silage ist in diesem Sommer so knapp, dass die ersten Rinderhalter bereits begonnen haben, ihre Tierbestände auszudünnen, Kühe und Rinder deutlich schneller als üblich zum Schlachter zu schicken. Weil auf den Wiesen nichts wächst, muss zugefüttert werden. Heu, das eigentlich für den Winter gedacht war. „In ganz Europa herrscht inzwischen akute Futternot“, sagt Lesch. Die Folgen: teilweise überforderte Schlachthöfe und explodierende Preise. In vielen Teilen des Landes haben sich die Heu- und Silagepreise bereits verdoppelt, zum Teil sogar verdreifacht. Und das ist nur der Anfang, fürchtet zumindest die Tierärzteschaft Lüneburg.

Veterinäre wie die Oerzenerin Urte Inkmann beobachten die aktuelle Entwicklung im Pferdebereich mit zunehmender Sorge. „Wenn das so weiter geht, müssen wir uns wohl darauf einstellen, dass es nicht genug Heu für alle Pferde in der Region gibt“, sagt sie. „Schlimmstenfalls hungern die Tiere.“ Ihr Kollege Stephan Schlawinsky hört inzwischen fast täglich von Pferdehaltern, die verzweifelt nach Futter suchen. Er argwöhnt sogar, dass in einigen Monaten nach den Rindern auch die ersten Pferde früher als üblich zum Schlachter gehen werden. Selbst die Amtsveterinäre beim Landkreis Lüneburg rechnen damit, „dass besonders kleinere Betriebe, die sich sonst selbst mit Grünfutter versorgen können, im Laufe des Winters in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten könnten“.

Was tun? So richtig weiß auf die Frage niemand eine Antwort. Elmar Lesch sucht weiter nach Futter – und grübelt nebenbei über andere Alternativen. Heu lässt sich in Teilen durch Stroh und zusätzliches Mineralfutter ersetzen, außerdem bietet der Pferdefuttermarkt Heu- und Luzernecobs in Säcken an. „Doch jede Futterumstellung ist ein Wagnis“, sagt Lesch, „denn gerade Raufutter ist in der Pferdefütterung das A und O.“

Unterhalt wird auf jeden Fall teuer

Die Tierärzteschaft Lüneburg nimmt die Problematik zum Anlass, um am 28. September in Wietzetze öffentlich über Futternot, Folgen und Alternativen zu informieren. „Auch weil offenbar vielen Pferdehaltern der Ernst der Lage noch nicht wirklich bewusst ist“, sagt Inkmann. Referentin ist die Tierärztin und Expertin für Pferdeernährung, Dr. Anne Mößeler. Sie wird vor allem die Themen behandeln, die Elmar Lesch bereits beschäftigen: Wie viel Heu lässt sich durch Stroh ersetzen? Wie viel Futter braucht ein Pferd überhaupt? Wann sollten Pferdehalte die Fütterung wie am Besten umstellen? Klarstellen wird sie dabei auch, was viele Pferdebesitzer nur ungern hören werden. Und was auch Lesch denen sagen muss, die ihre Pferde in seinem Stall ausbilden lassen: Der Unterhalt der Pferde wird auf jeden Fall teurer.
Die Veranstaltung der Tierärzteschaft beginnt am Freitag, 28. September, um 18 Uhr bei Pferdeschulze in Wietzetze, Kandesstraße 8 in 29456 Hitzacker.

Von Anna Sprockhoff

Hintergrund

Letzter Ausweg Schlachter?

Heu und Silage sind knapp und werden fast täglich teurer. „Aus wirtschaftlichen Gründen denken sicherlich einige Halter über die Schlachtung von Rindern oder Pferden nach“, sagt Kreissprecherin Katrin Holzmann. Generell dürften Tiere aber nur dann eingeschläfert oder geschlachtet werden, wenn es einen triftigen Grund gibt, der die Tötung rechtfertigt. Wirtschaftliche Gründe zählten nicht dazu. Wer dagegen verstößt, begehe eine Straftat und müsse mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren rechnen.

Ein Grund für die Tötung kann laut Holzmann die Lebensmittelgewinnung sein. Bei Pferden wird in einem Pass festgelegt, ob das Tier zur Schlachtung bestimmt ist. Der Eintrag „zur Schlachtung vorgesehen“ kann geändert werden. Umgekehrt ist dies nicht möglich, weil das Tier schon Medikamente erhalten haben kann, die für Schlachttiere nicht zulässig sind.