Aktuell
Home | Lokales | „Es kommt auf die Köpfe an“
Jutta Weingarten leitet das Fritz-Reuter-Gymnasium in Dannenberg, sie sieht ihre Schule auf einem guten Weg. (Foto: t&w)

„Es kommt auf die Köpfe an“

Lüneburg. Fachkräftemangel, Digitalisierung und ein Milliarden-Bußgeld, das nicht unbedingt den Schulen zugutekommen soll: Viele Themen werden derzeit in der hiesigen Bildungslandschaft diskutiert. An der Leuphana Universität tagten 200 Schulleiter aus ganz Niedersachsen. Neben aktuellen Themen ging es um die Frage, wie sie den Unterricht und das Lernen an ihrer Schule positiv verändern können. Die LZ hat am Rande der Fortbildung mit Jutta Weingarten, Schulleiterin des Fritz-Reuter-Gymnasiums in Dannenberg, Dr. Katrin Basold vom Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung, kurz NLQ, und Prof. Dr. Marc Kleinknecht vom Institut für Bildungswissenschaft gesprochen.

Frau Weingarten, wie leicht oder schwer ist es, im Raum Dannenberg Personal zu finden? Sollte es so etwas wie Landarztquote auch für Lehrer geben?

Jutta Weingarten: Wir haben kein Problem, weil wir eine Ausbildungsschule sind. Unsere Referendare wollen häufig auch bleiben. Das fachspezifische Problem trifft uns eher: Lehrer zu finden, die Physik oder Musik unterrichten, ist schwer. Das sind aber in ganz Niedersachsen Mangelfächer. Eine Quote bräuchte nicht, dafür aber Ausbildungen an allen Standorten. Der Knebeleffekt zieht: Jemand, der sich an seiner Ausbildungsschule wohlfühlt, möchte nicht unbedingt in eine größere Stadt wie Lüneburg oder Hamburg.

Der „Masterplan Digitalisierung“ sieht unter anderem vor, dass jeder Schüler im Unterricht über ein Smartphone und ein Tablet verfügen soll. Die Kosten sollen die Eltern übernehmen. Wie kommt das an den Schulen an?

Weingarten: Der Arbeit mit Tablets stehen wir positiv gegenüber, der Forderung, dass Eltern das bezahlen sollen, nicht. Bildungsgerechtigkeit ist ein sehr wichtiges Thema für uns, Dannenberg ist eine eher einkommensschwache Region. Für manches Elternteil ist die Anschaffung solcher Geräte also eine große Investition. Wir sollten nicht daran rütteln, dass der kommunale Schulträger dafür verantwortlich ist.

Die Infrastruktur ist ein großes Thema, viele Bauten stammen aus den 70er-Jahren, verfallen geradezu. Gelingt es manchmal auch deshalb nicht, eine Schule technisch auf den neuesten Stand zu bringen?

Weingarten: Den dafür nötigen Breitbandanschluss gibt es bei uns in der Region erst seit kurzem. Ohne Internet ist das schwierig. Was häufig vergessen wird: Die Technik allein macht es nicht, Bildungszwecke müssen folgen. Lehrkräfte müssen nicht nur qualifiziert sein, sondern auch für den Unterricht mit Medien aufgeschlossen werden.

Prof. Dr. Marc Kleinknecht: Da sind wir auch beim Thema Fachleute. Dass die Quereinsteiger-Quote in Berlin bei 70 Prozent liegt, ist eine Katastrophe. Niedersachsen hat glücklicherweise noch eine gute Quote, wir sollten dennoch aufpassen, auch weiterhin genügend Personal auszubilden. Es kommt auf die Köpfe an. Eltern wollten ihr Kind nicht zu jemandem schicken, der sich gerade mal eine Woche lang mit Pädagogik auseinandergesetzt hat.

Für all das braucht es auch Geld. Fühlt man sich als Schulleiter verraten, wenn das Milliarden-Bußgeld von VW in Glasfaser und Skalpelle investiert wird, nur nicht in die niedersächsischen Schulen?

Weingarten: Definitiv. Ein Beispiel: Bei uns in Dannenberg wird derzeit das Schulzentrum erneuert. Der Schulträger ist etwas klamm, deshalb sind wir auf Förderung angewiesen. Der nächste Bauabschnitt kann erst dann starten, wenn es neue Gelder gibt. Es braucht einen schnelleren Fluss, ein Schulbau sollte sich nicht über ein Jahrzehnt oder mehr hinziehen.

Dr. Katrin Basold: Zuletzt wurde ja diskutiert, wie viel Prozent des VW-Geldes in Hardware und wie viel in die Lehrkräfte investiert wird. Vermutlich fließt es in die Hardware, dabei sind es Menschen, die damit arbeiten sollen.

Weingarten: Die Botschaft ist immer, dass ein besserer Unterricht mit besserer Medienausstattung gestaltet werden kann. Das ist falsch. Es braucht gute Lehrer.

Apropos: Die Verträge von Lehrern, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten, laufen nach zwei Jahren aus und können auch nicht verlängert werden. Die Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, sind aber noch da.

Weingarten: Wir haben von Anfang an auf die Qualifizierung des eigenen Personals gesetzt und nicht etwa auf befristete Verträge. Wir rechnen immer mit Schülern, die nicht deutscher Herkunft sind. Einen entsprechenden Unterricht zu gestalten, dazu sollte jede Lehrkraft in der Lage sein. Deshalb haben wir dazu auch zwei schulinterne Lehrerfortbildungen veranstaltet.

Hintergrund

Tagung der niedersächsischen Schulleiter

Es war das erste Mal, dass das NLQ eine Tagung nur für die Direktoren in Niedersachsen angeboten hat. Das Landesinstitut ist unter anderem dafür verantwortlich, dass die neu ernannten Schulleiter die verpflichtende Erstqualifizierung erhalten. Darin geht es etwa um Inklusion, Schulrecht oder das Führen schwieriger Gespräche.

Zum Hintergrund der Tagung sagt Dr. Katrin Basold: „Es ist wichtig, den eigenen Raum zu verlassen und entsprechendes Expertenwissen in die Schulen hineinzutragen.“ So seien Schulleiter per Gesetz dazu verpflichtet, für die Qualitätsentwicklung an ihren Schulen zu sorgen. Lange Zeit habe es die Haltung gegeben, dass Lehrer Fortbildungen für Lehrer anbieten sollen.

Einen Studiengang für Schulleiter an der Leuphana anzubieten, kann sich Prof. Dr. Marc Kleinknecht vorstellen. Ebenso wie eine Erstqualifizierung. „Schulleiter sollten Lehrer beeinflussen, sie sind die zentralen Figuren an einer Schule.“

Von Anna Paarmann