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Hausnotruf
Mit einem Hausnotrufsystem wollte Detlef Ossarek-Bruns (r.) mehr Sicherheit für seinen Vater Günther Bruns. Er ärgert sich nun über eine Kostensteigerung. (Foto: t&w)

Die Not mit dem Hausnotruf

Deutsch Evern. Altenpflege ist ein Knochenjob – und bringt Angehörige mitunter an den Rand ihrer psychischen und physischen Grenzen. Gut, dass es Systeme gibt, die zumindest für einige Stunden Entlastung bringen. Der Hausnotrufdienst ist ein solches Instrument, das auch Günther Bruns aus Deutsch Evern seit einigen Wochen benutzen kann. Der Vorteil der Serviceleistung liegt für alle Beteiligten auf der Hand – und trotzdem gibt es großen Ärger.

„Kostenfrei als treuer Dienst, das funktioniert nicht.“ Matthias Körte, DRK-Geschäftsführer

Seitdem Bruns‘ Ehefrau im April dieses Jahres gestorben ist, lebt der 86-Jährige alleine in seinem Haus. Die meiste Zeit verbringt er im Bett, benötigt aufgrund vielfältiger schwerer gesundheitlicher Beeinträchtigungen für jeden Handgriff Hilfe. Die erhält er nur zum Teil: Am Morgen kommt ein ambulanter Pflegedienst, kümmert sich um die Körperpflege, am Abend um das Ausziehen der Kompressionsstrümpfe. Die Masse der restlichen Aufgaben übernimmt der Sohn, der zunehmend an seine Grenzen stößt. Das neue Hausnotrufgerät sollte Abhilfe schaffen.

„Eine gute Sache, aber die Kosten…“

„Wir haben uns bei verschiedenen Anbietern erkundigt und uns dann für das Deutsche Rote Kreuz entschieden“, erklärt Detlef Ossarek-Bruns. „Das schien im ersten Moment auch eine gute Wahl.“ Der Aufbau klappte problemlos, die Installation funktionierte – und als die kleine Tochter später versehentlich ein Stromkabel löste, wurde sofort die Leitzentrale alarmiert, die sich telefonisch bei den Bruns‘ nach der Situation erkundigte. „Alles in allem eine gute Sache“, sagt er. Wenn da nicht die Kosten wären.

Für 18,36 Euro monatlich sollte das Grundpaket zu nutzen sein. So auch die erste Rechnung vom Juni, der wenige Tage später ein schriftlicher Hinweis mit einer Erhöhung folgte. Und die hatte es in sich: Bereits die Juli-Forderung belief sich auf jetzt 46 Euro. „Das ist ein sittenwidriger Betrug“, ärgert sich Ossarek-Bruns. „Und alles nur, weil mein Vater privat versichert ist.“ Ein Irrtum?

Im Ermessen der medizinischen Dienste

Matthias Körte, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Lüneburg erklärt: „Grundsätzlich gilt, dass jeder, der bestimmte Voraussetzungen erfüllt, mit einer Gebührenübernahme durch die Krankenversicherung rechnen kann.“ Das liege allein im Ermessen der medizinischen Dienste der Assekuranzen. Eine Differenzierung gebe es aber trotzdem: „Diejenigen, die gesetzlich krankenversichert sind und einen Pflegegrad haben, zahlen 23 Euro – was in der Regel von den Kassen übernommen wird, Privatzahler das Doppelte.“ Nicht ohne Grund.

„Alle glauben immer, dass Wohlfahrtsverbände ihre Leistungen kostenfrei als treuen Dienst anbieten könnten, das funktioniert aber nicht“, so Körte. Letztlich habe auch das DRK Angestellte, die tarifgebunden bezahlt werden und Fahrzeuge, die unterhalten werden müssen. „Das ist durch die Zahlungen der Krankenkassen gar nicht zu finanzieren.“ Letztlich sei es aber Sache des Kreisverbands, wie er seine Preispolitik gestalte, „und wem das so nicht gefällt, kann den Anbieter ja wechseln.“

Voraussetzungen nicht erfüllt?

Das zieht Ossarek-Bruns jetzt auch in Erwägung. Zumal der medizinische Dienst der privaten Versicherungen nun festgestellt haben will, dass Günther Bruns die kognitiven Voraussetzungen für die Bedienung eines Hausnotrufsystems auch gar nicht erfüllt. Eine Kostenübernahme durch die Versicherung ist somit ausgeschlossen. Die Familie wird auf den Belastungen sitzen bleiben. „Aus Sicht des DRK besteht die Welt aus lediglich zwei Klassen“, sagt Ossarek-Bruns verärgert, „für die sind privat Versicherte alle reich, gesetzlich Versicherte alle arm. Dass es aber auch Beamte im unteren Segment gibt, die im Alter wenige Bezüge haben, steht bei denen nicht im Programm.“

Hintergrund

Ein Stück Unabhängigkeit

Das Hausnotrufsystem gibt es in Lüneburg seit gut 15 Jahren. Es ermöglicht älteren, alleinlebenden Menschen ein großes Stück Unabhängigkeit, da sie mittels einer Uhr am Handgelenk oder eines an einer Kette befestigten Knopfes im Notfall jederzeit Hilfe holen können.

Mithilfe des Handsenders wird durch Knopfdruck eine Sprechverbindung mit der Hausnotruf-Zentrale hergestellt, die alle notwendigen Informationen über den Nutzer gespeichert hat. Dazu muss der Hilfesuchende kein Telefon in die Hand nehmen, da er überall in der Wohnung über Sprechkontakt verfügt. In der Notrufzentrale wird entschieden, welche weiteren Schritte eingeleitet werden müssen. Häufig reicht es aus, Verwandte und Bekannte zu informieren, wer möchte, kann den ambulanten Pflegedienst miteinbeziehen, und im Notfall wird sofort der Rettungswagen alarmiert.

In Stadt und Landkreis Lüneburg gibt es verschiedene Anbieter – darunter das Deutsche Rote Kreuz, der Arbeiter-Samariter-Bund, die Johanniter oder Malteser sowie private Anbieter.

Von Ute Lühr